Wieder ist ein Viertel der Bevölkerung vertrieben, wieder gibt es Hunderte von toten Zivilisten durch die Luftangriffe der israelischen Armee. Und wieder geht es Israel darum, die Hisbollah auszuschalten und damit den Iran zu schwächen
Im Süden Libanons steht ein Solarpark in Flammen
Foto: Kawnat Haju / AFP via Getty Images
Die Bewohner von Sidon im Südlibanon wurden in der Nacht zum 1. März von aus Israel kommenden Flugzeuggeschwadern aufgeschreckt, die offenbar das weiter nördlich liegende Dahieh bombardierten – einen südlichen Vorort von Beirut. Dort leben derzeit etwa eine Million Menschen. Wenn das reicht.
In den christlichen Ortschaften des Südlibanon begannen daraufhin die Kirchenglocken zu läuten, um die Menschen zu warnen. In Radio- und Fernsehprogrammen gab die Hisbollah bekannt: „Für das reine Blut des Beschützers der Muslime, Ayatollah Ali Chamenei, werden wir Rache nehmen.“ Das bedeutet, an der Seite der Islamischen Republik erneut in einen Krieg gegen Israel einzutreten. Wenig später wurde eine Raketenabwehrbasis in Haifa von einer Rakete der Hisbollah getroffen. Nordisrael wird seither nicht nur von Raketen aus dem Iran angegriffen, auch aus dem Libanon.
In Dahieh gab es schon im 14. Jahrhundert eine schiitische Festung, und bis heute sind die meisten Einwohner Schiiten. Der Ort gilt als Hochburg der 1982 gegründeten Hisbollah, doch leben hier ebenso maronitische Katholiken. Und es gibt ein Flüchtlingslager für etwa 20.000 sunnitische Palästinenser.
Dahieh wurde schon 1976 während des libanesischen Bürgerkriegs von christlichen Falangisten angegriffen. Als dann die israelische Armee (IDF) 1982 auf Beirut vorrückte, wurde diese Gegend am 1. August mit Unterstützung von Marine und Artillerie schwer beschossen. Zusätzlich explodierten 185.000 Sprengsätze. Ein ähnlich starker Angriff erfolgte am 12. August 1982. Ein Jahr später nahm die US-Kriegsflotte Dahieh ins Visier. Es war eine Attacke, die man später als eine der stärksten seit dem Zweiten Weltkrieg einstufte.
Die Wucht der Angriffe erinnert an die 1980er Jahre
Es sei bei dieser Bilanz des Schreckens nicht vergessen, dass wegen des Bürgerkriegs in Syrien in den zurückliegenden Jahren auch Tausende aus dem Nachbarland in Dahieh eine Zuflucht suchten. Der Ort wurde zu einem der am dichtesten besiedelten Gebiete Libanons, was noch dadurch verstärkt wurde, dass im Herbst 2023 mit den israelischen Angriffen Kolonnen aus dem Südlibanon hier eintrafen.
Die Wucht der im Augenblick andauernden israelischen Bombardements dürfte nicht geringer sein als in den 1980er Jahren. Da durch Dahieh die Straße aus Beirut zum Flughafen führt, kann die libanesische Hauptstadt leicht vom Rest der Welt abgeschnitten werden – ein Alptraum für all jene, die noch die finanziellen Mittel haben, dem momentanen Inferno zu entfliehen.
Die durch Vermittlung der US-Regierung unter Joe Biden Ende November 2024 zwischen Israel und dem Libanon geschlossene Waffenruhe hat nie gehalten, was man sich davon versprach. Die IDF hielten einen Teil des Südens besetzt und hatten Militärstützpunkte errichtet, von denen aus sie versuchten, noch vorhandene unter- und überirdischen Stellungen der Hisbollah zu treffen. So wurden ganze Dörfer zerstört und landwirtschaftlich Anbauflächen verwüstet,
Dennoch kehrte eine Mehrheit der Bewohner nach Zustandekommen der Feuerpause zurück. Sicher waren sie nie. Als nun am 1. März die israelische Armee diese Menschen aufforderte, ihre Ort und ihre Häuser erneut zu räumen, waren sie binnen Stunden wieder auf der Flucht, wieder Richtung Norden, wieder nach Dahieh. Viele fanden keine Unterkünfte und kampieren seitdem wie die Bevölkerung in Gaza unter freiem Himmel. Sie wissen nicht, was von dem bleiben wird, was sie zurückließen, ob es sich um Häuser oder deren Inventar handelt.
Die Preise für Lebensmittel und Treibstoff explodieren
Die im Südlibanon lebenden Christen wollten deshalb auch diesmal dem Evakuierungsbefehl der IDF nicht folgen. „Wir haben beschlossen, unsere Häuser nicht zu verlassen. Denn wenn wir unsere Dörfer verlassen, können wir vermutlich nie wieder zurückkehren“, sagte der maronitische Priester Toni Elias der Nachrichtenagentur Fides. Er stammt aus dem christlichen Dorf Rmeich, das zwei Kilometer von der libanesisch-israelischen Grenze entfernt liegt. „Wir haben keine Waffen, wir haben keine Raketen, wir sind für niemanden eine Gefahr. Wir bitten Gott um seinen Schutz“, fügte der Priester hinzu.
Aber nicht nur Christen, auch viele Drusen widersetzten sich den Räumungsbefehlen der Angreifer und blieben in ihren Dörfern, selbst wenn das bedeutet, dass sie wegen der Kampfhandlungen ihre Felder nicht bestellen können. Zwischen die Fronten geraten und Raketen- und Drohnenangriffen ausgesetzt, hoffen diese Menschen, nicht endgültig Opfer eines von anderen über ihre Köpfe hinweg geführten Krieges zu werden.
Bei alldem kommt erschwerend hinzu, dass die gesamte libanesische Bevölkerung unter einer starken Inflation leidet. Die Preise für Lebensmittel, Babynahrung und Treibstoff explodieren. Teilweise fehlen Produkte ganz – ein lange schon verarmtes Land stürzt weiter ins Elend.
Die Hisbollah ist viel stärker als die libanesische Armee
Die Kriegsmüdigkeit der Libanesen hat die Politik zu nutzen gewusst. Die 2024 erfolgte militärische Schwächung der Hisbollah führte zur Einsetzung einer nicht gewählten provisorischen Regierung, die bereit war, mit den USA zu kooperieren und Israels Forderungen entgegenzukommen. Der erwähnte Waffenstillstand sah vor, die Hisbollah bis Ende 2025 zu entwaffnen und ihre Kämpfer unter das Kommando der libanesischen Armee zu stellen.
Im Gegenzug sollten sich die IDF aus den von ihnen besetzten Gebieten im Südlibanon zurückziehen, eine entmilitarisierte Zone zwischen beiden Ländern stand in Aussicht. Dass daraus nichts wurde, konnte nicht überraschen. Trotz Waffenruhe hielten die Kämpfe zwischen den IDF und der Hisbollah auf niedrigerem Level an. Daher und weil sie noch immer viel stärker ist als die seit jeher schwache libanesische Armee, betrachtete sich die Hisbollah als die eigentliche Verteidigerin der territorialen Integrität.
Damit sind die Hoffnungen von Premierminister Nawaf Salam Schall und Rauch, die Hisbollah in die Schranken zu weisen und das gesamte Land unter die eine, eben seine Autorität zu stellen. Dass Nawaf Salam die geplanten Wahlen um zwei Jahre verschob, offenbart Unsicherheit. Über welche Anhängerschaft seine Regierung tatsächlich verfügt, weiß er so wenig, wie sich die Frage beantworten lässt, welchen Rückhalt der politische Arm der Hisbollah zu geben bereit ist.