Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt als zentrale Messgröße wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Es dient als Referenzpunkt für wirtschaftspolitische Debatten, für Schuldenregeln, Staatsquoten und Verteilungsfragen. Doch was, wenn diese Kennzahl systematisch ein zu positives Bild zeichnet? Empirische Befunde legen nahe, dass genau dies der Fall ist – und dass sich die Verzerrung im Zeitverlauf verstärkt.
Das BIP erfasst den Gesamtwert aller in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen. Dazu zählen auch Investitionen, die lediglich den Verschleiß des bestehenden Kapitalstocks ausgleichen. Diese Abschreibungen gehen vollständig in das Bruttoinlandsprodukt ein, stehen jedoch weder für Lohnzahlungen noch für Gewinne oder staatliche Leistungen zur Verfügung, ohne die wirtschaftliche Substanz anzugreifen.
Genau hier setzt das Nettoinlandsprodukt – kurz: NIP – an. Es zieht die Abschreibungen vom BIP ab und misst damit jene Einkommen, die tatsächlich zur Verteilung bereitstehen. Lange Zeit spielte dieser Unterschied in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Doch das birgt Gefahren.
Warum die Abschreibungen steigen
Für Deutschland zeigt ein klarer Trend: Der Anteil der Abschreibungen am Bruttoinlandsprodukt ist deutlich gestiegen – von 11,2 Prozent im Jahr 1970 auf 15,6 Prozent im Jahr 1991 und auf 20,6 Prozent im Jahr 2025. Das bedeutet: Ein immer größerer Teil dessen, was als wirtschaftliche Leistung gezählt wird, dient lediglich dem Erhalt des Kapitalstocks.
Seit 1991 ist das Bruttoinlandsprodukt in laufenden Preisen um rund 180 Prozent gewachsen – von 1592 auf 4470 Milliarden Euro. Die Abschreibungen nahmen im selben Zeitraum jedoch um satte 271 Prozent zu. Entsprechend fiel das Wachstum des Nettoinlandsprodukts mit 164 Prozent deutlich geringer aus als beim BIP. Pro Jahr lag das nominale Wachstum des NIP im Durchschnitt knapp 0,2 Prozentpunkte unter dem des Bruttoinlandsprodukts. Anders formuliert: Das tatsächlich verteilbare Einkommen wuchs spürbar langsamer, als es die BIP-Zahlen suggerieren.
Mehrere Faktoren tragen zu dieser Entwicklung bei. Erstens hat sich die Struktur der Investitionen verändert. Seit der Einführung des EU-weit verbindlichen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG 2010) werden Ausgaben für Forschung und Entwicklung als Investitionen verbucht und erhöhen das Bruttoinlandsprodukt. Diese immateriellen Vermögenswerte haben typischerweise kürzere Lebensdauern als klassische Sachanlagen – und werden entsprechend schneller und in höheren Raten abgeschrieben.
Zweitens spielt die relative Preisentwicklung eine Rolle. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden Abschreibungen richtigerweise zu Wiederbeschaffungspreisen bewertet. Steigen die Preise für Investitionsgüter – etwa im Bauwesen – stärker als das allgemeine Preisniveau, erhöht dies den Abschreibungsanteil am Bruttoinlandsprodukt. Der Erhalt des Kapitalstocks wird teurer, der verteilbare Spielraum schrumpft. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt in Deutschland seit 2021.
Verzerrte Quoten, verzerrte Debatten
Problematisch wird die wachsende Kluft zwischen Brutto und Netto dort, wo das Bruttoinlandsprodukt als Bezugsgröße für wirtschaftspolitisch zentrale Quoten dient. Schuldenquote, Staatsquote oder Sozialleistungsquote vermitteln dann ein Bild, das die tatsächliche Belastung der Volkswirtschaft unterschätzt.
Ein Beispiel: Ende 2024 betrug die deutsche Schuldenquote gemessen am Bruttoinlandsprodukt rund 59 Prozent. Bezogen auf das NIP, lag sie hingegen bei fast 75 Prozent. Ähnlich fällt der Unterschied bei der Staatsquote aus: Statt knapp 50 Prozent ergibt sich auf NIP-Basis ein Wert von über 62 Prozent. Das Ausmaß staatlicher Aktivität ist also deutlich größer – und zwar gemessen an den Einkommen, die tatsächlich verteilt werden können. Gleichzeitig untertreibt die BIP-Staatsquote das Wachstum der Staatstätigkeit. Die übliche BIP-Staatsquote ist zwischen 1991 und 2024 nur um 2,9 Prozentpunkte gewachsen, bei der NIP-Staatsquote waren es 7,1 Prozentpunkte.
Kein deutsches Sonderproblem
Der steigende Abschreibungsanteil ist kein rein deutsches Phänomen. Für viele wohlhabende OECD-Länder zeigt sich im internationalen Vergleich ein ähnlicher Trend. In vielen westeuropäischen Ländern wächst daher die NIP-basierte Schuldenquote schneller als die herkömmliche Quote – ein Umstand, der in fiskalpolitischen Regeln bislang nicht berücksichtigt wird.
Die Kritik am Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsmaß ist nicht neu. Schon die von Präsident Nicolas Sarkozy mit sechs Nobelpreisträgern besetzte Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission empfahl, stärker auf das NIP abzustellen. Die hier diskutierten Befunde verleihen dieser Forderung neues Gewicht. Wenn der Abschreibungsanteil systematisch steigt, überschätzt das BIP nicht nur das Einkommenswachstum, sondern verzerrt auch Verteilungs- und Nachhaltigkeitsdebatten.
Das bedeutet nicht, dass das Bruttoinlandsprodukt als Konjunkturindikator obsolet wäre. Kurzfristige Schwankungen und Kapazitätsauslastung lassen sich weiterhin gut damit erfassen. Für Fragen der Verteilung, der Staatsfinanzen und der langfristigen Wohlfahrtsentwicklung jedoch spricht vieles dafür, dem NIP deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Fazit: Wir rechnen uns reicher, als wir sind. Die wachsende Bedeutung der Abschreibungen führt dazu, dass das BIP die tatsächlich zur Verfügung stehenden Einkommen zunehmend überschätzt. Wer über Verteilungsspielräume, Staatsquoten oder fiskalische Nachhaltigkeit diskutiert, sollte das nicht ignorieren. Ein stärkerer Fokus auf das Nettoinlandsprodukt kann helfen, wirtschaftspolitische Debatten realistischer – und informierter – zu führen.
Alfons Weichenrieder ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität Frankfurt und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium. Sein Forschungspapier „Abschreibungen und die wachsende Kluft zwischen Brutto- und Nettoinlandsprodukt” erscheint demnächst in der Zeitschrift „Perspektiven der Wirtschaftspolitik“.