Die Künstlerin Marie Jeschke geht für ihre Bilder auch mal in Klärwerken schwimmen. In der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock befasst sie sich in „Fluide Grenzen“ jetzt mit der Flucht aus der DDR
Marie Jeschkes Thema sind aber nicht die menschliche Fäkalien, sondern ganz allgemein das Wasser
Foto: Jaclyn Locke
Man könnte sagen, dass diese Künstlerin mehr oder weniger mit Scheiße arbeitet – das könnte dabei helfen, Aufmerksamkeit zu bekommen –, aber ganz so drastisch ist es nicht. Marie Jeschke heißt sie, und für ihre Bilder geht sie schon mal in Klärwerken schwimmen. Was sie dort sucht, sind menschliche Informationen. Sie fragt sich: Welche Geschichten kann Abwasser erzählen? Was hat dieses Wasser alles gesehen, und kann man das noch spüren? Mit diesen Fragen taucht die Berliner Künstlerin unter, nimmt ihre Leinwand mit und versucht, diese Geschichten auf ihre Bilder zu bringen. Es ist ein bildgebendes Verfahren, das sie „Unterwasser-Recordings“ nennt.
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Vor ein paar Monaten zeigte sie in Berlin eine Lichtinstallation, die mit der Betätigung von Klospülungen eines Hauses zusammenhing – bei Betätigung leuchtete sie jedes Mal auf –, und sie entwickelte schneekugelhafte Skulpturen, in denen Feuchttücher schweben, jenes Produkt, das reinliche Menschen gerne verwenden, wobei sie aber ignorieren, dass es Kanalisationen verstopft und nicht aufbereitet werden kann. In England bilden sich ihretwegen regelmäßig große Fettberge in der Kanalisation, in der Themse hat sich sogar eine tonnenschwere Insel aus ihnen gebildet, die man „Wet Wipe Island“ nennt.
Aber Marie Jeschkes Thema ist nicht die menschliche Fäkalie, sondern ganz allgemein das Wasser. Und seit ein paar Jahren beschäftigt sie sich vermehrt auch mit Fluchtgeschichten. Sie erschwimmt Orte an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, Ostsee, Flüsse, durch die Menschen in die vermeintliche Freiheit schwammen oder es versuchten. Kein Reenactment soll das sein, kein Nachvollziehen, sondern „ein Hineinspüren mit Hilfe von Membranen – Leinwand – in das fluide Gewässer“, weil sie glaubt: Wasser ist ein Informationsspeicher. Also immer rein da.
Nun stellt Jeschke in dieser Woche in der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock, der ehemaligen Untersuchungshaft der Staatssicherheit, aus. Fluide Grenze heißt diese Ausstellung, in der sie sich mit der Flucht über die Ostsee beschäftigt. Das tut sie auch in Anbetracht der eigenen Familiengeschichte, zu der das Wasser gehört wie auch das Leben in der DDR. Jeschke ist 1982 in Rostock geboren, ihre Eltern, von der Stasi ins Visier genommen, schufen sich und den Kindern etwas Freiheit mit dem eigenen Segelboot. Ein naher Verwandter floh. Und als Erwachsene ging es mit ihr und dem Wasser weiter, sie lernte erst Segeln, dann das Freitauchen. Später probierte sie mit der Leinwand unter Wasser herum und suchte geeignete Pflanzenfarben, die sie dort zum Teil verwendet. Ihre Arbeit versteht sie als Zusammenarbeit mit Gewässern, sagt sie.
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Manchmal dienen ihr die Leinwände auch als Orte des Ausruhens, wie ein Floß. Was Jeschke dann im Wasser findet, ist ein Ort für die Auseinandersetzung mit der eigenen DDR-Erfahrung, das nicht Gesagte, das nicht Verstandene, das sie als Kind erlebte.
Im ehemaligen Stasi-Knast sind nun ihre Bilder zu sehen, die in Schichten nicht verständliche Geschichten zeigen. Es sind Bilder voller Bewegung, die mit dem Einsatz von Jeschkes Körper entstehen. „Wie viele der Gesten in meinen Bildern sind menschlich und wie viel davon wird von den Kräften des Wassers beeinflusst und geformt?“, fragt sie. So erzählen ihre Bilder auch Geschichten von Veränderung und Wahrnehmung. Von Ländergrenzen, die nicht sichtbar, nicht fühlbar sind und trotzdem über Leben und Tod entscheiden.
Neben ihren Unterwasserbildern zeigt sie auch ortsspezifische Videoarbeiten und Installationen. Auch an Stellen im Gebäude, die der Öffentlichkeit nur selten zugänglich sind, wie Küche und Freihof. Das erste Mal arbeitet sie mit Wasser direkt am Ausstellungsort und füllt 1.620 Liter Ostseewasser in 135 Eimer, die sie im Freihof aufstellt. Für jeden Grenztoten einen Eimer. Blau sind sie und lassen das meist grünbraun wirkende Ostseewasser so aussehen, wie es weit unter Wasser aussieht, sagt Jeschke. In einer Tiefe, die nur Menschen sehen können, die dort ertrinken oder tauchen können. Was dieses Wasser wohl erzählt, während es verdunstet? Was wir wohl sehen, wenn wir uns darin spiegeln?
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Fluide Grenze Kunstverein zu Rostock, Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock, bis 30. April 2026