China hat viel in seine Beziehungen mit Venezuela investiert. Dennoch wird die amerikanische Militäraktion wenig an Pekings Außenpolitik ändern. Das Land ist eine dominierende globale Handelsmacht – aber kein Weltpolizist
Xi Jinping empfängt Nicolás Maduro in Peking (Archivbild)
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Nachdem die USA den venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro in einer Militäraktion gefasst hatten, tweetete Bundeskanzler Friedrich Merz, dass die „rechtliche Einordnung des US-Einsatzes“ komplex sei. Man würde sich dafür Zeit nehmen. Von derlei Bedenken ist in Peking wenig zu spüren. Dort drückte der Sprecher des Außenministeriums „tiefen Schock“ über die Entführung Maduros aus. Diese sei „eine ernsthafte Verletzung des Völkerrechts“. Die USA sollten „den Zielen und Prinzipien der UN-Charta“ folgen.
Ähnlich hatte sich Peking im Juni letzten Jahres geäußert, als Israel mit U.S.-amerikanischer Unterstützung Iran bombardiert hatte. Auch Teheran gilt als wichtiger Partner Pekings. Damals hatten einige westliche Beobachter angenommen, dass den Worten auch Taten folgen würden. Diese allerdings blieben aus. China sah keinen Grund, seine Beziehungen zum arabischen Golf oder dem Rest der Welt für die ideologischen Abenteuer des unpopulären Regimes in Teheran zu riskieren. So stand Iran der israelisch-amerikanischen Militärmacht allein gegenüber.
Das wird in Venezuela nicht anders sein. Der Grund ist einfach: die militärische Dominanz der USA. China hätte alles zu verlieren und wenig zu gewinnen, würde es von seinem Kurs militärischer Zurückhaltung außerhalb der eigenen Nachbarschaft abkommen. China ist die dominierende globale Handelsmacht – aber kein Weltpolizist. Ebenso wenig wird China seine jahrzehntealte Taiwanpolitik von einem amerikanischen Militärmanöver in Lateinamerika abhängig machen.
Diplomatische „Allwetterpartnerschaft“
Dennoch steht außer Frage, dass die Extraktion Maduros und die damit verbundene amerikanische Machtdemonstration für China ein politischer Schlag sind. Hinzu kommt die Schmach, dass eine Delegation des chinesischen Außenministeriums kurz vor der amerikanischen Aktion Nicolás Maduro einen Besuch abgestattet hatte, bei dem die Partnerschaft noch einmal mit starken Worten beschworen wurde.
Auf der diplomatischen Ebene ist das bilaterale Verhältnis nämlich eng. Vor zwei Jahren hob China die Beziehungen mit Venezuela auf das Level einer „Allwetterpartnerschaft“. Mit ähnlich warmen Worten beschreibt Peking auch das Verhältnis zu den Ländern der Afrikanischen Union oder dem strategisch wichtigen Pakistan. Nun stellt sich heraus, was man auch vorher wusste, nämlich dass die Partnerschaft nicht gegen jedes Wetter gewappnet ist.
Chinesische Firmen und die Regierung haben viel finanzielles und politisches Kapital in Venezuela investiert – vor allem zu Zeiten von Maduros Amtsvorgänger, Hugo Chávez. Die wirtschaftliche Wette auf den Chavismus aber ist gescheitert. Ideologische Überschneidungen schaffen noch kein gutes Investitionsklima. Heute steht Venezuela bei China hoch im Kredit.
Die Öllieferungen von Venezuela nach China, die lediglich um die vier Prozent der chinesischen Ölimporte ausmachen, dienen vor allem der Abtragung des Schuldenbergs. Für das isolierte und sanktionierte Maduro-Regime, welches das ölreiche Venezuela in einen gescheiterten Staat verwandelt hatte, war die ökonomische Verbindung nach China eine Lebensader. Nach der Absetzung Maduros fürchtet China nun vor allem, auf seinen Krediten sitzenzubleiben.
Chinas Handelsdominanz ist ungebrochen
Dass China wirtschaftlich nicht auf Venezuela angewiesen ist, zeigt auch ein Blick auf die Zahlen. Laut dem australischen Lowy-Institut ist China der wichtigste Handelspartner von 145 aus 205 gemessenen Ländern. In Lateinamerika ist China der zweitgrößte Handelspartner nach den USA. Wenn man allerdings das mit den USA wirtschaftlich eng verzahnte Mexiko aus der Gleichung herausnimmt, ist China der wichtigste Handelspartner der Region. Das bedeutet: Auch ein völliger „Verlust“ Venezuelas wäre zu verkraften.
Ein erklärtes Ziel der U.S.-Regierung beim Sturz Maduros ist es, die westliche Hemisphäre unter vollständige amerikanische Kontrolle zu bekommen. Zwar sollte man bei Donald Trump nichts für unmöglich halten, doch die USA können kaum in jedes Land intervenieren, mit dem China gute wirtschaftliche Verbindungen unterhält. Oder wird Brasiliens Präsident Lula da Silva bald extrahiert und vor ein amerikanisches Gericht gestellt werden, weil sein Land Sojabohnen nach China verkauft?
Zweifelhafte Bedeutung für Taiwan
Bereits im Kontext der Ukraineinvasion konnte man in westlichen Hauptstädten den Gedanken hören: Wenn wir die Ukraine nicht gegen Russland unterstützen, so wird sich China ermutigt fühlen, Taiwan anzugreifen. Jetzt spekulieren manche Beobachter, dass die amerikanische Militäraktion in Caracas China einen Vorwand für ein vergleichbares Vorgehen in Taipeh liefern könnte. Tatsächlich war auf den sozialen Medien Chinas nicht nur Verurteilung, sondern auch Bewunderung für das militärisch kompetente amerikanische Vorgehen zu spüren. Eine Blaupause für Taiwan?
Solche gedanklichen Verbindungen sind zwar verständlich, bleiben aber fragwürdig, wie der am renommierten Brookings Institut arbeitende Sinologe Ryan Hass ausführt. Chinas Taiwanpolitik ist älter als die Ukraineinvasion und älter auch als die Amtszeiten von Donald Trump. Das offizielle Ziel lautet friedliche Wiedervereinigung. Gerade unter der Amtszeit von Xi Jinping aber wurde der Druck auf Taiwan erhöht und eine militärische Lösung wiederholt nicht ausgeschlossen.
Caracas zeigt: Das Völkerrecht gilt für mächtige Staaten nicht
Der jüngste amerikanische Bruch des Souveränitätsprinzips – dem Fundament des Völkerrechts – wird auf Chinas Taiwanpläne dabei wenig Einfluss haben. Denn erstens betrachtet China die Taiwanfrage ohnehin als innenpolitische Angelegenheit und stellt sie damit außerhalb der völkerrechtlichen Diskussion. Zweitens ist zwar einiges an Donald Trump neuartig – U.S.-amerikanische Interventionen im lateinamerikanischen „Hinterhof“ sind es allerdings nicht. Die Militäraktion in Caracas bestätigt die Sicht, die China und weite Teile des globalen Südens ohnehin von den USA haben: dass das Völkerrecht für die mächtigen Staaten nicht gilt und nur dann angewandt wird, wenn es um den politischen Gegner geht.
Natürlich aber sollte man in Zeiten wie diesen, in denen alles zu zerfließen und sich neuzuordnen scheint, nichts ausschließen. So könnte der zu Jahresanfang 2026 eingeschlagene Weg der „Donroe-Doktrin“ – dem trumpistischen Anspruch auf die westliche Hemisphäre – der Auftakt sein zu einer Weltaufteilung in Einflusssphären. Nach dem Motto: Russland erhält in der Ukraine freie Hand und China die grüne Ampel für eine militärische Übernahme Taiwans. Es ist aber noch nicht ausgemacht, ob im Regionalimperialismus von Donald Trump auch eine Absage an einen globalen militärischen Machtanspruch steckt.
Rückfall ins 19. Jahrhundert?
Womit wir zur letzten Frage kommen: Wie ist die U.S.-amerikanische Außenpolitik unter Donald Trump zu verstehen? Wie ordnet man die Militäraktion in Caracas historisch ein? Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze schreibt an dieser Stelle von „cosplay imperialism“. Sprich, einer Art Kostümimperialismus, der sich imaginär in das 19. Jahrhundert hineinversetzt, es mit seiner Mischung aus Theatralik und Gewalt aber gar nicht so ernst meint – und längerfristige oder strategische Ziele deswegen nicht zu verfolgen imstande ist.
Diese Lesart hat den Vorteil, dass sie das Phänomen Donald Trump nicht überinterpretiert, es an der Oberfläche erfasst, und deswegen vielleicht am ehesten ernst nimmt. Man kann es auch so formulieren: Wenn die wichtigste historische Bewegung des 21. Jahrhunderts der Wiederaufstieg Asiens ist, so ist die trumpistische Antwort darauf ein gespielter Rückfall ins 19. Jahrhundert. Man sollte sich nicht mitreißen lassen.