Vom Werden einer Zeitung – die Vorgeschichte des ersten Erscheinens welcher WELT

Die Briten machten sich Ende 1945 in ihrer Besatzungszone daran, ein Blatt von „hohem Standard“ gründen zu lassen – mit deutschen Redakteuren. Doch ein fähiges Team aus Journalisten zusammenzustellen, war eine Herausforderung.

Buchstäblich im Vorüberfahren entstand die Idee. Am 10. November 1945 ließen sich Brigadier William E. Gibson und Colonel Henry B. Garland in einem Stabswagen der Royal Army von Hamburg nach Flensburg chauffieren. Während ihres Gesprächs beklagte sich Gibson, dass in der britischen Besatzungszone Deutschlands keine eigene, überregionale Zeitung mit hohem Anspruch erschien. Die Sowjets ließen in ihrer Zone schon seit Mai 1945 die „Tägliche Rundschau“ erscheinen, die US-Militärregierung hatte mit der „Neuen Zeitung“ seit drei Wochen ein eigenes Blatt für ihre gesamte Zone.

Gibson schwebte jedoch keine Zeitung vor, die britische Offiziere leiteten und bei der Deutsche lediglich als Mitarbeiter beschäftigt sein würden. Er dachte an ein Blatt von „hohem Standard“ mit deutschen Redakteuren, die lediglich von ganz wenigen britischen Fachleuten kontrolliert werden sollten. Colonel Garland erhielt drei konkrete Aufträge: Er sollte erstens die technischen Voraussetzungen für die Produktion einer Zeitung für die ganze britische Zone klären, zweitens einen Kontrollstab mit zwei Planstellen für britische Offiziere bilden und drittens eine Redaktion „aus fähigen, aber unbelasteten deutschen Journalisten“ zusammenstellen, „denen ein Maximum an Unabhängigkeit einzuräumen“ sei.

Diesen Auftrag ging der 38-jährige Brite, im Hauptberuf Germanistik-Professor an der Universität Exeter, umgehend an. Die Frage der Druckerei war zuerst geklärt: In Hamburg, dem Sitz der Militärregierung, verfügte der Broschek-Verlag an der Großen Bleichen über eine unversehrte Maschine; hier war bis zur Einstellung 1944 das „Hamburger Fremdenblatt“ hergestellt worden. In Essen existierte zudem die zwar beschädigte, aber rasch reparierbare Druckerei der vormaligen „Rheinisch-Westfälischen Zeitung“.

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Als Nächstes löste er das Problem der „Controller“, auf denen Gibson bestand: Garland musste britische Journalisten finden, die hervorragend Deutsch sprachen und bereit waren, sich für ein eher schmales Gehalt auf ein ungewisses Projekt einzulassen. Schließlich stieß er auf den Schotten Steel McRitchie sowie den Waliser Alistair Hetherington. Zusammen mit einem kleinen Stab aus Briten und heimgekehrten deutschen Emigranten übernahmen sie, die deutschen Redakteure bei der täglichen Arbeit zu überwachen.

Zu ihren Mitarbeitern gehörten unter anderem Peter de Mendelsohn, der schon seit 1926 in Berlin als Journalist gearbeitet hatte, und der Kritiker Willy Haas, der im selben Jahr die „Literarische Welt“ gegründet hatte. Auch Bernhard Menne, später der Begründer und langjährige Chefredakteur der WELT AM SONNTAG, begann seine Tätigkeit als Controller der britischen Militärregierung.

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Geeignete einheimische Journalisten zu finden, war dagegen schwer. Sie sollten, so hatte Brigadier Gibson angeordnet, sowohl unparteiisch sein als auch in ihren jeweiligen Ressorts hochkompetent. Ein Qualitätsblatt, wie es ihm vorschwebte, braucht erfahrene Redakteure; mit Berufsanfängern ließ sich so ein Projekt nicht umsetzen.

Nun gab es zwar Ende 1945 viele gut ausgebildete Journalisten im besiegten Deutschland. Doch die meisten hatten während des Dritten Reiches in Blättern des Propagandaapparates gearbeitet. Im Rückblick erzählte Garland: „Das Hauptproblem waren die Journalisten. Mein Ziel war es, das fähigste Team aus Leuten zusammenzustellen, die dem Regime ferngestanden hatten.“

Irgendwie erfuhr Hans Zehrer, bis Oktober 1933 Herausgeber der für ein intellektuelles Blatt sehr erfolgreichen konservativen Monatszeitschrift „Die Tat“ von Garlands Auftrag. Vielleicht erzählte ihm sein Bekannter Ernst Rowohlt davon, der ebenfalls im Broschek-Haus an der Wiederbegründung seines Buchverlages arbeitete. Jedenfalls bemühte sich Zehrer, der im Dritten Reich nicht als Journalist hatte arbeiten dürfen und sich als Übersetzer, Autor von Büchern und Drehbüchern unter Pseudonym durchgeschlagen sowie im Krieg den Stalling-Verlag geleitet hatte, um einen Posten.

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Im Dezember 1945 erhielt der 46-jährige Zehrer einen Brief von Garland, der ihn einlud, als Chefredakteur die Redaktionsleitung der geplanten Tageszeitung zu übernehmen – die allerdings wegen Papiermangels zunächst nur zweimal die Woche erscheinen sollte. Da der Colonel strikt auf politische Ausgewogenheit achtete, stellte er Zehrer als Stellvertreter Curt Bley zur Seite, einen 35-jährigen Juristen, der als Sozialdemokrat das Hitler-Regime bekämpft hatte und 1943 kurz verhaftet worden war, sich dann aber in den Dienst der Wehrmacht „gerettet“ hatte.

Mitten im Winter 1945/46 begann die kleine Mannschaft, ihr künftiges Blatt zu konzipieren. Der erste Arbeitstitel lautete „Der Tag“, die ersten drei Entwürfe für den Zeitungskopf trugen das Datum 23. Januar 1946. Im ersten überlieferten Konzept für die neue Zeitung hieß es: „,Der Tag‘ wird bald in Konkurrenz stehen zu den deutschen Parteizeitungen. Diese Zeitungen haben gegenüber dem ,Tag‘ zwei Vorteile: Sie sind Lokalzeitungen und sie sind innenpolitisch aktivistischer.“ Daher müsse „Der Tag“ innerhalb der deutschen Presse zu „einem unabhängigen Korrektiv“ werden, das gleichermaßen lokale wie parteipolitische Interessen stets in den größeren sachlichen Zusammenhang stelle.

Doch schon vor der ersten Probenummer der nun inzwischen in „Welt“, dann in „Die Welt“ umbenannten Zeitung wurde der Gründungschefredakteur Zehrer abgesetzt. Das war die Folge einer Intrige, die Hamburger Sozialdemokraten gegen den konservativen Publizisten eingefädelt hatten. Tatsächlich hatte er als „Tat“-Herausgeber klar Position gegen den Parteienstaat der ersten deutschen Demokratie bezogen, galt als wichtigster publizistischer Unterstützer des glücklosen letzten Reichskanzlers vor Hitler, des Generals Kurt von Schleicher.

Vielleicht störte die Kommunalpolitiker auch die überparteiliche wie überregionale Ausrichtung des Blattes, die Zehrer vertrat. In der arbeitsreichen Phase der letzten drei Wochen vor dem erstmaligen Erscheinen übernahm Curt Bley kommissarisch die Leitung der Redaktion, dann berief Garland zum 1. April 1946 den KZ-Überlebenden Rudolf Küstermeier zum ersten regulären WELT-Chefredakteur.

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Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Seit 1997 schreibt er für WELT, seit 2003 in seiner gegenwärtigen Funktion. Zu seinen mehr als 30 Büchern zählen einige, die sich mit Mediengeschichte befassen, etwa (mit Lars-Broder Keil) zum RAF-Anschlag auf das Hamburger Verlagshaus von Axel Springer 1972.

Source: welt.de

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