Vom Spiel zur Weltkarte: Pokémon Go gespielt? Ihre Daten steuern jetzt Lieferroboter

Was als digitales Freizeitvergnügen für Millionen begann, entpuppt sich – zehn Jahre nach der Einführung von Pokémon Go – als Rohstoff für ein ganz anderes Geschäft: Daten, die Nutzer beim Spielen erhoben haben, sollen nun dazu dienen, Lieferroboter präzise durch Städte zu lotsen.

Niantic Spatial, die 2025 ausgegründete Geodatensparte des Unternehmens hinter Pokémon Go, wirbt damit, aus Kamerabildern und Umgebungsinformationen, die Spieler im Vorübergehen erfasst haben, ein hochpräzises visuelles Ortungssystem aufgebaut zu haben. Es soll Maschinen auch dort verlässlich lokalisieren, wo GPS in engen Straßenschluchten an seine Grenzen stößt. Partner des ersten größeren Praxiseinsatzes ist Coco Robotics, ein Anbieter von Lieferrobotern.

Der Schritt passt in Niantics Neuaufstellung: Das Unternehmen verkaufte sein Spielegeschäft 2025 – darunter Pokémon Go – für 3,5 Milliarden Dollar an Scopely und wollte sich künftig stärker auf KI und seine Geodatenplattform konzentrieren. In diesen Kontext fügt sich auch Niantic Spatial, das die aus dem Spiel stammenden Daten für Ortungstechnologie vermarktet.

Die Nutzer haben die Daten gesammelt

Wer den 2016 erschienenen Smartphone-Hit in der vergangenen Dekade gespielt hat, kennt sein einfaches Prinzip: Die App belohnt Mobilität. Je ausdauernder Spieler ihre Umgebung erkunden und je entlegenere städtische Winkel sie ansteuern, desto größer die Chance, dort auf seltene virtuelle Kreaturen zu stoßen.

Niantic hatte seine Spiele von Anfang an so angelegt, dass Nutzer die physische Welt nicht nur durchqueren, sondern mit ihren Smartphones zugleich vermessen. Erfasst wurden dabei GPS-Daten, die beim Spielen fortlaufend anfielen, ebenso wie Bilder und weitere Umgebungsinformationen, die etwa bei Augmented-Reality-Funktionen entstanden.

Neu ist weniger, dass solche Daten wirtschaftlich weiterverwertet werden. Neu ist die konkrete Form dieser Verwertung: Aus Bildmaterial, Bewegungsdaten und Perspektiven, die zunächst einem Spiel dienten, wird nun ein Weltmodell, das Maschinen bei der Orientierung im Stadtraum helfen soll.

Die Nutzer wissen oft nicht, was mit ihren Daten geschieht

Die Größenordnung ist erheblich. Pokémon Go überschritt bereits 2016 die Marke von 500 Millionen Downloads. Entsprechend groß ist die Menge an Datenspuren, aus denen solche Systeme gespeist werden können. Für viele Nutzer dürfte die Anwendung vor allem ein Spiel gewesen sein; dass die dabei entstandenen Aufnahmen später auch in einem industriellen Zusammenhang genutzt werden könnten, dürfte den wenigsten präsent gewesen sein.

Illegal ist das nicht: Wer digitale Dienste nutzt, akzeptiert in der Regel Bedingungen, die Datenerhebung und -verarbeitung vorsehen. Der Fall zeigt jedoch, wie weit sich der spätere Einsatz solcher Daten vom ursprünglichen Nutzungskontext entfernen kann. Aus einem Spiel wird ein Baustein städtischer Navigation – und aus Spielern werden, oft ohne es zu merken, Datenlieferanten für autonome Systeme.

Source: faz.net