Bernhard Störkmann und Till Völger, die Geschäftsführer der Schauspielgewerkschaft BFFS, sind beleidigt. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass der Verband Deutscher Sprecher (VDS) den Vertrag, den sie im Sommer des vergangenen Jahres mit dem Streamer Netflix ausgehandelt haben, so vehement kritisiert. Dass der VDS auch noch eine Kanzlei einschaltet, die das Gutachten als rechtswidrig einordnet, geht den beiden zu weit.
Gestritten wird über Vertragsklauseln, die es Netflix erlauben, die Stimmen von Synchronsprechern für das Training einer Künstlichen Intelligenz zu verwenden und damit womöglich synthetische Stimmen zu erstellen. Viele Synchronsprecher sehen dadurch ihre berufliche Existenz gefährdet, nicht aber der BFFS: Die ausgehandelte Vergütungsregelung sei eine Errungenschaft für alle Synchronsprecher, basta. „Unser Rat an die Leute: geht arbeiten“, sagt Vögler. Wer nicht unterschreibe, verliere den Job und die Erfolgsvergütung.
Kein Konsens zwischen den Verbänden
Zu hören war das am Dienstagabend bei einer Online-Konferenz, zu der rund 200 Sprecher zugeschaltet waren. Da zeigte sich, wie verhärtet die Front zwischen BFFS und VDS ist. Mehr als zwei Stunden lang stritten sich die Geschäftsführer des BFFS mit den Anwälten der Kanzlei Legal Spirit, die ein Gutachten zu dem Netflix-Deal erstellt hat. Das Gutachten sei tendenziös, bewusst zugespitzt und reine Stimmungsmache, sagt Störkmann vom BFFS.
Dass der Schauspielverband die VDS-Kollegen nicht mit ins Boot holte, war Absicht, erfahren wir. Warum einen weiteren Partner an den Tisch holen, der die Verhandlung erschwert und eine gegensätzliche Meinung hat? Der VDS, meint Stöckmann, sei seiner Pflicht nicht nachgekommen, sich um die Rechte der Sprecher zu kümmern.
Die Kanzlei Legal Spirit zweifelt an Netflix‘ Zugeständnissen
So scheint das Tischtuch zerschnitten, obwohl beide Verbände dasselbe Ziel haben: Sie wollen nicht, dass synthetische Stimmen menschliche Stimmen ersetzen. Das sieht auch David Wagner von der Kanzlei Legal Spirit so. Das „Hauptproblem“, sagt er, sei Netflix. Warum sollte der Konzern einen Vertrag unterschreiben, der ihn zwänge, bei jeder KI-generierten Sprachausgabe die Zustimmung von Sprechern einzuholen? „Für so blöd halte ich Netflix einfach nicht,“ sagt Wagner, „dafür sind deren Anwälte zu teuer.“
Dass der BFFS auf „vertragliche Nebenpflichten“ zur Dokumentation seitens Netflix setzt, hält Wagner für naiv. Ein Zustimmungserfordernis sei sowieso wertlos, wenn man technisch nicht nachweisen könne, welche menschlichen Stimmen in ein KI-Modell eingeflossen sind.
Netflix betitele das Gutachten als „Fake News“
Obwohl die Schauspielgewerkschaft mit ihren mehr als 4000 Mitgliedern der größere Verband ist (der VDS hat 696 Mitglieder), sind nur wenige davon Synchronsprecher. Der VDS hingegen, sagt Anna-Sophia Lumpe vom Vorstand, bündele die bekanntesten Stimmen der deutschen Synchronbranche. Im vergangenen Monat habe man mehr als 100 neue Mitglieder verzeichnet, die beim BFFS ausgetreten seien. Umso unverständlicher sei es, dass dessen Geschäftsführer über die Köpfe ihrer Mitglieder hinweg mit Netflix verhandelten. Der US-Streamer verweigere das Gespräch mit dem VDS und lasse über die Netflix Studios an die Sprecher kommunizieren, bei dem Gutachten handele es sich um „Fake News“.
Die betroffenen Synchronsprecher kamen beim Schaltgespräch nicht zu Wort. Ihre Fragen im Chat blieben unbeantwortet. Stattdessen rief der Vorstand des VDS zum Zusammenhalt auf: Lehnten alle Sprecher den Vertrag ab, behielten sie gemeinsam die Macht über ihre Stimmen. Dafür gab es jede Menge Herz-Emojis.
Source: faz.net