Venezuelas Regime lebt auch nach der Gefangennahme Nicolás Maduros weiter – und mit ihm ein Netzwerk aus Spitzeln. Sie lauschen an Straßenecken, sitzen in Bars oder hören bei ihren Nachbarn mit, ob jemand zu vehement die Machthaber kritisiert. Wer offen sprechen will, zieht sich meist mit Freunden in seine Wohnung zurück oder schreibt unter falschem Namen im Internet.
Wenn Venezolaner heute einander erzählen, wie sie den 3. Januar erlebt haben, müssen sie also noch immer vorsichtig sein. Fragt man nach, wissen viele noch genau, wo sie an dem Tag waren: wie Explosionen sie weckten, wie Hubschrauber über die Hauptstadt dröhnten, wie Maschinengewehre ratterten. Wie der erste Schock einer triumphierenden Fassungslosigkeit wich, als sie erfuhren: Die USA hatten in einer Militäroperation Venezuelas Präsidenten entführt, Nicolás Maduro.
Fast zwei Monate sind seit dem US-Einsatz vergangen. Das Regime hat zwar mit Maduro seinen Kopf verloren. Doch der Machtapparat aus Eliten, Militär und Geheimdiensten bleibt weitgehend intakt. An Maduros Stelle ist seine Stellvertreterin Delcy Rodríguez getreten. Ausgerechnet sie, die Donald Trump einst einen „wahnsinnigen imperialistischen Gangster“ nannte, sagt heute, die Kontakte zur Trump-Regierung seien „respektvoll und höflich“. Rodríguez hat keine andere Wahl. Die US-Regierung hält ihr die Pistole an den Kopf: Trump drohte ihr mit einem „schlimmeren Schicksal als Maduro“, sollte sie sich seinem Willen verweigern. Vergangenen Freitag kündigte er an, Venezuela bald zu besuchen.
Insgeheim spotten viele Venezolaner darüber, wie unterwürfig Rodríguez sich gegenüber Trump zeigt. Sie schicken einander Memes, Bildchen aus dem Internet: Rodríguez als Dienstmädchen, wie sie Trump ein Bier serviert; wie Rodríguez vor Trump kniet und ihm die Hand küsst; Montagen einer glänzenden Trump-Statue mitten in Caracas. Dass Menschen einander die Bilder heimlich weiterreichen, ist mehr als Hohn: Es ist die Hoffnung, dass der neue US-Einfluss das repressive Regime eines Tages endgültig begräbt.
Über Messenger hat die ZEIT mit einigen Bewohnern Venezuelas telefoniert, mit anderen geschrieben. Wer ihnen zuhört, merkt: Nach Jahren der Stagnation, Misswirtschaft und Unterdrückung sehnen sie sich nach demokratischen Veränderungen.
Solche Szenen des Widerstands wären früher kaum denkbar gewesen
Vor den grauen Mauern des berüchtigten Foltergefängnisses El Helicoide in Caracas flackern nachts regelmäßig Hunderte Kerzen. Der spiralförmige Betonbau war einst als modernes Einkaufszentrum geplant. Unter der zunehmend autoritären Regierung Venezuelas wurde es zu einer Geheimdienstzentrale. Seit dem 8. Januar stehen Angehörige dort fast jeden Abend Wache, wie internationale Medien berichten. Meist stehen dort Frauen. Sie halten Fotos ihrer inhaftierten Söhne oder Ehemänner hoch und tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Freiheit für alle politischen Gefangenen“.
Solche Szenen des Widerstands wären vor Maduros Gefangennahme kaum denkbar gewesen. Lange beherrschte Angst die Öffentlichkeit: Geheimdienstbeamte drangen in Wohnungen ein und nahmen Oppositionelle fest. Manche Razzien ließ der Staat als Warnung im Fernsehen übertragen. UN und Menschenrechtsorganisationen dokumentierten Folter und Hinrichtungen: Elektroschocks, schwere Schläge, Erstickung. Auch heute bleibt das Zentrum von Caracas unter strenger Bewachung. Proteste sollen dem Regime nicht gefährlich werden. Vielerorts stehen Schwerbewaffnete an Kontrollposten, kontrollieren Handys auf verdächtige Inhalte.
Trotzdem verschiebt sich nach Jahren der Unterdrückung etwas. Bürgerinnen und Bürger, Studierende und Oppositionelle testen die Grenzen dessen, was sie öffentlich sagen können. An einer Universität in Caracas forderten Studierende die Interimspräsidentin Rodríguez etwa dazu auf, politische Gefangene freizulassen. Hunderte marschierten am „Tag der Jugend“ unbehelligt durch Caracas und riefen: „Wir haben keine Angst.“ Führende Oppositionelle treten aus dem Untergrund hervor und geben Interviews.
Auch das Regime signalisiert Entspannung: Mitte Februar verabschiedete es unter Druck der US-Regierung ein Amnestiegesetz, um inhaftierte Oppositionelle freizulassen. Schon zuvor hatten die Machthaber mehr als 540 Menschen aus den Gefängnissen entlassen, doch Hunderte politisch Inhaftierte sitzen weiter in Haft. Übergangspräsidentin Rodríguez präsentiert das Gesetz als Geste zur nationalen Versöhnung. Es soll die internationale Isolation des Landes beenden. Spanien verweist bereits auf das Gesetz und fordert, die EU solle die Sanktionen gegen Venezuela aufheben. Kritiker halten die Freilassungen dagegen für ein Ablenkungsmanöver: Sie sollen einen demokratischen Übergang vortäuschen, in Wirklichkeit aber dem Regime Zeit verschaffen, seine Macht zu festigen.
Die Skepsis ist nicht unbegründet. Als der Privatsender Venevisión Ende Januar ein Statement der Regimegegnerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado sendete, reagierten die Machthaber sofort: Innenminister Diosdado Cabello drohte dem Kanal. Kurz darauf verschwand Venevisión in weiten Teilen des Landes zeitweise von den Sendeplattformen.