Von Fred Frith solange bis Münchner Tatort – und natürlich Alexander Kluge

Hallo,

herzlich willkommen zu Endlich Freitag! Ich bin Michael Angele und leite das Debatten-Ressort beim Freitag.

Erst Habermas, jetzt Kluge. Gestern wurde bekannt, dass der Filmemacher, Schriftsteller und Rechtsanwalt (auch das!) Alexander Kluge im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Eine Epoche geht zu Ende, man spürt es, „Abschied von gestern“. Aber vielleicht erst mal einen Gang zurückschalten. Manchen von Ihnen ist Kluge vielleicht nur vage in Erinnerung mit Fernsehsendungen, die völlig aus dem Rahmen von Sat.1 oder Vox fielen, wo sie zu später Stunde liefen.

Ich wiederum erinnere mich zuerst an ein langes Gespräch, das die halbe Freitag-Redaktion mit ihm 2009 über Skype geführt hat. Kluge schickte ein Kamerateam in die Redaktion und ließ uns beim Interviewen filmen. Pardon, Interviews wollte er ja nicht führen, sondern Gespräche. Ich weiß nicht, was mit dem Material geschehen ist.

Wir waren ehrfürchtig. Es war nicht nur die Fülle von Wissen, die beeindruckend, sogar ein wenig einschüchternd wirkte, sondern auch die Form ihrer Vermittlung; wenn immer es ging, sprach er in Geschichten, Anekdoten, die wie Gleichnisse wirkten (viele davon erfunden), was ihm die Züge eines modernen Orakels verlieh. Jetzt beim Wiederlesen bin ich verblüfft, wie positiv er über die Zukunft des Internets gesprochen hat.

Oder jenes Gespräch, das Kluge mit Barbara Schweizerhof und Mladen Gladic über seine Rekonstruktion des Jahres 1990 geführt hat. Es ist vor allem ein Gespräch über verpasste Gelegenheiten geworden: „Die DDR hätte ein viertes deutschsprachiges Land neben Österreich und der Schweiz werden können, mit einer in wichtigen Teilen intakt gebliebenen Industriestruktur. Die Elemente dazu waren vorhanden, und den Willen, diese Elemente miteinander zu verbinden, gab es an den Runden Tischen und in dem Teil der Bevölkerung, der mehr haben wollte als die D-Mark.“

So könnte man nun endlos weiterfahren, sein Werk ist ein Bau mit unzähligen Eingängen und das ist in seinem Fall keine Floskel.

Hier geht es zum Nachruf von Hans Hütt.

1. Heute wichtig

  • Die Linke muss sich entscheiden: Wird sie zur antiisraelischen Klientelpartei oder zu einer gesellschaftlichen Kraft gegen den Rechtsruck – gegen Antisemitismus und Rassismus? Ein Appell von Monty Ott
  • Was machen mit Friedrich Merz? Äußert man sich nun zur redundanten „Zuwanderer sind das Problem“-Aussage des Bundeskanzlers, die er am Mittwoch im Bundestag tätigte – oder lässt man es bleiben? Die Krux der Aufmerksamkeitsökonomie beschreibt Ebru Taşdemir
  • Honorarkürzungen treiben Psychotherapeut:innen auf die Straße. Psychotherapeutin Daniela Göttlicher schrieb unserer Autorin einen Leserbrief. Im Gespräch mit Elena Jäkel erklärt sie, warum die Debatte zu kurz greift und das Problem tiefer liegt

2. Made My Day

Placeholder image-1

➜ Echt jetzt? Als ich heute früh auf dem Weg zum Büro war, las ich, dass sich der gestrandete Buckelwal von seiner Sandbank befreien konnte und durch die Lübecker Bucht in Richtung offenes Meer schwamm. Was für eine schöne Entwicklung. Aber nun, während ich das schreibe, muss ich lesen, dass er wieder zur Sandbank zurückgeschwommen ist. Das Zittern geht weiter.

3. Kultur-Tipp

Placeholder image-2

➜ Gut zu hören: Nachdem ich letzte Woche auf die Rezension des neuen Albums von The Notwist hingewiesen habe, schrieb mir ein Leser, dass ihn die Band an den Komponisten, Gitarristen und Elektronica-Experimentator Fred Frith erinnere – „im Hinblick auf die Vielfalt der musikalischen Einflüsse und Ideen, der in der Populärmusik eher seltenen, Instrumente und den erzeugten Sounds“.

Fred Frith? Kennen Sie das nicht auch? Es gibt Namen in der Popkultur, die begleiten einen ein halbes Leben lang, aber aus irgendwelchen Gründen hat man sich mit ihnen nicht beschäftigt. Der Brite Fred Frith ist so einer. Zwar wusste ich, dass es über ihn den Dokumentarfilm Across the border gibt, gesehen habe ich ihn allerdings nicht. Frith versucht den Spagat zwischen Avantgarde und populärer Musik. Vielleicht braucht man ein gewisses Alter, um dafür reif zu sein.

4. Lese-Empfehlung

Placeholder image-3

TV: Ich freue mich jetzt schon auf die Doppelfolge Münchner Tatort an Ostern. Darin werden sich die Kommissare Batic und Leitmayr verabschieden. Wenn es nach meinem Kollegen Carlos Hanke Barajas geht, kann sich der Tatort gleich mit verabschieden. Wie kann es sein, dass das Lagerfeuer der Nation in Deutschland mit der Polizei bestritten wird? Carlos, der in Kolumbien aufgewachsen ist, hat dazu eine These: „Wo eine Gesellschaft von Ordnung und Sicherheit geprägt ist, wie es die deutsche im globalen Vergleich nunmal ist, werden Geschichten über Kriminalität schnell zur Unterhaltung. Wo Kriminalität hingegen den Alltag bestimmt, wie in Lateinamerika und anderen Ländern des globalen Südens, dominieren Formate wie Telenovelas das Fernsehprogramm.“

Könnte was dran sein. Aber dem Batic und dem Leitmayr habe ich beim Fällelösen halt trotzdem gerne zugeschaut.

Placeholder image-7

„Ich bin jetzt Teil eines deutschen Kulturguts“, freute sich Melika Foroutan zuletzt im Gespräch mit Max Czollek im Freitag über ihre Rolle als Frankfurter Tatort-Kommissarin, nachdem sie kurz zuvor (zurecht) Polizeigewalt angeprangert hatte. Mich lässt das zugegebenermaßen mit Unverständnis zurück.

Als jemand, der in Kolumbien geboren ist, und mittlerweile seit 25 Jahren in Deutschland lebt, verwundert es mich, dass es noch immer Phänomene in diesem Land gibt, die ich noch nicht so ganz verstehe. Eines davon ist die Faszination der Deutschen für ihren Tatort.

zum ganzen Text

Viele Grüße,

Ihr Michael Angele

Placeholder image-5

Sie lesen Endlich Freitag! – der Blick auf den Tag – direkt aus der Freitag-Redaktion. Sie können Endlich Freitag! auch als Newsletter abonnieren. Hier können Sie sich registrieren

Placeholder image-4

Hat Ihnen die Ausgabe gefallen oder haben wir etwas vergessen? Dann freuen wir uns über euer Feedback – per Mail an m.angele@freitag.de

AlexanderAngeleAntisemitismusBarbaraBauBevölkerungBundestagCarlosDDanielaDDRDeutschlandElenaEndeEntwicklungFernsehsendungenForoutanFreitagFriedrichFriedrich MerzGesellschaftHabermasHansHörenJäkelKlugeKollegenKolumbienKriminalitätKulturKurzLangLateinamerikalebenLinkeMMANMarkMaxMelikaMerzMichaelMusikNewsletterOsternÖsterreichPolizeiPolizeigewaltPopkulturRassismusReifSat.1SchriftstellerSchweizSicherheitSkypeTAGUnterhaltungVermittlungWeißWissenZukunftZur