An einem brisanten Ort des Kalten Krieges geriet Film-Agent James Bond 1982 in das Visier ganz realer Geheimdienstler des Ostblocks. Der Grund waren die Dreharbeiten zum 007-Abenteuer „Octopussy“ – bei denen ein diplomatischer Fauxpas passierte.
Für James-Bond-Fans war 1983 ein außergewöhnliches Jahr – und für deutsche 007-Enthusiasten galt dies in gleich doppelter Hinsicht. Denn zum einen erschienen fast zeitgleich zwei Kino-Abenteuer des britischen Superspions: erstens „Octopussy“ mit Roger Moore in der Hauptrolle, als 13. Film in der von EON Productions seit 1962 realisierten Filmreihe; und außerdem ein „inoffizielles“, rivalisierendes Bond-Werk namens „Sag niemals nie“, produziert von Taliafilm, in dem Moores Vorgänger Sean Connery ein Comeback machte. Hintergrund dieser denkwürdigen „Bond vs. Bond“-Situation war ein komplizierter, jahrelanger Rechtsstreit.
Und zum anderen fanden zuvor für einen dieser beiden Filme erstmals Bond-Dreharbeiten im damals geteilten Deutschland statt, genauer: in West-Berlin. Denn in „Octopussy“ reist James Bond nach einigen Ermittlungen in London und Indien in die DDR, um dort dem sinistren Plan des Sowjetgenerals Orlov (Steven Berkoff, der 1985 auch in „Rambo II“ einen fiesen Sowjetoffizier spielte) auf die Spur zu kommen. Bond findet heraus, dass Orlov eine Atombombe in einer westdeutschen US-Militärbasis zünden will – was 007 knapp vereitelt.
Bonds Einreise in die DDR findet im Film nicht irgendwo statt, sondern an einem geschichtsträchtigen Ort mit hohem Wiedererkennungswert: am Checkpoint Charlie. Jener Grenzübergang lag auf der Kreuzung Zimmer- und Friedrichstraße und trennte den West-Berliner Bezirk Kreuzberg und den Ost-Berliner Bezirk Mitte. Hier standen sich 1961 in einem dramatischen Nervenkrieg amerikanische und sowjetische Panzer direkt gegenüber.
Ein prominenter Schauplatz des Kalten Krieges also, den die „Octopussy“-Macher um Regisseur John Glen nicht etwa im Studio nachbauten, sondern an Ort und Stelle zum Drehort machten. Allerdings nur auf West-Berliner Seite, denn eine Drehgenehmigung jenseits des Eisernen Vorhangs zu bekommen war natürlich illusorisch.
Am 10. August 1982 traf die Crew um 7.30 Uhr morgens am Checkpoint Charlie ein, und was darauf folgte, ist nicht nur aufgrund von Aufzeichnungen und Erinnerungen der Filmemacher detailreich belegt – sondern auch, weil der fiktive westliche Agent James Bond nun in das Visier ganz realer Geheimdienstler des Ostblocks geriet: Die Hauptabteilung (HA) VI des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit überwachte und protokollierte minutengenau alle Auffälligkeiten, die sich am und um die Grenzübergangsstelle abspielten. Den entsprechenden Bericht hat das Bundesarchiv unlängst online gestellt.
So staffierten laut MfS-Protokoll gut zwei Dutzend Filmleute den Drehort mit Requisiten aus, um einen Grenzübertritt nach Ost-Berlin auf West-Berliner Seite zu simulieren; dazu „handelten mehrere Personen mit Sprechfunkgeräten“ (ab 8.25 Uhr), und es wurde unter anderem „ein zweites Sektorenschild auf dem Fußweg in Höhe des Dienstgebäudes des Westzolls ca. 30 m hinter dem Originalschild“ aufgestellt (ab 8.30 Uhr), zeitgleich wurden mehrere Kameras vorbereitet.
Dass es sich bei all dem um „Dreharbeiten zu einem ‚James Bond-Film‘ im westlichen Vorfeld der Grenzübergangsstelle Friedrich-/Zimmerstraße“ handelte, erfuhr die Stasi schließlich um 9.20 Uhr von einer in den Osten einreisenden „in der DDR akkreditierten Diplomatin“. Auch eine zweite Quelle hatten die MfSler bald parat: „Diesen Sachverhalt bestätigte ein italienischer Staatsbürger“.
Akribisch hielt die Stasi fest, was von 9.34 Uhr bis 11.25 Uhr geschah: Es „erfolgten von vier Standorten aus Filmaufnahmen“. Bonds DDR-Einreise in einer schwarzen Limousine wurde mehrfach und aus verschiedenen Blickwinkeln gefilmt. Dabei verschätzten sich die Filmemacher etwas: „Mercedes B-JH 375 verletzt beim Wenden die Staatsgrenze der DDR“.
Viermal sei dies geschehen, jeweils „um ca. 4 bis 5 Meter“, notierten die MfSler, ließen den Fauxpas aber auf sich beruhen und schritten nicht ein. Nach einigen weiteren Filmaufnahmen endeten die Arbeiten schließlich um 13.33 Uhr, und die Stasi befand abschließend: „Es ergaben sich keine Auswirkungen auf den grenzüberschreitenden Reiseverkehr.“
Die 007-Crew drehte noch drei weitere Tage in West-Berlin, unter anderem Bonds Fahrt über den Kurfürstendamm sowie einige Actionszenen an der Avus. Letztere Sequenzen spielten im Film aber gar nicht in West-Berlin, sondern nahe der westdeutschen US-Basis, wo Bond schließlich die Atombombe entschärft, was wiederum in den Pinewood Studios nahe London nachgestellt wurde. Eine halsbrecherische Zugfahrt, die im Film in der DDR nahe Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) spielt, entstand ebenfalls in England, auf Gleisen in Camebridgeshire.
Es sollte anderthalb Jahrzehnte und bis zur Brosnan-Ära dauern, bis wieder Bond-Dreharbeiten in Deutschland stattfanden, diesmal in Hamburg. Doch das ist eine andere Geschichte, demnächst auf WELTGeschichte.
Martin Klemrath blickt bei WELTGeschichte neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter auch George Lazenbys einmaliger Auftritt als James Bond.
Source: welt.de