Vasyl Cherepanyn, 1980 in Iwano-Frankiwsk geboren, ist Kurator der 14. Berlin Biennale, die im nächsten Jahr stattfinden wird. In Kiew hat er 2015 die Kiew Biennale gegründet, die seit Beginn des Angriffskriegs auch im Exil stattfindet. Sie ist im vergangenen Jahr in Institutionen in Warschau, Wien, Dnipro, Linz und Antwerpen untergekommen. 2024 fand sie bereits in Berlin statt. Unter anderem in dem von Wolfgang Tillmans initiierten Ausstellungsraum „Between Bridges“. Seitdem sie auch im Exil stattfindet, ist sie eine Perenniale. Das heißt, sie findet nicht nur alle zwei Jahre statt, sondern jedes Jahr. Perennial bedeutet konstant, ausdauernd, widerstandsfähig. All das, was die Ukraine gerade unter Beweis stellt. Aber auch unter Beweis stellen muss. Das Gespräch findet im KW Institute for Contemporary Art in Berlin statt. Dem Ort, an dem die Berlin Biennale zu Hause ist, der aber auch schon in diesem Sommer zentraler Spielort der Kiew Biennale sein wird. Vor dem Fenster fällt der Schnee in dicken Flocken, während Cherepenyan immer wieder um Worte ringt – und sie doch findet.
Sie haben mal gesagt, Berlin sei eine osteuropäische Stadt. Wie ist das gemeint?
Diese Perspektive verändert den Blick. Berlin ist historisch durch Mauern, Grenzen und deren Verschiebungen geprägt. Wer gehört dazu, wer nicht? Welche Grenzen existieren innerhalb der Stadt? Auch in der Erinnerungspolitik fehlt oft eine ostwärts gerichtete Perspektive. Um Ostdeutschlands Geschichte zu verstehen, muss man den weiteren osteuropäischen Kontext einbeziehen. Eine Biennale, die Berlin Biennale, ist in diesem Sinne für mich mehr als eine Ausstellung. Sie ist ein Format, um den Stadtraum als Raum für Kunstproduktion, Wahrnehmung und Interaktion neu zu definieren. Es geht darum, über die Kunstblase hinauszugehen. Gerade jetzt, wo wir von verschiedenen Seiten durch Kriege bedroht sind, ist es wichtig zu reflektieren, wie wir uns selbst verstehen und welche Zukunft wir uns vorstellen.
Sie selbst sind relativ neu in der Stadt. Wie nehmen Sie Berlin in diesem Zusammenhang wahr?
Ich war über viele Jahre immer wieder hier, aber jetzt dauerhaft hier zu sein ist etwas anderes. Ich finde es sehr interessant, diese Perspektiven zu überlagern und zu betrachten, wie sich die neuen Erfahrungen von Menschen, die überwiegend aus Osteuropa hierherkommen, mit den historischen Narrativen dieser Stadt verbinden lassen.
Sie wollen, dass die Biennale langfristig in der Stadt wirkt. Wie funktioniert das, wenn man dabei die eigene Stadt gewissermaßen verliert? Die Kiew Biennale operiert aus dem Exil heraus.
Das ist eine sehr komplexe Frage. Im Grunde fragen Sie mich auch, was „Heimat“ für mich bedeutet. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf eine Antwort habe. Ehrlich gesagt, würde ich nicht einmal sagen, dass ich vor 2022 eine eindeutige Heimat hatte. Operativ gesprochen, begann die Biennale in Kiew und hat Kiew weiterhin im Fokus. Auch während des Krieges finden dort Aktivitäten statt, immer in Partnerschaft mit bestehenden Institutionen. Vor 2022 haben wir einfach die Räume gemietet, die wir bespielen wollten. Seit 2022 ist das strukturell kaum möglich, weil offizielle kulturelle Veranstaltungen bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen: Schutzräume, Sicherheitsvorgaben, Berücksichtigung von Luftalarm etc. Die Stadt wird nahezu täglich bombardiert. Deshalb arbeiten wir mit langjährigen Partnern zusammen, insbesondere mit dem Dovzhenko Centre, dem Filmarchiv, einer der wichtigsten Kulturinstitutionen der Ukraine.
Welche Funktion hat die Kiew Biennale im Ausland, wie positioniert sie sich?
Sie bringt in den jeweiligen Kontext etwas ein, das dort nicht präsent ist. Das heißt nicht, dass wir nur ukrainische Kunst im Ausland zeigen würden, das haben wir nie getan. Im Gegenteil: Wir haben immer versucht, die ukrainische Kunstszene zum unentbehrlichen Teil der kulturellen Landschaft zu machen. Ich denke in diesem Zusammenhang aber auch als Vater. Wenn man so stark bedroht ist, buchstäblich in diesem Moment, und wir bereits so viele Leben verloren haben, dann wird es existenziell wichtig, etwas zu tun, was unseren Kindern zugutekommt. Das ist wesentlich ernster, als wir vielleicht denken, und diese Frage hält mich nachts wach.
Das führt zu der Frage, die oft gestellt wird: Was bringt Kunst in Zeiten des Krieges?
Wenn es überhaupt eine Zukunft nach dem Krieg geben soll, betrifft diese Frage nicht nur die Kunst, sondern das gesamte gesellschaftliche Leben in all seiner Vielfalt. Krieg ist fundamental gegen die Gesellschaft gerichtet. Man kann sich kaum etwas vorstellen, das radikaler gegen das gesellschaftliche Zusammenleben wirkt als Krieg. Deshalb brauchen wir noch viel mehr Kunst und Kultur, die es uns ermöglichen, geistig gesund zu bleiben, zu überleben und sicherzustellen, dass wir, wenn wir hoffentlich durch diese dunkle Zeit kommen, wieder handeln und leben können und es dafür auch Strukturen gibt. So viele Menschen werden diese Möglichkeit leider nicht mehr haben.
Krieg hat langfristige Auswirkungen über Generationen hinweg. Man braucht Jahrzehnte des Friedens, um wenige Jahre Krieg zu verarbeiten.
Die Generationenfrage ist ein zentraler Punkt. Viele Menschen betrachten den Krieg nur als territoriale Verschiebungen: wie viel Land heute oder morgen erobert wird, wenn sie die Nachrichten gucken. Aber selbst wenn der Krieg morgen enden würde, hätten wir ein Problem bis zum Ende des Jahrhunderts. In diesem Sinne wird der Krieg für uns nie wirklich vorbei sein, selbst wenn er morgen beendet wäre. Pragmatisch gesprochen, ist es so, dass nicht einmal meine Kinder, sondern wohl erst meine Enkel damit beginnen werden, das richtig zu verarbeiten. Gleichzeitig ist deswegen gerade der Blick in die deutsche Geschichte wichtig für mich. Es grenzt ja geradezu an ein Wunder, dass Demokratie nach dem Faschismus möglich ist. Das ist einzigartig.
Und es ist nach wie vor eine stabile Demokratie.
Genau. Und ich denke, es sollte ein stärkeres kulturelles Bewusstsein dafür geben, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Es geht nicht darum, einfach dankbar zu sein, sondern darum, zu verstehen, dass Demokratie permanente Arbeit bedeutet. Sie muss weiterentwickelt werden. Andernfalls hätte hier auch etwas ganz anderes entstehen können. Die Geschichte hätte völlig anders verlaufen können.
Fehlt der deutschen Erinnerungskultur eine osteuropäische Perspektive?
Sie könnte eine Ergänzung, vielleicht sogar eine Vervollständigung sein. Ich finde es beeindruckend, welche Anstrengungen Deutschland im Umgang mit dem Erinnern und der Vergangenheit unternommen hat. Aber gleichzeitig fehlt oft der Blick nach Osten. Es gibt im Deutschen ganz genaue Worte für alles, und so ist das Erinnern auch etwas, was im Inneren passiert und arbeitet, das steckt schon im Wort selbst. Es wäre in diesem Sinne gut, die Perspektive der Erinnerung zu erweitern. Seit der sogenannten Ostpolitik wird „der Osten“ häufig auf Moskau reduziert, als wäre das restliche, riesige Land drum herum eine Art Niemandsland. Ich denke, das sind die fehlenden Elemente. In gewisser Weise ist das ziemlich tragisch, denn wenn diese Elemente auf EU-Ebene nicht gefehlt hätten, hätten wir jetzt vielleicht keinen Krieg.
Der Architekt Norman Foster hat bereits 2022 eine Art Masterplan für den Wiederaufbau Charkiws vorgelegt. Wie stehen Sie dazu, bereits öffentlich über den Wiederaufbau zu sprechen, wenn gar nicht klar ist, wann es dazu kommen wird?
Diese Diskussion führen wir seit Jahren mit Kollegen aus Architektur und Kunst in der Ukraine. Natürlich wird ein Wiederaufbauplan gebraucht, eher gestern als heute. Gleichzeitig gibt es eine gewisse Diskrepanz: Wenn Norman Foster große Wiederaufbaupläne für Charkiw präsentiert, während die Stadt weiterhin tagtäglich bombardiert wird, jetzt gerade, während wir sprechen, entsteht eine fast schizophrene Situation. Man spricht vom Wiederaufbau, während gleichzeitig alle zwei Stunden Bomben fallen. Auf der einen Seite gibt es diese internationalen Superstars, die viel Aufmerksamkeit bringen, die versuchen, sich als sehr hilfsbereit zu präsentieren, und es vielleicht auch sind. Aber die Realität vor Ort sieht anders aus. Es gibt viele wirklich sehr gute Architekten, die sich täglich dafür einsetzen, Unterkünfte für Binnenflüchtlinge zu schaffen. Etwas, das real, jetzt gerade benötigt wird. Psychologisch ist es vielleicht verständlich: Es ist leichter, über „nach dem Krieg“ zu sprechen, als die aktuelle, harsche und reale Gewalt auszuhalten. Aber eigentlich wäre das Dringendste und das, worauf wir uns konzentrieren müssen, den Krieg zu stoppen.
Positiv betrachtet erzeugen solche Präsentationen Aufmerksamkeit. Und die ist wichtig, weil das mediale Interesse schwankt. Andere Krisen drängen sich in den Vordergrund.
Diese Aufmerksamkeitsökonomie ist etwas, das nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Ressourcen und das Engagement aufrechterhält. Gleichzeitig werden die Ukrainer durch diese westliche Sichtweise immer stärker instrumentalisiert. Als wäre die Ukraine einfach qua Geburt eine Nation von Helden, als wären sie nicht verletzlich und momentan sehr geschwächt. Einerseits wird dieser Druck, dass die Ukraine stark und mutig sein muss, von ihr selbst erzeugt. Andererseits ist es nicht so, dass die Ukrainer sich immer vorgestellt haben, sie würden als Superkämpfer an vorderster Front stehen. Wir scheinen ziemlich oft zu vergessen, was das wirklich für die Gesellschaft innerhalb des Landes bedeutet, wie verwundbar sie geworden ist und wie viele Ebenen des gesellschaftlichen Lebens gerade unwiederbringlich zerstört werden.
Was bräuchte man jetzt am dringendsten?
Das Wichtigste ist, dass die Ukraine in die EU integriert wird. Wenn die Ukraine alleingelassen wird, ist es vorbei. Das wäre das Ende der Geschichte. Das wäre sehr tragisch, nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa.
Was kann die Kunst dabei tun?
Was wir brauchen, ist Klarheit durch Komplexität. Das ist kein Widerspruch. Ich denke, der Verwirrung, die gerade durch populistische Vereinfachung erzeugt wird, kann man nur so begegnen. Kunst kann Dinge und Vorgänge in ihrer Komplexität klar darstellen. Genau das ist eine der größten künstlerischen Herausforderungen. Ich denke, dass gerade die Arbeit gegen diese populistische Verwirrung etwas ist, das zum Gemeinwohl beitragen kann. Die Art von Kunst, die mir wichtig ist, ist Kunst, die ihren Ort und ihre Zeit kennt.
Source: faz.net