„Ich hab ein’n grünen Pass mit ’nem goldenen Adler drauf. Dies bedingt, dass ich mir oft die Haare ’rauf“ – mit diesen Zeilen fing vielleicht nicht alles, aber doch einiges an. Anfang der 1990er Jahre, wo deutsche Reisepässe noch nicht europäisch und daher armeegrün statt weinrot sind, ist Rap auf Deutsch ein noch vergleichsweise junges Phänomen.
Mit Advanced Chemistry sticht aber bereits in diesen Pionierjahren eine hochpolitische Gruppe heraus. Die Single Fremd im eigenen Land (1992) erscheint im selben Jahr, in dem Rechtsextreme unter Applaus der lokalen Bevölkerung ein Wohn- und ein Asylbewerberheim im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen verwüsteten.
Kofi Yapko alias „Linguist“ beginnt den Track mit einer Erzählung über seinen von Diskriminierung und Rassismus durchzogenen Alltag in einem Deutschland, in dem er geboren und aufgewachsen ist: „Ein echter Deutscher muss auch richtig Deutsch ausseh’n. Blaue Augen, blondes Haar, keine Gefahr. Gab’s da nicht ’ne Zeit, wo’s schon mal so war?“
Solche Worte waren 1992 ein bemerkenswertes Gegenstück zu Rap-Gruppen wie Die Fantastischen Vier, die im selben Jahr mit dem inhaltlich nahezu vollständig belanglosen Track Die Da?! die erste kommerziell erfolgreiche Deutschrap-Single hervorbrachten.
Von Advanced Chemistry beeinflusst, begann im Deutschrap-Untergrund aber etwas zu brodeln. Noch im selben Jahr gründete sich die Gruppe Anarchist Academy, deren Songs und Texte mit Titeln wieHow To Kill A Racist oder Alle Macht den Räten das Problembewusstsein deutlich voraussetzten und schon gleich zur Handlungsanweisung übergingen.
Linker Rap wird zunehmend migrantisch, weiblich und queer
Zwar gab es schon in den 1990er-Jahren vielerlei migrantischen, deutschen Rap. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis dieser eine entsprechende Würdigung erhielt. Die erfolgreicheren Vertreter*innen des noch jungen deutschen Raps standen hingegen vor einem Problem.
Das Genre kam aus den USA und war dort untrennbar mit dem Kampf um Anerkennung und Diskriminierungsfreiheit der Schwarzen Bevölkerung verbunden. Weiße deutsche Mittelstandskids konnten zwar rappen, ein gehöriger Teil der kulturellen Genese dieses Genres ließ sich aus ihrer Perspektive heraus jedoch nicht authentisch wiedergeben.
Das änderte sich bald. Während aber Deutschrap mit Künstler*innen wie Kool Savas, Sabrina Setlur, Afrob oder Bushido in den 2000er-Jahren zwar diverser und erfolgreicher wurde, blieben politische Acts in der Unterzahl. Künstler wie Chaoze One, Pöbel MC, Disarstar oder die Gruppe Waving the Guns wurden mal pejorativ, mal stolz unter dem Begriff „Zeckenrap“ einsortiert. In den 2000er und 2010er Jahren gesellten sich zum überwiegend weiß und männlich geprägten linken Deutschrap zunehmend weibliche, migrantische und queere Künstler*innen wie Lena Stoehrfaktor, Ebow oder Sookee.
Erfolgreich ist diese spürbar grundsätzlicher orientierte Sorte Deutschrap – „Während alle den Boss markieren, gründen wir ’ne Gewerkschaft“, heißt es in Perlen vor die Säue(2019) von Waving the Guns, „Mensch braucht keine Herrscher“ auf Bildungsbürgerprolls (2020)von Pöbel MC – heute zum Teil mehr denn je. Daneben verarbeiten Rap-Gruppen wie K.I.Z., Zugezogen Maskulin oder die Antilopen Gang linke Themen von Nationalsozialismus bis Nahost-Konflikt eher mit Mitteln der Übertreibung, Provokation und Blödelei, und füllen damit teils große Veranstaltungshäuser.
Gangster-Rapper als wichtige Identitätsfiguren
Auch migrantische Realitäten kommen im deutschen Rap (wieder) öfter zur Geltung und halten – anders als noch zu Zeiten von Advanced Chemistry – zunehmend Einzug in Charts, Radio-Rotations oder ins Fernsehen. Rapper*innen wie Ebow oder Apsilon thematisieren in ihrer Lyrik das Aufwachsen ohne Geld und mit dem Gefühl, von Staat und Mehrheitsgesellschaft nicht erwünscht zu sein.
Diese Perspektiven bildet Deutschrap aber auch ganz anders ab: Als „Schlüsselfigur“ für „kurdische Menschen und alle anderen, denen gesagt wurde. Du bist heimatlos!“ bezeichnete der Autor Tahsim Durgun im Freitagden deutsch-kurdischen Gangster-Rapper Xatar, der im Mai vergangenen Jahres überraschend gestorben war. Ähnliches wurde auch schon über den Rapper Haftbefehl geschrieben.
Zwar geht es auch in deren Texten gelegentlich um Armut, Diskriminierung, Repression – zu explizit linken Schlussfolgerungen abseits der Verachtung von Obrigkeiten aller Art gelangen diese Protagonisten aber in der Regel nicht. Eher gegenteilig gehört ein performativer Umgang mit Luxusgütern und ein eher neoliberales Leistungsparadigma zur korrekt ausgeführten Show im Gangster-Rap. Und dennoch: „Er zeigte mir, dass es okay ist, dass es gut ist, womöglich sogar das Größte der Welt, Kurde zu sein“, schreibt Durgun über Xatar.
Wie groß der Einfluss solcher „Schlüsselfiguren“ auf das Bestreben nach – auch und insbesondere linkspolitischer – Teilhabe seitens nicht nur Migrant*innen in Deutschland war und ist, zeichnet sich gerade erst ab. Apsilon sprach unter anderem 2024 bei einer der vielen Demonstrationen gegen die AfD vor rekordverdächtigem Publikum; seinen Auftritt beim vergangenen Preis für Popkultur nutzte er zur ausführlichen Solidaritätsbekundung für Palästina. Ebow thematisiert neben Rassismus auch Sexismus, in- und außerhalb von ihren Texten: Vergangenen Monat spielte sie auf einer Demonstration gegen sexualisierte Gewalt in Berlin.
Immaterielles Kulturerbe
Die Frage nach dem Spannungsverhältnis zwischen Repräsentation und Inhalt macht es nicht einfacher, Rapper*innen eindeutig politisch zu verorten. Während Ikkimel mit ihrer subversiv-pornografischen Performance für einige eine Ikone weiblicher Selbstermächtigung darstellt, können andere daran wenig bis nichts Emanzipierendes entdecken.
Gerade im gesamtgesellschaftlich immer weniger links geprägten Ostdeutschland wächst aber politisch wieder offensiverer, linker Nachwuchs heran: Das vorpommernsche Rap-Duo Hinterlandgang machte zuletzt mit dem Track Sport im Osten Stimmung gegen „Faschos“ in einem Bundesland, dem noch dieses Jahr die landespolitische rechte Übernahme droht. Und in Leipzig schießt der Rapper HeXer verbal nicht nur gegen rechte Musiker*innen, sondern positioniert sich unter Zuspruch eines wachsenden Publikums auch gegen Aufrüstung und Wehrpflicht.
Während an einer Stelle der linke Deutschrap auflebt, wird er von seinem kulturhistorischen Ausgangspunkt her schon kanonisiert. 2023 erklärte die UNESCO den Heidelberger Hip-Hop – und damit Advanced Chemistry – zum immateriellen Kulturerbe. Wie politisch deren Pionierleistung war, davon finden sich in der Würdigung höchstens Spuren. Stiftungssprachlich heißt es: „Aufgrund der historischen Rolle Heidelbergs gilt die Stadt als Erinnerungsort für die Entwicklung der deutschsprachigen Hip-Hop-Kultur. Sie zeichnet sich durch ihren offenen Partizipationscharakter und eine breite Vernetzung in Deutschland aus.“ Verdient hätte das Subgenre linker Deutschrap mehr, viel mehr, als das.