Der amerikanische Präsident Donald Trump denkt nach dem Sturz von Venezuelas Diktator Nicolás Maduro offenbar bereits an den wirtschaftlichen Wiederaufbau Venezuelas – und ans Erdöl. Doch die Ideen von Trump und der bisherigen venezolanischen Opposition im Untergrund liegen weit auseinander.
Nur wenige Stunden nachdem eine Sondereinheit der US-Armee Maduro und dessen Frau Cilia Flores bei einem spektakulären Angriff festgenommen und außer Landes geschafft hatte, sagte Trump am Samstag bei seiner Pressekonferenz in Florida, die USA würden ihre Ölkonzerne ins Land holen, Milliarden von Dollar investieren und die marode Ölinfrastruktur Venezuelas reparieren. „Fangen wir an, Geld für das Land zu verdienen“, sagte Trump. Dafür will Washington die Geschicke Venezuelas gleich selbst in die Hand nehmen und das Land „so lange führen“, bis ein „sicherer, ordnungsgemäßer und vernünftiger Übergang“ vollzogen werden könne, wie Trump sagte.
Wenngleich das Regime in Caracas mit der Festnahme Maduros noch längst nicht gestürzt ist und der ersehnte Übergang weiterhin mehr Wunsch als Plan ist, so hat Trump in einem Punkt seiner Analyse vermutlich recht: Sollte es in Venezuela tatsächlich zu einem Machtwechsel kommen, dann wird der Ölsektor des Landes eine zentrale Rolle beim wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes spielen. Schon nach Maduros Wahlbetrug im Jahr 2018, als Washington und der überwiegende Teil des Westens im Jahr darauf den Vorsitzenden des entmachteten Parlaments, Juan Guaidó, als Übergangspräsidenten anerkannten und Maduro damit zu Fall zu bringen versuchten, hatte die Opposition einen Plan zum Wiederaufbau Venezuelas in der Schublade. Dieser sogenannte „Plan País“ sieht eine Reihe von Maßnahmen vor, um Venezuela nach dem Fall des Regimes zu normalisieren und zu stabilisieren.
Die größten Ölreserven der Welt
Der Plan, der 2024 von der Oppositionsführerin und heutigen Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado sowie dem von ihr unterstützten Präsidentschaftskandidaten Edmundo González übernommen wurde, setzt auf eine Rückkehr Venezuelas auf die internationalen Finanzmärkte und die Restrukturierung von rund 160 Milliarden Dollar Schulden. Ein Kernelement ist der Wiederaufbau des Erdölsektors: Erdöl wird ausdrücklich als wichtigste Quelle für Devisen und staatliche Einnahmen beschrieben, auf der der finanzielle Spielraum für den Wiederaufbau aufbauen soll.
Vorgesehen sind die Revitalisierung der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA , ihre institutionelle Neuausrichtung, die Rückkehr erfahrenen Fachpersonals sowie eine Öffnung für ausländische Investitionen unter stabilen Rechts- und Vertragsbedingungen. Als mittelfristiges Ziel nennt der Plan eine Steigerung der Ölproduktion auf rund 2,2 Millionen Fass pro Tag (1 Barrel = 159 Liter) sowie die Sicherung des Inlandsbedarfs an Treibstoff. Nicht im Plan vorgesehen ist eine „Entschädigung“ der Vereinigten Staaten und ihrer in der Vergangenheit enteigneten Ölkonzerne, für die Trump einen Teil der mit venezolanischem Öl erzielten Erlöse einsetzen will, wie er am Samstag sagte.
Die Gründe für die auf Erdöl ausgerichtete Strategie sind offensichtlich: Venezuela verfügt über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Über 300 Milliarden Fass oder rund 17 Prozent der weltweiten Reserven schlummern unter der venezolanischen Erde. Die Ölförderung, die ihren Höhepunkt vor rund 50 Jahren mit einer Produktion von 3,5 Millionen Fass pro Tag hatte und bei Maduros Amtsantritt im Jahr 2013 noch über 2,7 Millionen Fass pro Tag lag, ist in den vergangenen zehn Jahren jedoch dramatisch eingebrochen. Missmanagement, Korruption, mangelnde Investitionen und schließlich die US-Sanktionen gegen die Industrie und den staatlichen venezolanischen Erdölkonzern PDVSA führten zu einem Rückgang auf zwischenzeitlich unter 600.000 Fass pro Tag. Heute wird die Produktion mit rund 1,1 Millionen Fass pro Tag beziffert.
Förderung ist teuer, aber nicht anspruchsvoll
Die Kapazitäten sind trotz dieses Einbruchs weiterhin zu einem großen Teil vorhanden, wodurch es nach Einschätzung von Spezialisten relativ einfach wäre, den Sektor in absehbarer Zeit wieder in Gang zu bringen. Beim überwiegenden Teil der venezolanischen Reserven handelt es sich um sehr schweres Rohöl aus dem Orinoco-Gürtel in Zentralvenezuela. Die Förderung dieses Erdöls ist nach Angaben des US-Energieministeriums teuer, aber technisch nicht besonders anspruchsvoll. Aus amerikanischer Sicht wäre eine Wiederbelebung und Öffnung des venezolanischen Erdölsektors besonders attraktiv, nicht nur der geografischen Nähe wegen: Die USA waren lange Zeit – selbst noch unter Chávez – Hauptabnehmer für venezolanisches Öl. Ein Teil der Raffinerien in Texas hat sich in dieser Zeit auf das venezolanische Schweröl spezialisiert. Zu ihnen zählt auch die in den USA ansässige PDVSA-Tochter Citgo, auf die Gläubiger in einem langwierigen Gerichtsverfahren Besitzanspruch erhoben haben.
Praktisch alle großen Energiekonzerne waren einst in Venezuela tätig. Doch zwei Wellen der Verstaatlichungen haben viele Konzerne vertrieben. Die erste erfolgte in den Siebzigerjahren unter Präsident Carlos Andrés Pérez mit der vollständigen Nationalisierung der Ölindustrie und der Gründung von PDVSA, die zweite unter Chávez, der staatliche Mehrheitsbeteiligungen vorschrieb und internationale Konzerne teilweise enteignen ließ. Trotz aller Widrigkeiten sind weiterhin ausländische Unternehmen in Venezuela tätig, die nicht aus China oder Russland stammen. Allen voran der US-Ölproduzent Chevron , der an Joint Ventures mit PDVSA beteiligt ist und von einem Sanktionsverzicht der Trump-Regierung profitiert. Neben Chevron sind auch die spanische Repsol , die italienische Eni sowie das französische Energieunternehmen Maurel et Prom weiterhin in Venezuela präsent.
Wie kostbar der venezolanische Erdölsektor ist, zeigt sich auch daran, dass die Ölinfrastruktur in Venezuela offenbar nicht von den in der Nacht auf Samstag durchgeführten US-Angriffen beeinträchtigt wurde, wie Bloomberg am Samstag unter Berufung auf informierte Quellen berichtete. Wichtige Einrichtungen wie der Ölhafen Puerto José, der Raffinerie-Komplex Amuay oder die Förderanlagen im Orinoco-Gürtel sind weiterhin in Betrieb. Bis diese die von Trump versprochenen Milliardeninvestitionen von US-Unternehmen – wenn überhaupt – erhalten werden, wird es noch dauern.
Weder die Ausschaltung Maduros noch ausgefeilte Wiederaufbaupläne garantieren einen schnellen Neuanfang. Der Erfolg eines wirtschaftlichen Neustarts – und die Zukunft des venezolanischen Erdölsektors – hängen davon ab, ob es einer neuen Führung gelingt, politische Kontrolle zu sichern, internationale Anerkennung zu erlangen und einen weiteren Zerfall staatlicher Strukturen zu verhindern. Noch ist Venezuela jedoch nicht aus dem Klammergriff der Diktatur befreit. Einige der verbliebenen Figuren des Maduro-Regimes drohen gar damit, das Land ins Chaos zu stürzen, sollte eine ausländische Macht versuchen, Venezuela unter seine Kontrolle zu bringen.