Verändern muss sich etwas im Land, da sind sich die meisten Deutschen einig. Aber auf die Veränderungen selbst haben sie keine rechte Lust. Diese Sätze sind nicht nur so dahingesagt. Dass sie wahr sind, zeigen Umfragen regelmäßig.
Kein Problem finden die Deutschen derzeit so wichtig wie die Wirtschaftslage, haben die Meinungsforscher von Forsa kürzlich erfragt. Schon im Sommer stimmten in einer Allensbach-Umfrage mehr als 60 Prozent der Befragten der Aussage zu „Unser Land befindet sich aber in einer Lage, in der wir es uns nicht mehr leisten können, immer nur den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.“ Mehr als 70 Prozent unterstützen den Appell „Wir müssen endlich die Reform-Hausaufgaben machen, über die wir schon so lange reden“.
Doch wenn nach konkreten Ideen gefragt wird, dann schwindet die Zustimmung schnell. Die Meinungsforscher legten den Deutschen ein paar Vorschläge vor. Am akzeptabelsten fanden die Leute noch, dass der Staat Leistungen einschränkt, aber auch das fand nur Zustimmung bei einem Drittel der Leute. Längere Wochenarbeitszeiten oder ein höheres Rentenalter bejahte gar nur ein Viertel der Befragten.
Veränderungen fallen leichter mit einem Ziel
Manchmal sind die Reformen auch ein bisschen technokratisch begründet. „Meine Regierung wird ihre Hausaufgaben machen und eine ehrgeizige Reformagenda verfolgen, die sich auf Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und europäische Einheit konzentriert“, so sagte es Bundeskanzler Friedrich Merz im Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Und weiter: „Lassen wir uns von der vielleicht wichtigsten Erkenntnis der Aufklärung inspirieren: Unser Schicksal liegt in unseren Händen. Es liegt in unserer Verantwortung und unserer Freiheit, es zu gestalten.“
Vielleicht geht das auch konkreter. Der ehemalige „Wirtschaftsweise“ Peter Bofinger fordert schon seit einer Weile eine „strategische Vision für Deutschland“. Keine Frage: Anstrengende Veränderungen fallen leichter, wenn jeder weiß, wofür er sich ins Zeug legt. Das aber war in den vergangenen Jahren nicht so leicht zu erkennen.
Vielleicht lag es daran, dass Visionen sowieso nicht besonders in Mode sind. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ – das Zitat ist wohl in den Achtzigerjahren in Wien entstanden, wurde aber oft Helmut Schmidt zugeschrieben, der es sich gerne angeeignet hat. Unionsminister Norbert Blüm entgegnete darauf einst: „Vielleicht müsste der behandelt werden, der auf Visionen verzichtet.“
Die Deutschen haben die Zukunft verloren
Inzwischen haben die Deutschen ein bisschen die Zukunft verloren. Wissenschaftler des Centrums für Europäische Politik haben schon 2023 festgestellt, dass der Zeithorizont der Bundestagsreden immer kürzer wird. Vielleicht ist auch einfach zu viel zu tun. „Ein Problem der allgemeinen Visionslosigkeit ist, dass niemand Zeit hat, in Ruhe nachzudenken“, glaubt der Jurist Christoph Möller.
Wie einig wären sich die Deutschen überhaupt? Könnte man eine Vision finden, hinter der sich viele versammeln – und für die sie bereit sind, auch etwas zu tun? Die F.A.S. wollte es wissen. Wir haben junge Politikerinnen und alte Unternehmer gefragt, erfahrene Wissenschaftler und pfiffige Tüftler, bekannte Aktivistinnen und bedeutende Intendanten: Worauf können wir hinarbeiten? Wie kann das Land in zehn Jahren aussehen, wenn wir es gut machen? Die Antworten sind zwar unterschiedlich, passen aber erstaunlich gut zusammen und widersprechen sich nicht oft.
Viele Visionen laufen auf weniger hinaus
Erstaunlich ist, worauf viele Visionen hinauslaufen: nicht auf mehr von allem – sondern auf weniger. Weniger Warten, weniger Papier, weniger Zeitdruck. Auffallend viele Entscheidungsträger wünschen sich Entlastung. „Wenn ich gerade mit jungen Familien spreche und sie frage, welches Gefühl ihr Leben prägt, lautet die Antwort immer häufiger: Erschöpfung“, sagt die frühere Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang. „Meine Vision für Deutschland in zehn Jahren ist deshalb ein Land, in dem Familien durchatmen können. Weil es eine Regierung, einen Staat und vor allem eine Infrastruktur gibt, die ihnen das Leben leichter machen, statt sie immer weiter zu stressen. Die Wohnung ist bezahlbar und nah am Arbeitsplatz. Das Netz aus Bus und Bahn ist verlässlich.“
Weniger Stress muss nicht unbedingt weniger Leistung bedeuten. Wenn das Land es schafft, sich von etwas anderem weniger zu machen: von unnötigem Aufwand, zum Beispiel von Bürokratie. Nicole Büttner, Generalsekretärin der FDP, sieht 2036 Handwerksmeister, die „wieder stolz“ ihren Betrieb führen, „weil sie ihre Zeit bei ihren Kunden verbringen und nicht über Papierkram brüten“. Burkhard Jung, SPD-Politiker und Oberbürgermeister von Leipzig, beschreibt einen Staat, der digitalisiert ist: „Über einheitliche Plattformen stellen Bürgerinnen und Bürger ihre Anträge, die Genehmigung ist weitgehend automatisiert und KI-gestützt, Standardleistungen wie das Kindergeld werden automatisch bewilligt und ausgezahlt. Die Genehmigungsverfahren sind schnell; die Wirtschaft floriert.“
Auch die Technik kann bei der Entlastung helfen. Das zeigt die Vision von Tamim Asfour, Robotik-Professor in Karlsruhe: „In jedem zweiten Haushalt unterstützt ein humanoider Haushaltsroboter im Alltag, im Seniorenheim unterstützen humanoide Roboter das Pflegeteam, sodass Pfleger wieder Zeit für Menschen haben. Humanoide Roboter haben den Arbeitskräftemangel und den Pflegepersonalmangel gelöst. Zudem übernehmen sie zunehmend die gefährlichen, schmutzigen und schwierigen Arbeiten.“ Wie geht das? „Die lähmende Bürokratie wurde radikal abgebaut – Forscher forschen, statt Anträge auszufüllen; Start-ups gründen, statt auf Genehmigungen zu warten.“
Wo Luisa Neubauer und die Technik-Fans sich treffen
Christian Klein, der Vorstandsvorsitzende von SAP, sieht mögliche Erleichterung wiederum im Digitalen: „Eine Familie zieht um: Adresse einmal ändern, der Rest passiert im Hintergrund. Kein Ausdruck, kein Gang von Schalter zu Schalter, kein ‚Bitte laden Sie das PDF noch mal hoch‘. Stattdessen eine Statusanzeige wie bei der Paketverfolgung: eingegangen – geprüft – erledigt.“
Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer mag die technische Vision der Zukunft nicht so sehr. Sie denkt vom Ergebnis her: „Dein Großvater hatte eine Staublunge, nach Jahren im Schacht. Im Krankenhaus erzählten sie dir, dass Luftverschmutzung früher die häufigste vorzeitige Todesursache war. Und jetzt deine Lunge: unauffällig. Du atmest aus.“ Und weiter: „Früher dachtest du, eine gute Zukunft ist, wenn Menschen in Flugtaxis zur Arbeit fliegen, Roboter die Wäsche waschen und du keine Sorgen mehr hast. Heute lachst du darüber.“
Und doch – was aus gegensätzlichen Gedanken entsteht, findet eine gemeinsame Schnittmenge im guten Ergebnis. Antonio Krüger, der Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, formuliert es so: „Mobilität wird geprägt von autonomen Fahrzeugen auf der Schiene, auf der Straße, auf dem Wasser und möglicherweise in der Luft. Die Wartungsintervalle der Infrastruktur sind wohlgetaktet, der Verkehrsinfarkt ist Vergangenheit und die Deutsche Bahn pünktlich. Gesundheit wird zu einer Selbstverständlichkeit. Erfolge in der Wirkstoffforschung, bezahlbare Diagnostik, individualisierte Medikamente und personalisierte Therapien führen zu Menschenwohl für alle Generationen.“
Leichteres Leben mit weniger Papier – aber dafür muss man arbeiten
Wenn so viele Dinge des täglichen Lebens und der Arbeit einfacher sind und deshalb schneller von der Hand gehen, dann fällt auch Leistung leichter. Gleichzeitig muss man natürlich etwas dafür tun, dass diese einfachere Welt entsteht. Auch das Gefühl, dass die Deutschen erst mal wieder mehr leisten müssen, prägt viele der Visionen. „Deutschland bleibt seit vielen Jahren permanent unter seinen Möglichkeiten. Es könnte so viel mehr, wenn wir uns gemeinsam mit Leidenschaft ins Zeug legen“, sagt etwa Martin Brudermüller, Aufsichtsratsvorsitzender von Mercedes-Benz. „In zehn Jahren wünsche ich mir ein Land, das weltweit wieder Respekt und Bewunderung genießt, wenn es um Innovation, Leistungsbereitschaft und Lebensqualität geht.“
Franz von Metzler, Mitglied des Vorstands des Bankhauses Metzler, sieht dieses Mehr an einer sehr konkreten Stelle: beim Sparen und Investieren am Kapitalmarkt. „Im Jahr 2036 ist unsere Rente wieder sicher – weil wir den Mut hatten, neu zu denken. Wir haben verstanden, dass die gesetzliche Rente allein nicht mehr reicht und private sowie betriebliche Vorsorge unverzichtbar sind. In Deutschland sind wir deshalb zu einer Gesellschaft von Aktionärinnen und Aktionären geworden.“ Das stärkt nicht nur den Einzelnen, sondern die gesamte Wirtschaft: „Über den Kapitalmarkt erhalten Start-ups und Wachstumsunternehmen das Eigenkapital, das sie brauchen. Mehr Menschen gründen, Innovation wird möglich – und so sprechen wir in zehn Jahren selbstbewusst von einem deutschen Wirtschaftswunder 2.0.“
Diese Linie stützt auch der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick. Wo von Metzler beim Kapitalmarkt ansetzt, weitet der Ökonom aber den Blick zu einer volkswirtschaftlichen Vision: „Deutschland im Jahr 2036 ist ein Land, das wächst – dank der konsequenten Ausrichtung auf Zukunftstechnologien, hochwertige Wertschöpfung und strategische Souveränität.“ Er nennt entscheidende Felder: Präzisionsindustrie, Klimatechnologien, Elektromobilität, Robotik, Verteidigung, neue Werkstoffe und Medizintechnik. „Deutschland ist nicht mehr nur ‚Auto-Land‘, sondern ein Land intelligenter Systeme.“
Mehr Wohlstand – mehr Zusammenhalt
Wenn auf diese Weise Wohlstand geschaffen wird, dann bleibt auch mehr Geld und Zeit für ein Mehr an Gemeinschaft, mehr Fürsorge, mehr Zusammenhalt. Das betonen andere. Bernd Siggelkow, Pastor und Gründer der Kinderstiftung „Die Arche“, etwa träumt von einem Deutschland, in dem die Arche keine Kinder mehr retten muss, sondern sie nur noch in eine sichere Zukunft begleitet: „Kinderarmut gibt es nicht mehr – der Kampf ist gewonnen. Deutschland stärkt seine Schulen und Familien, fördert gelebte Nachbarschaft in einem Land, das wieder Kinder bekommt. Christliche Werte prägen das Miteinander, sprich Würde, Nächstenliebe und Vertrauen.“ Ähnlich werteorientiert blickt die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi auf 2036: „Ich sehe eine Gesellschaft, in der Arbeit Würde schafft und ein existenzsichernder Lohn selbstverständlich ist.“
Wenn der Fortschritt da ist, kann man weniger arbeiten – und Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, hofft auf eine gleichere Verteilung: „In zehn Jahren werden wir die Gleichstellung der Geschlechter geschafft haben – und alle werden das feiern. Allen voran hat die Wirtschaft verstanden, dass es nicht darum geht, die Erwerbsarbeitszeit pauschal zu erhöhen, sondern mehr Menschen in den Erwerbsarbeitsmarkt einzubinden.“ Das Ergebnis: „Für Frauen und Männer gibt es wieder ein ‚Und‘. Beruf und Familie sind wieder vereinbar. Das ‚Oder‘, die erzwungene Entscheidung zwischen beruflichem Erfolg und Kindern, rückt in den Hintergrund. Welch ein Glück.“
Nicht alle haben eine rein positive Vision. Mario Reiß, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, blickt so in die Zukunft: „Technische Lösungen existieren, aber es fehlen Menschen, die sie instand halten. Zu wenig Ingenieure, zu wenig Handwerker, zu wenig Nachwuchs in praktischen Berufen. Körperliche Arbeit hat an Attraktivität verloren – und genau das rächt sich.“ Und doch bleibt auch Reiß hoffnungsvoll: „Krisen erzeugen Druck, und Druck erzeugt Bewegung. Bis 2036 hat es einen spürbaren Kurswechsel gegeben: weniger Bürokratie, klarere Regeln, mehr Entscheidung statt Endlosdebatte. Nicht alles gelingt, aber das Handeln steht wieder vor dem Kommentieren.“