Vier Jahre KriegSelenskyj ist ein Jahrhundertheld ohnegleichen
Der ukrainische Freiheitskampf gegen Russland kennt unzählige Helden, an der Front und im Zivilleben. Doch ohne Präsident Wolodymyr Selenskyj gäbe es das Land nicht mehr – auch, wenn er die russische Gefahr lange nicht hatte sehen wollen.
Wolodymyr Selenskyj müsste seit 1461 Tagen tot sein, erschossen von russischen Spezialeinheiten im Kiewer Präsidentenpalast. Und wenn schon nicht tot, doch wenigstens abgesetzt und verhaftet, oder geflohen ins Ausland. So hatte es der russische Machthaber Wladimir Putin ersonnen. Kleinigkeit! Putin hat vor und nach der Vollinvasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 schon so viele Menschen töten lassen, in Kerker geworfen und ins Exil gejagt, warum also nicht auch diesen jungenhaften Fernsehkomiker im Amt des ukrainischen Staatschefs? Ein Mann, der sich im Fernsehen in Stöckelschuhen und Lack und Leder gezeigt hatte! Und als Präsident genoss dieser Selenskyj schließlich weder bei seinem Volk noch im Ausland übertriebenen Rückhalt. Sich ausgerechnet in diesem Mann getäuscht zu haben, müsste der Pseudo-Historiker Putin mittlerweile als seine schwerwiegendste Fehleinschätzung erkannt haben.
Was auch immer ernsthafte Historiker einstmals über Selenskyj und seine Bilanz als Kriegspräsident schreiben werden, wie auch immer dieser Krieg für die Ukraine ausgeht: Vier Jahre nach Beginn der „militärischen Spezialoperation“, mit welcher der Kreml binnen Tagen die Kontrolle über die frühere Sowjetrepublik erlangen wollte, ist die Ukraine noch immer ein souveräner Staat. Ohne den inzwischen 48-jährigen Präsidenten Selenskyj wäre dieser Erfolg nicht vorstellbar.
Man muss weit zurückgehen in der Geschichte, um einen einzelnen Menschen zu finden, mit dem der Freiheitskampf eines ganzen Volkes in solch einem Maße verbunden ist – erst recht im Angesicht eines so übermächtigen Gegners wie der imperialen Atommacht Russland, ihrer gigantischen Armee und ihrer Skrupellosigkeit, unzählige eigene Soldaten zu opfern.
„Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“
Während Moskau und seine europäischen Sprechzettel-Verleser à la AfD weiterhin versuchen, Selenskyj als Kriegstreiber darzustellen, der eine Verhandlungslösung blockiere, haben viele Menschen längst vergessen: Der Mann war im Frühjahr 2019 auch deshalb gewählt worden, weil er sich vor allem den innenpolitischen Problemen der Ukraine widmen und dafür mit Russland einen Ausgleich finden wollte. Als ihn US-Präsident Joe Biden wenige Wochen vor dem Überfall eindringlich und konkret vor den russischen Invasionsplänen warnte, schien Selenskyj diese Warnungen nicht wahrhaben zu wollen.
In der Bergarbeiterstadt Krywyj Rih, wo Selenskyj aufgewachsen ist, war Russisch und nicht Ukrainisch Alltagssprache. In seinen Jahren als Entertainer war Selenskyj durch Russland getourt, in allen möglichen Städten aufgetreten, im russischen Fernsehen sowieso.
Als Putin in der Nacht zum 24. Februar dennoch Ernst machte, traf Selenskyj eine Entscheidung, deren Tragweite er unmöglich absehen konnte, weder für ihn persönlich noch für die angegriffene Ukraine: Er blieb. Er blieb im Amt, er blieb im Land, er blieb in der Hauptstadt. Auf diese rollte eine gigantische Panzerkolonne zu, ein Flughafen wurde aus der Luft von russischen Spezialkräften erobert. Die hatten Todeslisten im Gepäck, Selenskyjs Name stand ganz oben. Nach ukrainischen Angaben waren die Killerkommandos schon bis in den Amtssitz des Präsidenten vorgedrungen. Die zivilen Mitarbeiter der Präsidialverwaltung bekamen Sturmgewehre ausgehändigt. Selenskyj, verheirateter Vater zweier Kinder, und seine Mitstreiter sahen dem Tod ins Auge.
Doch die russischen Eindringlinge wurden abgewehrt – erst im Präsidentensitz, dann in Kiew und schließlich in weiten Teilen des Landes, vor allem im Norden und Nordosten. Viele Faktoren haben diese unwahrscheinliche Verteidigungsleistung ermöglicht, doch Voraussetzung für alles Folgende war der im Land gebliebene Staatschef. Ein Angebot der US-Regierung zur Evakuierung schlug Selenskyj mit den legendären – und absichtlich öffentlich gemachten – Worten aus: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“
In zwei via Twitter veröffentlichten Videos zeigte sich Selenskyj in den Stunden nach Beginn der Invasion in Kiew: „Wir sind alle hier. Wir verteidigen unsere Unabhängigkeit“, sagt der eher klein gewachsene, damals noch relativ schmächtige Selenskyj darin, umgeben von den wichtigsten Regierungsmitgliedern. Parallel startete die ukrainische Armee einen Verteidigungskrieg, auf den sie viel besser vorbereitet war als die russischen Soldaten auf ihre stümperhaft organisierte Invasion – trotz Russlands zahlenmäßiger Überlegenheit in Personal und Material.
Notfalls lässt er sich demütigen
Selenskyj ist seither zu einer Ikone aufgestiegen, streitbar, aber standfest. Ein Gesicht seines Landes, das nahbar und menschlich ist. Erst recht im Vergleich zu Putin, aber auch im Vergleich zu US-Präsident Donald Trump, der dem vierten Kriegsjahr in seiner zweiten Amtszeit den Stempel aufdrückte. Seit Anfang 2025 kämpft Selenskyj ja nicht nur gegen den von China unterstützten Putin, er ringt auch permanent mit dem völlig unberechenbaren Trump, auf dessen Wohlwollen die Ukraine so unbedingt angewiesen ist. Jederzeit könnte Washington weitere Waffenlieferungen einstellen, ganz gleich, ob andere Länder dafür zu bezahlen bereit sind. Jederzeit könnte Trump die Bereitstellung amerikanischer Aufklärungsdaten stoppen, ohne die der David-gegen-Goliath-Kampf der Ukraine wohl tatsächlich aussichtslos wäre.
Die orchestrierte Demütigung Selenskyjs im Weißen Haus, die sich am 28. Februar erstmals jährt, ist auch dem Umstand geschuldet, dass der Medienmensch Trump in dem Ukrainer einen Mann mit mindestens gleich großer Strahlkraft erkannte – und ihn zurechtstutzen wollte. Selenskyj ging Trump und JD Vance in die sorgsam vorbereitete Falle, verlor ausnahmsweise die Fassung, polterte zurück und musste in den Wochen danach vor den Amerikanern zu Kreuze kriechen – aus Notwendigkeit für das Überleben seines Landes. Immer wieder ist er seither auf Trump zugegangen, wenn irgend möglich, weil Selenskyjs Ego eben nicht größer ist als die Interessen der Menschen, für die er Verantwortung trägt.
Immerhin: Selbst diese persönliche Schmach hat Selenskyj zum Vorteil des Landes gewendet. Trumps Schmierenkomödie war der Moment, als viele Europäer, einschließlich des im Werden begriffenen Bundeskanzlers Friedrich Merz, endgültig begriffen, was die Stunde geschlagen hatte. Europa musste sich angesichts dieses US-Präsidenten dringend berappeln.
Das Gesicht einer Nation
Zehntausende getötete Soldaten und Zivilisten, darunter Hunderte Kinder, sowie nach ukrainischen Angaben mindestens 20.000 nach Russland deportierte Kinder, hunderttausende Verletzte, Millionen traumatisierte Menschen, Millionen Geflüchtete und eine Zerstörung von Städten und Landschaften in einem nicht zu begreifenden Ausmaß: Den Preis für den scheinbar endlosen Verteidigungskampf der Ukraine am Zustand ihres Präsidenten ablesen zu wollen, ist natürlich Unsinn. Und doch suchen Menschen innerhalb wie außerhalb des Landes in diesem so unfassbar schnell gealterten Gesicht Wolodymyr Selenskyjs einen Eindruck, ein Gefühl dafür, wie es um das Land steht.
Selenskyj, der sich beinahe jeden Tag seinem Land zeigt, über den Krieg spricht, die Helden lobpreist, den Verstorbenen huldigt, mit ihren Angehörigen fühlt. Der die Front besucht und den Austausch sucht mit allen möglichen Regierungs- und Staatschefs, um gebetsmühlenartig zu erklären, warum die Ukraine Unterstützung verdient – und Russland Schimpf, Schande, und ja, auch möglichst viele Tote.
Der einstige Spaßmacher und spätere Präsident zeigt sich seit Beginn der Vollinvasion nur noch in Militärkleidung oder den traditionellen bestickten Hemden namens Vyshyvanka. Die Stimme glich zeitweise einem Reibeisen, die Augenringe wurden vielschichtiger als Putins fantasiereiche Gewaltrechtfertigungen. Über Monate wirkte Selenskyjs Erscheinungsbild durchaus besorgniserregend. Wer mag schon erfassen, was diese Verantwortung aus einem Menschen macht? So viele Tote, so viele zerstörte Leben.
Und vieles ist Selenskyj tatsächlich nicht gelungen: Das Scheitern der Sommeroffensive 2023 gilt auch als Ergebnis politischer Fehlplanung: Kiew soll die Kampagne trotz nicht ausreichender Ausrüstung und unerfahrener neuer Truppenteile erzwungen haben. Die schon vor dem Krieg als größte Geißel der Ukraine grassierende Korruption gibt es noch immer. Erst recht unter den Bedingungen dauerhaft ausgesetzter Wahlen wegen des anhaltenden Kriegszustands. Dass die Anti-Korruptions-Ermittlungen, die es ebenfalls gibt, auch immer wieder den engsten Kreis des Präsidenten treffen, zerrt an seinem Ruf – wird aber ausgerechnet von jenen weidlich ausgeschlachtet, die es mit dem mit Abstand korruptesten Präsidenten der US-Geschichte halten oder mit dem Rechtsstaatsverächter Putin. Oder mit beiden.
Hanebüchene Behauptungen über ein angebliches Milliardenvermögen von Selenskyj werden auch in Deutschland von nicht wenigen bereitwillig geglaubt und weiterverbreitet. Vielleicht werden Selenskyjs persönliche Opfer und seine Risikobereitschaft für viele erst durch eine Selbstbereicherung gigantischen Ausmaßes plausibel. Dass ein Präsident sein Land aufrichtig lieben und sein Leben dafür zu geben bereit sein könnte, mag man sich in AfD-Kreisen nicht vorstellen. Wobei auch niemand behauptet hat, Selenskyj sei frei von Eitelkeiten und habe sein eigenes Bild in künftigen ukrainischen Geschichtsbüchern nicht im Hinterkopf.
Selenskyj will nur noch ein echtes Ende
Wie Selenskyj aber in diesen ukrainischen Geschichtsbüchern erscheinen wird, ist völlig ungewiss. Unter dem Druck von Trump, dem der ukrainische Freiheitskampf lästig ist, während Geschäfte mit Russland locken, hat Selenskyj inzwischen weitreichende Zugeständnisse gemacht. Im Kern ist er längst bereit, alle von Russland besetzen Gebiete vorerst abzugeben. Mit der hohen Wahrscheinlichkeit, dass das Land sie nie wieder zurückerhält, obwohl der Donbass und die Krim wirtschaftliches Rückgrat der Ukraine waren. Kiew ist längst zu einem brutal ungerechten Frieden bereit, damit das Sterben an der Front und die Luftangriffe auf die Bevölkerung endlich enden.
Selenskyj zeigt sich zu fast allem bereit, auch zu schnellstmöglichen Wahlen, wenn denn die russischen Waffen nur einmal zwei Monate schwiegen, um solch eine Wahl durchführen zu können. Vier Jahre nach Beginn des Krieges will Selenskyj nur noch eines wissen, bevor er die meisten russischen und amerikanischen Forderungen erfüllt: „Ich möchte eine ganz konkrete Antwort“, sagte Selenskyj zum vierten Jahrestag der Invasion dem US-Sender CNN: „Was unsere Partner bereit sein werden zu tun, falls Putin wiederkommt. Das ist es, was die Ukrainer hören wollen.“ Die Ukrainer wollen Sicherheitsgarantien, damit ein Kriegsende genau das ist, ein Ende.
Auf der Münchener Sicherheitskonferenz räsonierte Selenskyj jüngst, Putin brauche den Krieg zum eigenen Machterhalt. Er nannte den Russen einen „Sklaven des Krieges“. Und Selenskyj? Der wird irgendwann nicht mehr Präsident sein, mit guten Chancen, Putin um Längen zu überleben. Und es wird Selenskyj dann vielleicht auch egal sein, was in den ukrainischen Geschichtsbüchern über ihn steht. Hauptsache, es gibt sie noch, die Ukraine und ihre eigene, unabhängige Geschichte.
Source: n-tv.de