Seit Beginn der Militäroperation gegen den Iran sind in Israel mehrere Menschen durch iranische Raketeneinschläge getötet worden. WELT-Autor Constantin Schreiber schildert den Alltag unter permanentem Raketenalarm – und eine Bedrohung, deren Tragweite frühere Konflikte deutlich übersteigt.
Die Sirene kommt ohne Vorwarnung. Ein durchdringender Ton, der in Tel Aviv inzwischen alles überlagert — Gespräche, Gedanken, Schlaf. Innerhalb weniger Sekunden leert sich alles. Menschen stehen auf, greifen nach dem Nötigsten und gehen in Schutzräume.
Dann beginnt das Warten: auf die Explosion am Himmel oder den Einschlag am Boden. Die großen, öffentlichen Schutzräume sind so ausgestattet, dass man Stunden, notfalls Tage, hier ausharren könnte, mit einfachen Küchen, Toiletten, Wasserzufuhr. Worüber redet man in so einer Situation? Die meisten über alles, nur nicht Krieg. Den letzten Urlaub, den Lieblingsfilm, das Wetter.
Seit dem Beginn des Krieges zwischen Israel, den USA und dem Iran hat sich mein Alltag in Tel Aviv grundlegend verändert. Der Krieg ist hier kein politisches Schlagwort mehr, keine Nachrichtensendung, kein fernes Frontgeschehen. Er ist ein Geräusch — die Sirene, die jederzeit einsetzen kann.
Permanent unterbrechen Raketenalarme das Leben. Gespräche enden mitten im Satz, Interviews werden abgebrochen, Menschen stehen auf und gehen wortlos in Schutzräume. Innerhalb weniger Sekunden entscheidet sich, ob ein Angriff abgefangen wird oder ob er die Stadt erreicht.
Der Krieg als existenzielle Auseinandersetzung
Tel Aviv ist dabei nicht irgendein Ziel. Diese Stadt steht für Israels wirtschaftliches, kulturelles und gesellschaftliches Zentrum. Dass iranische Raketen nun auch hier einschlagen können, verändert die Wahrnehmung des Krieges spürbar.
Ein Einschlag hat Tel Aviv bereits getroffen. Eine Rakete traf ein Wohngebiet im Zentrum der Stadt, Menschen wurden verletzt, eine Frau getötet.
Auch in anderen Teilen des Landes starben Menschen durch iranische Angriffe, Teheran hat seit dem Beginn des Angriffs Israels und der USA Dutzende Raketen auf Israel abgefeuert. In der westlich von Jerusalem gelegenen Stadt Beit Schemesch wurde eine Synagoge getroffen, mindestens neun Menschen wurden getötet. Und die Zahl der Opfer könnte noch weiter steigen.
In diesem Moment wurde aus der strategischen Bedrohung eine persönliche Realität. Rauch über Wohnhäusern, abgesperrte Straßen, zerstörte Fassaden — es sind Bilder, die zeigen, dass dieser Konflikt längst die Mitte des Landes erreicht hat.
Was mich in diesen Tagen besonders beeindruckt, ist nicht Angst, sondern Entschlossenheit. Viele Israelis begreifen diesen Krieg als existenzielle Auseinandersetzung. Es geht aus ihrer Sicht nicht nur um Vergeltung, sondern um die Frage, ob Iran dauerhaft militärische Überlegenheit in der Region erreichen kann.
Premierminister Benjamin Netanjahu formulierte diese Haltung früh sehr deutlich. Ein Angriff Irans auf Israel wäre, sagte er, „der schwerste Fehler in seiner Geschichte“.
Dieser Satz begegnet mir hier immer wieder — nicht als politischer Slogan, sondern als Ausdruck eines gesellschaftlichen Konsenses: dass dieser Krieg als notwendig angesehen wird, um eine langfristige Bedrohung abzuwehren.
Mögliche Neuordnung der Machtverhältnisse
Gleichzeitig wird mir in Gesprächen klar, dass die Menschen sehr genau wissen, dass dieser Konflikt weit über Israel hinausreicht. Iranische Raketen, amerikanische Beteiligung, Angriffe auf militärische Infrastruktur — all das deutet auf eine mögliche Neuordnung der Kräfteverhältnisse im Nahen Osten hin.
Auch aus Washington kommen Worte, die die Dimension dieses Konflikts unterstreichen. US-Präsident Donald Trump erklärte nach Beginn der Militärschläge, die Vereinigten Staaten hätten „major combat operations“ – also eine groß angelegte militärische Offensive – gegen den Iran gestartet und würden dessen militärische Fähigkeiten entscheidend schwächen.
Wenn ich durch Tel Aviv gehe, spüre ich, dass vielen bewusst ist: Hier entscheidet sich möglicherweise mehr als ein einzelner Krieg. Es geht um Abschreckung, um regionale Machtbalance — und darum, ob Konflikte künftig durch iranische Drohkulissen bestimmt werden.
Der Alltag funktioniert weiter, aber unter Vorbehalt. Schutzräume sind geöffnet, Reservisten eingezogen, Schulen geschlossen. Nach jedem Alarm kehren Menschen zurück zu dem, was sie gerade getan haben. Nicht aus Gewöhnung, sondern aus Haltung.
Diese Stadt sendet damit ein stilles Signal: dass öffentliches Leben selbst Teil der Verteidigung ist.
Tel Aviv wirkt konzentrierter als sonst, ernster, wachsamer. Jeder Blick geht schneller zum Himmel, jedes Geräusch wird geprüft. Und doch entsteht gleichzeitig ein starkes Gefühl von Zusammenhalt — die Überzeugung, einen historischen Moment zu erleben.
Während erneut Sirenen erklingen und Abfangraketen über der Stadt aufsteigen, wird mir klar: Dieser Krieg entscheidet darüber, wie die Sicherheitsordnung des Nahen Ostens in Zukunft aussehen wird — und ob Städte wie Tel Aviv dauerhaft unter der Bedrohung eines regionalen Großkonflikts leben müssen.
Constantin Schreiber ist Teil des Axel Springer Global Reporters Netzwerk, zu dem neben WELT auch „Bild“, „Business Insider“, „Onet“ und „Politico“ gehören.
Source: welt.de