Von Lady Gaga solange bis Harry Styles: „Konzerttickets sind zu Statussymbolen geworden“

Früher galt es als Höhepunkt einer Künstlerkarriere, eine Arena wie die Londoner O2 Arena auszuverkaufen. Heute wirkt ein einziger ausverkaufter Abend dort fast schon unspektakulär. Raye und Olivia Dean spielen dieses Jahr jeweils sechs Abende in der Halle mit 20.000 Plätzen; Dave gibt vier Konzerte, Ariana Grande sogar zehn.

Harry Styles, der sich nie geschlagen geben will, kündigte letzten Monat sage und schreibe 30 Konzerte im New Yorker Madison Square Garden an, für die sich über elf Millionen Menschen um Tickets im Vorverkauf beworben haben. Hinzu kommen rekordverdächtige zwölf Konzerte im Wembley-Stadion – so viele wie nie zuvor auf einem einzigen Tourabschnitt. Taylor Swift schaffte lediglich acht.

Swifts Eras-Tour, die über zwei Milliarden Dollar (1,7 Milliarden Euro) einspielte, ist alles andere als ein Einzelfall: Coldplays Music of the Spheres-Tour dauerte vier Jahre und brachte 1,5 Milliarden Dollar (1,26 Milliarden Euro) ein, und auch The Weeknds After Hours Til Dawn-Tour läuft bereits seit vier Jahren und hat die Milliarden-Dollar-Marke überschritten.

Es gehört mittlerweile sogar zum guten Ton, dass sich Staatsoberhäupter in den Kampf um Tickets einmischen: Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum bat den südkoreanischen Präsidenten Lee Jae Myung um Unterstützung bei der Buchung weiterer BTS-Konzerte in ihrem Land, genau wie der damalige kanadische Premierminister Justin Trudeau Swift öffentlich zu einem Besuch in Kanada einlud. Die singapurische Regierung finanzierte Swifts sechs Konzerte im Land exklusiv für Südostasien.

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Styles und Swift haben mittlerweile Generationen von treuen Fans, die jede Tournee zu jedem Preis besuchen. Doch das erklärt das Ausmaß der immensen Nachfrage noch lange nicht. Warum sind Megastars so präsent wie nie zuvor – und drohen sie, die restliche Livemusikbranche in den Schatten zu stellen?

Wenn fast das ganze Gehalt für Konzerte draufgeht

Emma Bownes, Senior Vice President für Veranstaltungsprogrammierung bei AEG – dem weltweit zweitgrößten Eventveranstalter nach Live Nation – erklärt: „Nach der Pandemie gab es enormen Nachholbedarf. Als Arenen und Stadien wieder öffneten, strömten förmlich die Menschen zu den Shows, um endlich wieder Livemusik zu erleben.“

Das vergangene Jahr war das umsatzstärkste aller Zeiten für die von AEG betriebene O2 Arena mit 239 Konzerten, und Bownes rechnet nicht mit einem Abschwung. „Wir erwarten ein sehr erfolgreiches Jahr 2026 und nehmen bereits Buchungen für 2027 entgegen.“ Aufgrund der hohen Nachfrage, erklärt sie, „buchen Agenten und Veranstalter ihre Tourneen viel früher als früher und nutzen Teile des Veranstaltungskalenders, die sie vorher nicht in Anspruch genommen haben. Künstler spielten früher im August auf Festivals, aber dieses Jahr haben wir im August zehn Konzerte mit Ariana Grande, Summer Walker und A$AP Rocky.“

Wegen der teuren Tickets gebe ich nicht viel Geld für Kleidung oder Ähnliches aus und kaufe nur das Nötigste ein

Archie Marks, Musikfan

Archie Marks, ein 20-jähriger Student aus Birmingham, ist einer derjenigen, die diese Nachfrage antreiben: Er besucht nach eigener Aussage „die meisten großen Arena-Popkonzerte, die auch von vielen Schwulen besucht werden“, und schätzt, dass er 2025 etwa einmal im Monat ein Arenakonzert besucht hat sowie darüber hinaus einige Stadionkonzerte.

Konzertbesuche sind natürlich teuer, und Marks sagt, er gebe „nicht viel Geld für Kleidung oder Ähnliches aus und kaufe nur das Nötigste ein“, da fast sein gesamtes Einkommen aus der Gastronomie und seiner Lehrtätigkeit für Konzertkarten draufgeht. Er vermutet, dass die zunehmende Popularität dieser Events „viel mit TikTok zu tun hat“, insbesondere weil Clips von Künstlern, die Special Guests auf die Bühne bringen oder neue Songs vorstellen, auf der Plattform viral gehen und so „FOMO“ (Fear of Missing Out) erzeugen, was wiederum die Ticketnachfrage ankurbelt.

Marks nennt als Beispiel seine jüngere Schwester. „Ich liebe sie über alles, aber sie hat so gut wie keinen Musikgeschmack – sie hört nur Musical-Alben“, sagt er. Als Sabrina Carpenter 2025 in Großbritannien tourte, wollte seine Schwester unbedingt zu dem Konzert, obwohl sie Carpenters Musik eigentlich gar nicht mochte. Dasselbe gelte, sagt er, für Styles’ bevorstehende Tour: „Es ist dieses Social-Media-Ding: Man will Zugang zu etwas haben, das sonst niemand hat, oder man will der Erste sein, der Zugang dazu hat.“

Der Druck steigt auch für große Acts

Eine Künstlermanagerin, mit der ich unter der Bedingung der Anonymität spreche – sie hat Erfahrung im Live-Event-Bereich und arbeitet mit einer Künstlerin zusammen, die regelmäßig große Arenen füllt –, sagt, dass begehrte Tickets zu einem Statussymbol geworden sind: „Zu sagen, man war bei der Eras-Tour oder bei Beyoncé, ist enorm wichtig geworden.“ Obwohl sie die hohe Ticketnachfrage für die Musikindustrie als positiv empfindet, macht sie sich gleichzeitig Sorgen um kleinere Künstler in ihrem Portfolio, die noch in Theatern und Clubs auftreten und deren Konzerte Fans möglicherweise verpassen, weil sie teurere Arena-Shows besuchen. „Manche dieser Tickets kosten um die 600 Dollar. Das geht ganz schön ins Geld.“

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Immer mehr Künstler wie Styles entscheiden sich für Konzertreisen, bei denen sie mehrere Abende am Stück in einer Arena oder einem Stadion auftreten, so wie Adele es schon 2024 mit zehn aufeinanderfolgenden Konzerten in München machte. Solche Konzerte sind etwas weniger aufwendig, da die große Bühne mit Ausstattung nur einmal auf- und abgebaut werden muss. Die Reisekosten werden so auf die Fans abgewälzt, anstatt vom Künstler selbst getragen zu werden, was für Fans zusätzliche Ausgaben bedeutet.

Aufgrund dieser Kosten erwartet Marks von Künstlern, die in Arenen und Stadien spielen und dreistellige Ticketpreise verlangen, eine entsprechende Produktion – also kostspielige Shows mit Tänzern, Kostümen, Bühnenbildern und vielem mehr. Letztes Jahr war er von Lady Gagas spektakulärem, opulentem Mayhem Ball beeindruckt, fühlte sich aber von einem Stadionkonzert von Lana Del Rey in Cardiff etwas enttäuscht. „Ich habe für Lana etwas mehr bezahlt, und man konnte nicht genau erkennen, wofür das Budget ausgegeben wurde – die Bühnenshow war nicht besonders beeindruckend, die Setlist deutlich kürzer“, sagt er. „Ich hatte das Gefühl, mein Geld wäre verschwendet, im Gegensatz zu Gaga.“

Die Künstlermanagerin sagt, dass Arena-Acts diesen Druck von den Fans spüren. „Die Leute lassen sich heutzutage sehr leicht ablenken –daher muss man tatsächlich viel Geld in die Produktion investieren. Es wird mehr erwartet, als nur eine professionelle Show.“ Das sei nicht immer einfach, insbesondere weil Tourneekosten nach der Pandemie konstant hoch geblieben seien und ein Team erforderten, das manchmal Hunderte Mitarbeiter umfassen könne. Darunter spezialisierte Lichttechniker, Manager, Bühnenarbeiter und viele mehr, die für die maßgeschneiderte Produktion benötigt würden.

Gut spielen ist oft nicht gut genug

„Selbst bei einer großen Tournee, die Millionen von Dollar einspielt, sind diese Produktionskosten enorm. Es ist nicht so, als würden diese Künstler dadurch superreich werden.“ Die Erwartung, Social-Media-taugliche Spektakel zu erleben, setze auch Indie-Künstler unter Druck, deren Produktionen zu verbessern: „Die Leute erwarten nicht mehr einfach nur eine Band.“

Ariel King, Reporterin des Fachmagazins für Livemusik, Pollstar, analysiert, dass die branchenweite Nachfrage nach Konzerten in den USA in letzter Zeit tatsächlich nachgelassen habe. Sie vermutet, dass es mehr Stadion- und Arena-Shows gebe, weil große Künstler „sich regelmäßige Tourneen leisten können“. Für Künstler der mittleren Kategorie, die in Theatern und Clubs touren, sei es schwierig, da sie „nicht so viel verdienen, eine begrenzte Produktion haben, die Kosten aber trotzdem hoch sind“ – während in Arenen und Stadien Skalierungseffekte zum Tragen kommen.

Selbst wenn Bands alle Register ziehen, gibt es keine Garantie, dass die Fans zufrieden nach Hause fahren. Styles‘ Tourankündigung löste heftige Kritik aus. Einige Fans beschwerten sich über die im Vergleich zu früheren Tourneen unangemessen hohen Preise: Stehplätze im Wembley-Stadion kosteten mindestens 144 Pfund (165 Euro), und während einige Sitzplätze nur 44 Pfund (50 Euro) kosteten, waren andere wiederum mehr als zehnmal so teuer.

Ich war froh, dass Olivia Dean sich gegen die Ticketanbieter zur Wehr setzte. Es braucht mehr Künstler, die sich zu Wort melden, sich zusammenschließen und diese Anbieter boykottieren, denn sie haben ein Monopol.

Ariel King, Journalistin bei Pollstar

Olivia Dean kritisierte Ticketmaster, Live Nation und AEG Ende letzten Jahres scharf, nachdem Tickets für ihre US-Tour, die innerhalb von Minuten ausverkauft war, auf Wiederverkaufsplattformen zu massiv überhöhten Preisen angeboten wurden (eine Praxis, die die britische Regierung im November verbieten wollte).

Die Künstlermanagerin erklärt, es sei „nahezu unmöglich“, Großveranstaltungen ohne einen großen Ticketanbieter wie Ticketmaster zu organisieren, da die Veranstaltungsorte Verträge mit bestimmten Anbietern hätten. „Ich war sehr froh, dass Olivia Dean sich gegen die Ticketanbieter zur Wehr setzte“, sagt sie. „Es braucht immer mehr Künstler, die sich zu Wort melden, sich zusammenschließen und diese Anbieter boykottieren, denn sie haben ein Monopol.“

Trotzdem geben die Fans weiterhin ihr Bestes, um Tickets für bestimmte Konzerte zu ergattern; Marks erzählt, seine Mutter sei „ungefähr auf Platz 300.000“ der Warteschlange für Styles’ Konzert in London gewesen. Doch nur weil ein Weltstar auftritt, heißt das nicht unbedingt, dass das Konzert besser ist. „Ich war mal für 15 Pfund bei einem Konzert von Perfume Genius in Manchester“, sagt Marks, „und es war eines der besten Konzerte, die ich je besucht habe.“ Er sagt zum Abschluss: „Da waren nur er, seine Band und ein Stuhl. Und es war einfach gigantisch.“

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