Die Industriegewerkschaft Metall hat bei der Betriebsratswahl im Volkswagenwerk in Baunatal Federn gelassen: Zwar bleibt sie mit 82,9 Prozent der gültigen Stimmen die dominierende Kraft in der Arbeitnehmervertretung, das sind aber 9,5 Prozentpunkte weniger als bei der Betriebsratswahl 2022. Die konkurrierende Liste der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) hat ihren Stimmanteil mehr als verdoppelt auf 17,1 Prozent.
Die CGM wird damit im neuen Betriebsrat, der seine Arbeit im Mai aufnimmt, sechs Mitglieder stellen, bislang waren es drei. Die IG Metall kommt auf 33 Sitze. Bislang hatte sie 38, wobei der Rückgang auch auf die Verkleinerung der Arbeitnehmervertretung zurückgeht: Statt 41 wurden bei dieser Wahl nur noch 39 Sitze vergeben. Die Wahlbeteiligung betrug 58,4 Prozent.
Während bei Volkswagen in Braunschweig und bei Audi in Ingolstadt erstmals zwei Vertreter des umstrittenen Vereins Zentrum in die Betriebsräte einzogen, hatte diese Organisation, die sich als „alternative Gewerkschaft“ bezeichnet, in Baunatal keine Kandidaten aufgestellt. Das Zentrum, 2009 in Stuttgart gegründet, gilt als AfD-nahe.
Das Zentrum kann bislang keine Tarifverträge aushandeln
Der Soziologie-Professor Klaus Dörre, der an den Universitäten Jena und Kassel lehrt und mehrere Befragungen bei VW in Baunatal und in anderen Autofabriken organisiert hat, sagt dazu, Betriebsrat und Vertrauensleute im VW-Werk hätten sich sehr klar gegen die AfD positioniert. „Die Mitarbeiter, die bei anderen Wahlen ihr Kreuz bei der AfD machen, wissen sehr genau, dass ihnen im Betrieb ein kräftiger Wind entgegenbläst.“
Jenseits davon könne das Zentrum keine Tarifverträge aushandeln. „Da wissen die meisten in der Belegschaft schon, dass sie eine anerkannte Gewerkschaft brauchen.“ Hinter den Stimmzuwächsen der Christlichen Gewerkschaft Metall könnte sich nach Ansicht Dörres aber durchaus Unzufriedenheit mit dem Tarifkompromiss verbergen, den die IG Metall Ende 2024 aushandelte.
Nachdem der VW-Vorstand im Herbst 2024 den Abbau von mehr als 30.000 Stellen allein in Deutschland angekündigt und mit der Schließung von Werken auch hierzulande gedroht hatte, konnte die IG Metall zwar Standortschließungen abwenden. Die bislang üblichen Bonuszahlungen für die Belegschaft wurden aber gekürzt, obendrein müssen langjährig bei VW Beschäftigte jetzt wie alle anderen 35 Stunden pro Woche arbeiten.
Dörre sagt, als Mitglied der Verhandlungskommission habe der Baunataler Betriebsratsvorsitzende Carsten Büchling das mit dem Vorstand ausgehandelte Ergebnis verteidigen müssen. „Das ist nicht leicht zu vermitteln gewesen.“ Noch Anfang 2024, so der Wissenschaftler, hätten sich bei Befragungen im VW-Werk die meisten Beschäftigten zuversichtlich gezeigt, dass – selbst wenn ihre Stellen dort abgebaut werden sollten – sie anderswo im Konzern Arbeit bekämen. Dieses Vertrauen sei dahin. „Die Tarifrunde 2024 war ein Tabubruch.“
Hinzu kämen Zweifel, ob der in Baunatal schon 2006 eingeschlagene Kurs Richtung E-Mobilität richtig sei. Dass die EU-Kommission nun auf Betreiben nicht zuletzt der deutschen Regierung das für 2035 angekündigte Verbrenner-Aus wieder aufweichen wolle, verschärft nach Einschätzung Dörres die Verunsicherung noch.
Der Unmut in Teilen der Belegschaft spiegelt sich auch in den Kommentaren, mit denen Facebook-Nutzer auf die Nachricht der IG Metall Nordhessen zum Wahlergebnis reagierten. „Viele Kollegen haben gesagt, dass sie nicht zur Wahl kommen, weil es eh nix bringt!“, schrieb einer. „Da habt ihr jetzt mächtig Arbeit vor euch!“, lautete ein anderer Kommentar.
IG Metall verweist auf Drei-Viertel-Mehrheiten
Die auch in mehreren anderen Werken niedrige Wahlbeteiligung bezeichnet die IG Metall selbst als Problem. Auf der Website „IG Metall bei Volkswagen“ wird aber hervorgehoben, dass die Gewerkschaft an allen elf deutschen VW-Standorten weiterhin mindestens drei Viertel aller Stimmen geholt habe. Das gilt auch für die Standorte Chemnitz und Zwickau, wo das vom rechten Zentrum unterstützte „Bündnis freie Betriebsräte“ mit Stimmanteilen von 23 und elf Prozent zweistellige Ergebnisse einfuhr.
Das Zentrum wiederum weist darauf hin, dass in Chemnitz das Ergebnis im Vergleich zur vorherigen Wahl „mehr als verdoppelt“ worden sei. Die Organisation kritisiert, wegen des 2015 in Kraft getretenen Tarifeinheitsgesetzes – danach gilt in Betrieben stets der Tarifvertrag derjenigen Gewerkschaft, die dort die meisten Mitglieder hat – sei es „neuen oder kleineren Vereinigungen faktisch unmöglich, über Tarifverträge eine soziale Mächtigkeit zu erlangen“.