Von „Drecksarbeit“ zu „nicht unser Krieg“ – So reagieren Israelis hinaus Merz’ Kurswechsel

Bundeskanzler Merz lehnt einen deutschen Schutz der Straße von Hormus ab. Noch im vergangenen Jahr äußerte er Dankbarkeit für Israels hartes Vorgehen gegen das Mullah-Regime. In Israel fallen die Reaktionen unterschiedlich aus.

Als Israel und die USA im Juni 2025 die iranischen Atomanlagen in Isfahan bombardierten, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz, Israel mache dort die „Drecksarbeit“ für Europa. Das kam sehr gut an in Israel, man fühlte sich verstanden.

Jetzt forderte US-Präsident Donald Trump die Europäer auf, den Worten Taten folgen zu lassen, bei dieser „Drecksarbeit“ zu helfen, Schiffe in die Straße von Hormus zu schicken, um trotz iranischer Drohungen Ölexporte zu ermöglichen. Prompt kam aus dem Kanzleramt eine Absage.

Der Ex-Verteidigungsminister und Oppositionspolitiker Benny Gantz sagte dazu in einem Briefing vor Journalisten: „Ich denke, Friedrich Merz hat wenigstens zugegeben, dass wir die ‚Drecksarbeit‘ für alle anderen machen, die anderen sagen das nicht einmal.“ Eine tatsächliche Zusammenarbeit mit den Deutschen sei daraus allerdings nicht hervorgegangen. „Ich denke, das ist ein Fehler. Denn der Iran ist eine globale Herausforderung“, sagte Gantz.

Geteilte Erwartungen an Merz

WELT hat in Tel Aviv mit Israelis verschiedener politischer Ansichten gesprochen und sie um eine Einschätzung zu Merz’ Absage an die USA gebeten. In Ramat Gan, einer Stadt am Ostrand von Tel Aviv, zeigt sich, wie zerrissen Israel auch bei dieser Frage ist.

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Meir Redlich ist Professor für Kieferorthopädie und Sohn eines Auschwitz-Überlebenden. Kurz vor Beginn seines Feierabends steht der 70-Jährige in seinem weißen Kittel vor einem kleinen Lebensmittelladen in gemütlicher Nachbarschaft. Er sei während des letzten Iran-Kriegs im Juni 2025 in Berlin gewesen, um ein Konzert von Bruce Springsteen zu besuchen. „Dann brach der Krieg aus und ich steckte für eine Woche in Berlin fest. Ich erinnere mich, dass sich der Kanzler Merz für Israel ausgesprochen hatte“, sagt er.

Er sei links und habe kein Problem damit, dass Merz jetzt nicht helfen wolle. „Er ist einer der wenigen, die in der Ukraine helfen, da hat er genug zu tun. Und was er schon für Israel getan hat, ist wunderbar.“ Der Krieg mit dem Iran sei nicht das Problem Europas, sagt Redlich.

Der 30-jährige Gitarrenlehrer Itai trägt einen LA-Lakers-Pullover und einen Nasenring. Er möchte wie einige für diese Recherche Befragte nicht, dass sein Nachname genannt wird. Verließe man sich auf gängige Klischees, würde Itais Kleidungsstil auf eine eher linke politische Gesinnung hindeuten. Doch seine Ansichten sind konservativer als die von Professor Redlich. „Ich denke, Deutschland ist Verbündeter der USA in der Nato und sollte helfen. Denn das ist sowohl für die Sicherheit als auch für die Wirtschaft Deutschlands wichtig“, sagt er. Dann ergänzt er, was auch einige Rechtskonservative außerhalb Europas denken: Der alte Kontinent drohe, von Islamisten überrannt zu werden.

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Das Problem, das Israel habe, sei ein weltweites Problem, sagt Itai. „Wir glauben, dass die Islamisten wie Hamas und Hisbollah auch in Europa die Macht übernehmen wollen. Und wir wollen das stoppen.“ In Schweden und Deutschland würden Frauen vergewaltigt, weil Angela Merkel so ein gutes Herz gehabt und diese Leute hereingelassen habe. Es gebe einfach Dinge, die man mit Gewalt tun müsse, um in Frieden leben zu können. Dazu gehöre jetzt der Krieg gegen den Iran. „Frieden gibt es nur durch harte Arbeit“, sagt Itai.

Uneinigkeit auch im privaten Umfeld

Zvia, Anfang sechzig, und ihre ebenso alte Freundin Sigalit kommen gerade vom Einkauf. Ihre Ansichten zur politischen Lage sind sehr unterschiedlich. Dass Merz seinen Worten offenbar keine Taten folgen lässt, kann Zvia nachvollziehen: „Das wird ein langer Krieg ohne wirkliches Ziel. Trump will da jetzt groß auftrumpfen, ich verstehe den deutschen Kanzler, dass er sich da heraushalten will.“ Sie hat dunkle Augen und einen gutmütigen Blick. Ihre Großmutter floh aus Nazi-Deutschland. Der deutschen Sprache wollte sie dennoch verbunden bleiben und kaufte nach dem Krieg regelmäßig die „Bild-Zeitung“ an einem Zeitungskiosk in Tel Aviv.

Sigalit schüttelt mit dem Kopf und widerspricht ihrer Freundin: „Ich glaube, dass dieser Krieg überlebenswichtig für uns ist. Wir müssen diese Sachen jetzt tun. Warum will der deutsche Kanzler nicht dabei helfen? Ich hätte erwartet, dass Deutschland hilft. Wir fressen hier seit Wochen die iranischen Raketen.“ Sigalits Mann ist Leser der linken Tageszeitung „Haaretz“ und schaut vermutlich wiederum anders auf den Konflikt. In Israel sind solche Meinungsverschiedenheiten innerhalb des engsten Kreises keine Seltenheit. Die politische Polarisierung geht oft mitten durch Familien und Freundschaften.

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Tal ist Betreiberin eines Lebensmittelladens und bezeichnet sich selbst als linksradikal. „Das ist nicht der Krieg von Merz“, sagt die 45-Jährige. „Wir selbst wissen ja gar nicht, wann das aufhören soll. Ich verstehe nicht, was das Kriegsziel ist, wo wir uns hinbewegen.“ Und sie glaubt, dass Israel gerade im eigenen Land viel größere Probleme zu lösen hat. „Ich denke, für unsere Zukunft ist es am wichtigsten, dass wir eine Übereinkunft mit den Palästinensern finden.“

Mit Tal Rabina, dem Direktor für Strategie des rechtskonservativen EIPA (European Israeli Press Association), spricht WELT telefonisch. Der 66-Jährige steht politisch in etwa konträr zur Lebensmittelhändlerin Tal. „Nach dem 7. Oktober sagten wir: ,Der Westen ist als Nächstes dran.‘ In den vergangenen Tagen brannten in Europa Synagogen“, sagt Rabina. Der Westen sei bereits in Gewalt des radikalen Islam. Europa werde immer weniger Europa. „Ich denke, dass Merz einer der wenigen ist, die zu Israel stehen. Er hat Moral bewiesen.“ Dass aber jetzt die Straße von Hormus als Geisel genommen werde und Europa nicht helfen wolle, sie zu sichern, sei schade. „Wenn die westlichen Länder da nicht eingreifen, wird das außer Kontrolle geraten.“

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Source: welt.de

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