Von Curling solange bis Fake News: Schmerzhafte Erkenntnisse und kluge Köpfe

Hallo,

am Montag muss ich zum Zahnarzt. Eine neue Brücke ist überfällig. Ich habe die Behandlung so lange herausgezögert, bis die Brücke bedenklich wackelte, obwohl ich eine Zahnzusatzversicherung habe. Für viele Menschen aber bedeutet eine neue Brücke viele hundert Euro Zusatzkosten, die sie schlicht nicht haben, selbst wenn die gesetzliche Krankenkasse anteilig zahlt. Noch zahlt, muss man sagen, denn wenn es nach dem Wirtschaftsrat der CDU geht, sollen Zahnbehandlungen gänzlich privat beglichen werden.

Beschränkung der Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall, Streichung der Mütterrente, Angriffe auf den Acht-Stunden-Tag – die Zahnbehandlungen sind bekanntlich nur ein Teil von „Vorschlägen“ aus CDU-Kreisen, die sich zu einer Kampagne gegen den Sozialstaat summieren: Mein Kollege Sebastian Bähr hat diese Entwicklung neulich in aller Deutlichkeitkommentiert.

Klar, bei vielen der geplanten Einschnitte, namentlich auch bei der neuen Grundsicherung, die das Bürgergeld ersetzen soll, denken sich viele: Was geht mich das an, ich habe ja einen festen Job? Und selbst beim Vorschlag des Arbeitgeberverbands, die Lohnfortzahlung zu beschränken, glaubt man, dass es einen nicht betrifft, weil man sich letzten Endes doch für fit hält.

Aber mit den Zähnen sieht das etwas anders aus.

Helena Steinhaus, die Publizistin und Gründerin von Sanktionsfrei,sieht darin eine gute Nachricht: „Dieser Wirtschaftsverband legt sich gerade mit 75 Millionen Menschen an. Und das ist ein Grund zur Hoffnung. 16,1 Prozent der Bevölkerung verfügen gerade mal über ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze und nur jede*r Dritte hat überhaupt Reserven. 27 Prozent der Deutschen besitzen gar nichts, null Komma nichts. Oder sie haben sogar Schulden. Aber 75 Millionen Deutsche sind gesetzlich versichert.“

1. Heute wichtig

  • Doku Coexistence, My Ass: Noam Shuster Eliassi setzt sich seit Jahren in ihrer Stand-up-Comedy für das gleichberechtigte Zusammenleben von Israelis und Palästinensern ein
  • Der nächste Schwung an Epstein-Files, der Ende Januar veröffentlicht wurde, offenbart weitere Verstrickungen der mächtigsten Menschen weltweit aus Politik, Tech und Entertainment. Eines eint die Gruppe

2. Made My Day

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Olympische Winterspiele: Heute ist der Auftakt zu den Olympischen Winterspielen in Norditalien. Als kritischer Zeitgenosse nahm man im Vorfeld vor allem die Probleme wahr. Die Amerikaner haben ICE-Beamte im Schlepptau, russische Athleten dürfen an den Start, ohne Flagge und Team zwar, stößt aber doch auf Kritik. Und dann fehlt auch noch der Schnee, um die Spiele zu den versprochenen ökologischen zu machen. Da ist es schon fast ein guilty pleasure, wenn man sie verfolgt.

Dennoch läuft, während ich diesen Newsletter schreibe, Curling aus Cortina über den Stream. Mit einem Auge verfolge ich das Mix-Spiel Italien gegen die Schweiz in dieser auf den ersten Blick recht kuriosen Sportart, in der ein Stein mit Griff langsam drehend übers Eis gleitet, begleitet von intensivem Besenwischen. Tatsächlich aber ist es spannend. Im Moment steht es gerade 3:3 und den Schweizern ist es nicht gelungen, einen Stein so zu platzieren, dass den Italienern der Weg ins „Haus“ versperrt wird. Falls Sie in den nächsten Wochen mit Fachwissen glänzen wollen, geht es hier zu den Curling-Regeln.

3. Kultur-Tipp

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➜ Gut zu sehen: A propos Schweiz. Neulich exilierten namhafte deutsche Intellektuelle zu einer Konferenz in die Schweiz, weil man dort angeblich freier denken und sprechen kann. Nun ja. Sicher ist aber, dass das Schweizer Fernsehen eine ganz formidable Nachdenk-Sendung hat. Die Sternstunde Philosophie. In der aktuellen Folge begegnen sich auch wiederum zwei Deutsche. Der Moderator Wolfram Eilenberger (bekannt durch seine Philosophie-Bestseller) und der Soziologe Nils C. Kumkar. Es geht um Fake News. Man ist nach der Sendung klüger. Wussten Sie zum Beispiel, dass Fake News ursprünglich eine Satire-Sendung meinte, bis Trump 2016 ihnen die Bedeutung von Desinformation gab?
Die Folge im Video

4. Lese-Empfehlung

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Russland und seine Literatur: Seit Putins Angriff auf die Ukraine steht russische Kultur nicht mehr hoch im Kurs. Manchmal schießt man dabei übers Ziel hinaus. So lohnt eine Beschäftigung mit der russischen Literatur allemal. Ich habe Irmtraud Gutschke gebeten, uns fünf Werke vorzustellen, aus denen man ein tieferes Verständnis Russlands gewinnt.

Mit besonders viel Herzblut schreibt sie über die Novelle Goldspur der Garben (1963) von Tschingis Aitmatov. Gutschke kannte Aitmatov persönlich. Und zu seinem Werk schreibt sie: Es „vereinte alles, was die russische Literatur ausmacht: das Sendungsbewusstsein, Gewissen der Nation zu sein, den nachdenklichen Blick auf die Geschichte und den kritischen Ernst, die Gegenwart zu betrachten. Das beharrliche Festhalten an humanistischen Idealen und ein tragisches Weltgefühl angesichts der Realität. Er war keineswegs politisch naiv.“

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Russische Literatur ist eine ernste Sache, nicht als Spaßlektüre gedacht. Sie war geprägt von schmerzhafter Wirklichkeit, aber immer wieder angefeuert auch von einem Patriotismus, der dieses Land so stark macht. Wobei, wie gesagt, Leser von Literaten erwarten, alles Staatliche auch in Frage zu stellen. „Der Große Vaterländische Krieg“, als grundlegende Prägung Russlands im 20. Jahrhundert, wurde als Überlebenskampf gegen Nazi-Deutschland zunächst patriotisch begleitet, in der Literatur aber zunehmend moralisch hinterfragt.

Werken, die den Kampfgeist stärken sollten, wie die Gedichte von Konstantin Simonow, folgten von eben diesem Schriftsteller eher nachdenklich fragende Romane (Die Lebenden und die Toten,Man wird nicht als Soldat geboren,Der letzte Sommer). Zunehmend spiegelten Autoren das Trauma des Krieges, welches ja bis heute nachwirkt.

Die Leningrader Blockade dauerte 872 Tage. 1,1 Millionen Zivilisten starben durch Hunger, Kälte und Bomben. Der Leningrader Schriftsteller Daniil Granin, der selbst zu den Verteidigern Leningrads gehörte, hat darüber zusammen mit seinem belorussischen Kollegen Ales AdamowitschDas Blockadebuchgeschrieben, dessen zwei Teile 1984 und 1987 bei Volk und Welt erschienen. Und trotzdem gab es – nicht nur bei ihm – diese Liebe zur deutschen Kultur. Mit 95 Jahren hat er dazu 2014 eine bewegende Rede vor dem Deutschen Bundestag gehalten.

➜ zum ganzen Text

Und damit sind wir auch schon wieder am Ende dieser Ausgabe. Ich wünsche Ihnen ein gutes Wochenende, vielleicht ja auch mit etwas Olympia am Bildschirm oder einem russischen Roman im Bett.

Viele Grüße,

Ihr

Michael Angele

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Wird der soziale Kahlschlag Erfolg haben? Würde mich echt interessieren – per Mail anm.angele@freitag.de

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