Wie kurzsichtig und kleinmütig muss man sein, um derartige Erklärungen zu verbreiten, wie das Kanzler Friedrich Merz zum Angriff der USA auf Venezuela getan hat? Die gern beschworene Autonomie gegenüber Donald Trump bleibt auf der Strecke
„Die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes ist komplex. Dazu nehmen wir uns Zeit“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
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Nicolás Maduro habe Venezuela „ins Verderben geführt“, das lässt Kanzler Friedrich Merz allen Ernstes erklären. Als sei dieses Land nicht dem Verderben ausgesetzt, wenn es durch die US-Armee überfallen wird und einem Schlag ausgesetzt ist, bei dem militärische Übermacht gnadenlos ausgespielt wird.
War die venezolanische Armee im Begriff, die USA anzugreifen?
Wenn dem Kanzleramt dazu nicht mehr einfällt, als die Floskel, „die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes“ sei komplex, „dazu nehmen wir uns Zeit“, dann steht das im Geruch, eine Aggression zu rechtfertigen und sich in Komplizenschaft beim Bruch von Völkerrecht zu üben.
Sieht sie so aus – die zuletzt immer wieder beschworene Autonomie Europas gegenüber den USA? Was ist sie wert, wenn in einem solchen Augenblick davon so gut wie nichts zu bemerken ist? Die Umstände, aus der Deckung zu kommen und Farbe zu bekennen, könnten günstiger, aber auch zwingender nicht sein. Wozu sich „Zeit nehmen“? Weshalb darauf verzichten, einen Gewaltakt klar als solchen zu benennen? Und vielleicht sogar zu verurteilen. War die venezolanische Armee im Begriff, die USA anzugreifen, die sich in präventiver Selbstverteidigung zur Wehr setzen mussten? Nichts dergleichen war der Fall.
Das ist die Vollstreckung der neuen Sicherheitsstrategie der USA
Wie kurzsichtig und kleinmütig muss man sein, derartige Erklärungen zu verbreiten, wie Merz das getan hat? Keine vier Wochen sind vergangen, seit die Trump-Administration ihre neue Nationale Sicherheitsstrategie verkündete. Und schon wird sie gegen Venezuela vollstreckt. Ohne Risiko und ohne Skrupel wird zu einer Machtdemonstration ausgeholt, die ganz Lateinamerika meint und vor die Alternative stellt, sich in willfähriger Ergebenheit zu üben wie Argentiniens Präsident Javier Milei oder in Handschellen gelegt zu werden wie Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro. Das ist nicht sonderlich weit entfernt von der Maxime: Friss oder stirb.
Eine auf halbwegs verbindlichen Regeln basierende internationale Ordnung hat schon länger ausgesorgt, nun wird sie auch noch verhöhnt. Donald Trump hat auf seiner Pressekonferenz nach dem Angriff auf Venezuela fast wörtlich erklärt, die stärkste Nation – und das sind die USA – hat das Recht, diese Stärke so auszuspielen, wie das ihren Interessen zugutekommt. Die internationalen Beziehungen eines solchen Staates haben seiner ökonomischen Prosperität zu genügen, alles andere zählt wenig oder nichts. Dass venezolanisches Öl wieder die Gewinnbilanzen von US-Konzernen belebt, ist Ausdruck dieser Anmaßung.
Venezuela: Was Merz mit seinem Trump-freudlichen Opportunismus übersieht
Dies gilt umso mehr, je stärker Länder von den USA ökonomisch abhängig sind. Venezuela ist genau das zugedacht, wenn es von den USA nicht nur angegriffen, sondern auch regiert werden soll. Der Rückgriff auf koloniales Gebaren wird nicht einmal kaschiert, sondern unverblümt artikuliert und praktiziert.
Was Friedrich Merz mit seinem Trump-freudlichen Opportunismus übersieht oder aber bereits verinnerlicht hat, dies ist die Tatsache, dass die USA von ihren bisherigen Alliierten in Europa erwarten, dass sie ihnen nicht in den Arm fallen oder widersprechen, sondern ihren Beitrag leisten, wenn globale Exklusivität zur Raison d’Être wird. Man darf gespannt sein, was das beispielsweise für die Ukraine bedeuten kann.
Dieser Text ist zuerst erschienen am 04. Januar 2026