Verhaltensauffällige Chefs: „Narzissten denken grundlegend unähnlich wie Sie“


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Sie machen jeden Job zur Hölle: narzisstische Chefs. Hier erzählt ein Narzisst selbst, welche Mitarbeiter in sein Fadenkreuz geraten und wie man seiner Wut wieder entkommt.

Woran haben Sie erkannt, dass Sie ein Narzisst sind, Herr Stief?
Die Diagnose kam tatsächlich von meinem Therapeuten. Das erste Mal habe ich mir vielleicht 2008 therapeutische Hilfe gesucht – ohne aber zu vermuten, dass ich Narzisst bin.

© Tobias Fuhrmann

Zur Person

Michael Stief ist Berater für positive Kommunikation und Gründer des Beratungsnetzwerkes „Positive HR . Management“. Dort unterstützt er Organisationen und Einzelpersonen dabei, Arbeitswelt und Privatleben menschengerecht und positiv zu gestalten.

Warum gingen Sie damals zur Therapie?
Ich geriet dann selbst an einen mächtigeren Narzissten. Ich hatte ein problematisches Verhältnis mit einem Vorgesetzten. Auf das, was mir da begegnet ist, konnte ich in keiner guten Art und Weise reagieren. Wenn ich von der Arbeit kam, war ich von den immer wieder eskalierenden Situationen mit meinem Chef oft massiv aufgewühlt.

Wie versuchten Sie das zu bewältigen?
Um damit umgehen zu können, habe ich irgendwann auch zu Alkohol gegriffen, bis es mir bedrohlich erschien. Deswegen habe ich mir Hilfe beim Hausarzt gesucht und recht schnell einen Therapieplatz bekommen. Da haben wir über meine Themen gesprochen – und irgendwann stand dann die Narzissmusdiagnose im Raum.

Erstaunlich, dass Sie an diesen Punkt gekommen sind.
Naja. Hätte ich ein anderes Regulativ gefunden, wäre ich vielleicht nie beim Therapeuten gelandet.

Ihre „Rettung“ war also, selbst an einen Narzissten zu geraten?
Das könnte man vielleicht so sehen. Das hat mich so belastet, dass ich mich selbst hinterfragen musste. Der externe Leidensdruck bewirkte die Veränderung, weniger die Selbsterkenntnis.

Wie haben Sie sich bis zu diesem Wendepunkt grundsätzlich gefühlt und verhalten?
Mein Fühlen und Handeln war oft bestimmt durch Kränkung und Neid. Das war für mich auch schon länger spürbar. Als ich mein Abitur gemacht habe, hätte ich mit meiner eigenen Leistung eigentlich sehr zufrieden sein können. Trotzdem gab es eine Mitschülerin, die im Fach Deutsch ein besseres Ergebnis hatte als ich. Sie durfte deshalb sogar auf der Bühne etwas vortragen.

Wie reagierten Sie damals emotional?
Ich war neidisch. Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass ich zwar sehr gut war, sie aber in diesem einen Fach besser. Eigentlich hätte ich sagen können: „Super, ich freue mich für sie.“ Zumal ihr Auftritt wirklich gut war. Aber stattdessen war da vor allem dieses Gefühl von Neid, das ich nicht abschütteln konnte.

Was sagt Ihr Therapeut dazu?
Dass es eben nicht den „Narzissten“ oder den „Narzissmus“ gibt, sondern ein Spektrum von narzisstischen Verhaltensweisen oder „narzisstischen Stilen“, die in unterschiedlichen Formen daherkommen. Das hat die Frage aufgemacht, ob ich tatsächlich ein maligner – also bösartiger – oder eher ein vulnerabler – also verletzlicher – Narzisst bin. Ich selbst würde mir eher die vulnerable Form zuschreiben. Was ich auf jeden Fall kenne, sind Situationen, in denen selbst gute Leistungen für mich nie ausreichend waren. Dieses Gefühl von „gut genug“ hat mir oft gefehlt.

Wie setzte sich das im Berufsleben fort?
Ich habe mal ein Schulungszentrum geleitet und dort auch selbst unterrichtet. Da war ich auch wieder sehr sensibel für die Stärken anderer. Ich habe dabei einen Kollegen vor Augen, der die Menschen, die wir da trainiert haben, sehr schnell sehr gut erreicht hat. Wäre ich damals anders gewesen, hätte ich wahrscheinlich gesagt: „Hey, das ist richtig gut, was du da machst. Können wir das standardisieren und für alle nutzbar machen?“ Stattdessen hatte ich oft Konkurrenzgefühle.

Wie hat sich das ausgedrückt?
In meinem Fall hat sich vieles im Kopf abgespielt – entweder in mir selbst oder in der Dynamik zwischen uns beiden. Es gab zwar punktuell Reibungen, aber der größere Teil lief innerlich ab. Ich habe mich von seiner Kompetenz bedroht gefühlt. Oft war ich damit beschäftigt, mich zu verteidigen – als würde er an meinem Stuhl sägen, sobald sein Vorschlag besser war als meiner. Das hat die Zusammenarbeit über lange Zeit sehr schwierig und unangenehm gemacht. Wahrscheinlich hat sich mein Kollege dadurch auch übergangen gefühlt. Ich habe wohl aus meinem Narzissmus heraus sein Vorankommen, seine Karriere behindert.

Ich habe mich sehr von einem Kollegen ‚bedroht‘ gefühlt

War ein solches Verhalten musterhaft?
Wahrscheinlich. In einer Position, die ich bekommen habe, habe ich mich sehr von einem Kollegen „bedroht“ gefühlt. Immer wieder dachte ich, dass er eigentlich besser geeignet wäre als ich. Trotzdem ist es mir nicht gelungen, ihn wirklich einzubinden oder von seinen Stärken zu profitieren.

Wie würden Sie heute damit umgehen?
Ich würde mir wünschen, mein Gefühl erst einmal wahrzunehmen und mich zu fragen: Was ist hier eigentlich los? Wie gehe ich damit um? Statt mich verunsichern zu lassen, hätte ich anerkennen können: Ich habe diese Position aus guten Gründen bekommen und bringe eigene Stärken mit. Gleichzeitig kann der andere in bestimmten Bereichen besser sein. Die naheliegende Frage wäre dann gewesen: Wie nutzen wir unsere jeweiligen Stärken sinnvoll zusammen?

Hatte auch Ihre Berufswahl mit Ihrem Narzissmus zu tun?
Viele meiner Tätigkeiten lagen im Trainingsbereich. Heute sehe ich, was mich dabei angetrieben hat: Mir war wichtig, als Trainer gut anzukommen – bewundert zu werden, positives Feedback zu bekommen, als „gut“ wahrgenommen zu werden. Habt mich lieb! Findet mich toll! Sagt mir, wie fantastisch ich bin! Kritik von Teilnehmenden hat mich da eher gekränkt und verunsichert. Dabei hätte der eigentliche Maßstab sein sollen, ob die Teilnehmer sagen: „Wir haben es verstanden“ oder „Das hilft uns wirklich weiter.“

Gab es auch Situationen, in denen Sie schädlich waren?
So etwas ist mir immer mal wieder passiert. Einmal bin ich in einem Workshop mit Leuten aus der Unternehmensgruppe ziemlich eskaliert. Das waren alles erfahrene Fachleute, die sowohl das Thema als auch die Technik gut beherrschten. Meine Meinung war dort nur eine unter vielen – und ich hatte das Gefühl, mit meinen Argumenten überhaupt nicht durchzudringen. Irgendwann ist das dann gekippt: Mich hat die „narzisstische Wut“ gepackt und ich bin eskaliert. Um mich wieder zu beruhigen, bin ich erst einmal rausgegangen und um den Block gelaufen. Im Nachhinein war mir das unglaublich peinlich.

Ich habe mich innerlich so in die Enge getrieben

Was ging da in Ihnen vor?
Für mich hat sich das wie eine Zwangssituation angefühlt, in der es kaum noch Handlungsspielraum gab. Ich habe mich innerlich so in die Enge getrieben, dass mir am Ende nur noch Aggression übrig blieb. Was mir damals gefehlt hat, war die Fähigkeit, die Situation zu analysieren: „Was genau ist da eigentlich passiert? Was haben die anderen konkret gemacht? Warum hat mich das so getriggert? Und wie hätte ich anders reagieren können?“

Wie schafft man es, dem Narzissten nicht auf die Füße zu treten?
Letztlich gibt es kein Patentrezept. Was helfen kann: Wo der Narzisst hungrig ist, da will er auch gefüttert werden. Das heißt: Danke sagen, Wertschätzung zeigen, schmeicheln.

Kann man Pluspunkte bei einem narzisstischen Chef sammeln?
So etwas gibt es im Kopf eines Narzissten nicht. Nach jeder Kränkung steht das Beziehungskonto sofort wieder auf Null. Narzissten denken grundlegend anders als Sie. Fühlen sie sich gekränkt, gibt es keinen gesunden Selbstwert, der die wahrgenommene Kränkung irgendwie abfedern könnte. Sie fühlen sich im Mark beleidigt – und reagieren entsprechend.

Welchen Rat können Sie Menschen geben, die ahnen, narzisstisch zu sein, darunter leiden und sich bessern wollen?
Diese Selbsterkenntnis ist unwahrscheinlich und kommt eher durch äußere Umstände ans Licht. Menschen mit „narzisstischem Stil“ müssen sich trauen, das auszuhalten, was der mythologische Narziss nicht konnte: das eigene Spiegelbild anschauen und aushalten. Bei Narzissten ist es ein Zerrbild eines idealisierten Selbstbildes. Doch dieses Zerrbild ist real, man muss akzeptieren, was die Umwelt einem zurückspiegelt.

Wie haben Sie das erlebt?
Es war ein Schock. „So wirke ich auf meine Mitmenschen? So ein Arsch bin ich? Das halte ich kaum aus.“ Das muss man aber an sich ranzulassen. Am besten in einem sichereren Raum, wie in einer Therapie. Damit setzt man den Anfang für etwas, das man vielleicht Heilung nennen kann.

Source: stern.de