Villa Kérylos c/o Nizza: Rückzugsort eines Sammlers

Der Ort an der Côte d’Azur ist immer noch ein Geheimtipp, an dem man nur wenige Besucher trifft: die Villa Kérylos an der Spitze einer Landzunge in Beaulieu-sur-Mer. Selten hat ein Sammler seinen Traum von der antiken Vergangenheit so vollkommen verwirklicht wie Théodore Reinach hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In der Bibliothek des Hauses findet sich eine Wandinschrift auf Altgriechisch, die als Motto des Hausherrn gilt: „Hier gönne ich mir in Gesellschaft der griechischen Redner, Gelehrten und Dichter einen friedlichen Rückzugsort inmitten ewiger Schönheit.“

Reinach (1860 bis 1928) entstammte einer Pariser Bankiersfamilie und war einer der führenden Altertumswissenschaftler Frankreichs: Universitätsprofessor, Herausgeber dreier kulturhistorischer Zeitschriften, Mitglied des Institut de France und Ritter der Ehrenlegion. Die Epoche des Hellenismus faszinierte ihn besonders. Geschichte sollte für ihn jedoch nicht bloße Theorie bleiben, sondern gelebte Realität werden. Von dem Pariser Architekten Emmanuel Pontremoli ließ Reinach sich von 1902 bis 1908 eine luxuriöse Villa im griechischen Stil errichten. Französische Archäologen hatten von 1873 an auf der Insel Delos in der Ägäis erstmals Ruinen prachtvoller Wohnhäuser des dritten bis ersten vorchristlichen Jahrhunderts entdeckt. Während die Ausgrabungen in Pompeji bis ins Detail reichende Erkenntnisse über das Aussehen römischer Villen erbrachten, sind von griechischen Privathäusern nur Fundamente erhalten. Für die Innenraumgestaltung gibt es kaum Anhaltspunkte, sodass eine authentische Rekonstruktion solcher Gebäude bis heute nicht möglich ist.

Althistoriker, Politiker und Numismatiker: Théodore Reinach auf einer um 1925 entstandenen AufnahmeBildarchiv Pisarek / akg-images

Doch das schreckte Reinach und seinen Architekten Pontremoli nicht ab, sondern forderte sie zu besonderer Kreativität heraus. Sie ließen sich von den Grundrissen der Bauten auf Delos inspirieren und rekonstruierten eine idealtypische hellenistische Villa, die auf der Welt einzigartig ist. Das weiße, äußerlich schlichte Haus besteht aus mehreren rechtwinkligen Baukörpern, die sich um einen offenen, von Säulen umgebenen Innenhof gruppieren. Der Garten, die große Terrasse und der Turm mit Pergola bieten Ausblicke auf das Meer. Im Erdgeschoss liegen die Repräsentationsräume mit großem Salon, Speisesaal, Studierzimmer inklusive Bibliothek sowie das Marmorbad mit Wasserbassin. Im Obergeschoss sind die Schlafräume, Gästezimmer und Dienstbotenquartiere untergebracht, während sich im Untergeschoss die Wirtschaftsräume befinden. Der Hausherr wollte nicht auf moderne Annehmlichkeiten wie fließendes Wasser, Elektrizität, Heizung und Toiletten verzichten, doch all dies ist hinter beweglichen Wandvertäfelungen und in Truhen versteckt.

Auch das Mobiliar ist griechisch inspiriert: Blick in die Villa KérylosPicture Alliance

Für die Villa entwickelten der Architekt und sein Bauherr ein aufwendiges Dekorationssystem. Die damals aktuelle Forschungsliteratur und internationale Museumssammlungen lieferten Vorlagen für die Innenausstattung: Wandmalereien, Stuckreliefs, Holzdecken und Mosaikfußböden wurden mit mythologischen Szenen und Mustern versehen. Vorhänge, Decken und Kissenbezüge ließ er mit antiken Ornamenten weben.

Doch wie sollte die Villa möbliert werden? Aus dem alten Ägypten haben sich Holzmöbel in Gräbern unter dem Wüstensand mitunter gut erhalten, aus der griechischen Antike sind so gut wie keine überliefert. Die Rekonstruktionen in der Villa Kérylos mussten sich daher an Tischen, Stühlen, Liegen, Betten oder Schränken orientieren, die auf alten Vasen dargestellt sind. Ebenisten in Paris fertigten Möbel dann nach diesen Vorbildern an, während Töpfer und Silberschmiede Geschirr und Besteck im antiken Stil produzierten.

Als Sammler war es Reinach ein Anliegen, seine Villa auch mit Kunst und Kunsthandwerk der Antike zu schmücken. Er staffierte die Räume mit originalen griechischen Vasen, Schalen und Tanagra-Figuren aus Terrakotta aus, mit bronzenen Kleinplastiken und steinernen Büsten. Die aufgestellten Großplastiken sind dagegen moderne Gipsabgüsse. Reinachs größte Sammelleidenschaft galt griechischen Münzen, die in Schränken aufbewahrt seinen wissenschaftlichen Studien dienten.

Antike Anmutung, aber bitte mit fließendem Wasser: Handwaschbecken in der Villa Kérylosddp

Während das Pompejanum in Aschaffenburg am Main, errichtet als Nachbau einer römischen Villa im Auftrag König Ludwigs I. von Bayern, als öffentliches Museum konzipiert war, diente die Villa Kérylos als privates Wohnhaus. Die Familie Reinach verbrachte vor allem ihre Ferien in dem prächtigen Domizil, bis es nach dem Tod des Erbauers dem französischen Staat übergeben und 1967 als Museum zugänglich gemacht wurde.

Für Reinach war das edle Ambiente keinesfalls nur Kulisse, sondern eine Wiederauferstehung der antiken Kultur. Das ging so weit, dass er mitunter auf Altgriechisch parlierte und sich selbst, seine Familie und seine Gäste in hellenistische Gewänder hüllte. Auch der Hausmeister musste sich à la grecque kleiden. Für den Hausherrn, Sammler und Gelehrten war die Nachahmung der antiken Lebensweise Ausdruck einer rückwärtsgewandten Utopie vom irdischen Paradies. Denn für ihn lag das Heil in der Wiedergeburt einer idealisierten Vergangenheit.

Womöglich ist die Villa Kérylos für ihn auch eine Art Schutzraum vor den Angriffen gewesen, die er in Paris erleiden musste. Reinach war zwar eine prominente und angesehene Persönlichkeit, doch um 1900 sah er sich als Jude zunehmend antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Sein Bruder Joseph, der sich als Journalist und Politiker in dem Justizskandal der Dreyfus-Affäre engagierte, wurde von der Armee, der Presse und dem Klerus mit Hass und Hetze überzogen. Zahlreiche Zeitgenossen drohten offen mit seiner Ermordung. Auch Théodore Reinach wurde zur Zielscheibe antijüdischer Artikel und Karikaturen. Die Villa Kérylos bot ihm eine Fluchtmöglichkeit in die vermeintlich heile Welt der griechischen Antike, einen „friedlichen Rückzugsort inmitten ewiger Schönheit“, wie es die Wandinschrift in der Bibliothek versprach.

Source: faz.net