Herr Zurawski, hohe Energiepreise in Deutschland gefährden unsere Industrie, heißt es überall. Wie kann sie billiger werden?
Wir bauen unser Stromsystem für den Klimaschutz um, und das kostet Geld. In Deutschland wird ein relativ großer Teil dieser Kosten über Steuern, Abgaben, Umlagen und Netzentgelte auf den Strompreis draufgepackt. Andere Länder machen das anders, darüber könnten auch wir nachdenken. Mittel- und langfristig ist in Deutschland durchaus mit sinkenden Strompreisen zu rechnen, weil dann nämlich der Umbau des Energiesystems bewältigt ist und diese Extrakosten wegfallen. Ehrlicherweise muss man allerdings sagen: Bis wir so weit sind, wird es noch einige Zeit dauern.
Was kann die Regierung heute tun?
Es gibt kurzfristige Stellschrauben. So war im Koalitionsvertrag der Bundesregierung zum Beispiel eine Senkung der Stromsteuer vorgesehen, die aber leider nicht für alle gekommen ist. Auf längere Sicht sollten wir auf keinen Fall beim Klimaschutz Tempo rausnehmen. Denn machen wir uns nichts vor: In Europa werden fossile Energien immer teurer sein als in Asien oder Nordamerika. Das war auch früher schon so. Deshalb müssen wir auf erneuerbare Energien, Netzausbau und Speicher setzen, um längerfristig günstigere Energiekosten zu bekommen.
Und in den nächsten Jahren können wir nur mit staatlichen Subventionen die Strompreise runterbekommen?
Ja, das ist zu großen Teilen so. Wobei es auch innovative Möglichkeiten gibt, die effektiv sind und keine Unsummen verschlingen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Sehr große Industriebetriebe schließen heute schon Direktlieferverträge mit uns als Energieversorger ab. Bei Stromkunden etwa aus der Stahl- und Chemieindustrie, aber auch bei Betreibern von Rechenzentren, sind diese sogenannten Power Purchase Agreements, auch als PPA bezeichnet, sehr beliebt.
Das müssen Sie erklären.
Wir bauen zum Beispiel einen Windpark und liefern den dort erzeugten Strom langfristig zu fest vereinbarten Preisen an einen Kunden aus der Industrie. Der bekommt dadurch auf viele Jahre hinaus Planungssicherheit, verbunden mit Grünstromzertifikaten, die bestätigen, dass die bezogenen Strommengen tatsächlich aus neu zugebauten erneuerbaren Quellen stammen. Bisher stehen diese Direktlieferverträge häufig nur sehr großen Stromkunden offen. Wir könnten sie aber für mehr Industrieunternehmen zugänglich machen, wenn der Staat eine Kreditausfallgarantie gewähren würde.
Und warum?
Wir als Stromversorger benötigen eine Absicherung für den Fall, dass der Industriekunde als langfristiger Abnehmer der vereinbarten Strommenge ausfällt. Wenn dieses Risiko über Banken abgesichert wird, ist das im Fall kleinerer Industrieunternehmen oft recht teuer. Deshalb wäre es hilfreich, wenn der Staat als Garantiegeber einsteigt. Damit könnten sehr viel mehr Industrieunternehmen als bisher das PPA-Modell nutzen. Für den Bund wären solche Kreditgarantien zunächst einmal haushaltsneutral, aber für die Industrie wäre das eine echte Hilfe.
Aber warum wird der Strom für ein Industrieunternehmen billiger, wenn es ihn direkt von einem Windpark bezieht, statt ihn am Markt zu kaufen?
Weil dann die teuren Preisspitzen wegfallen. Am Strommarkt gilt wie an anderen Märkten auch das Grenzkostenprinzip. Das bedeutet, für die Höhe des Strompreises ist immer das Kraftwerk mit den jeweils höchsten Erzeugungskosten ausschlaggebend, obwohl zur selben Zeit Wind- und Solarparks viel günstigeren Strom liefern. In der Praxis sind häufig die Gaskraftwerke am teuersten, deren Erzeugungskosten am Gaspreis hängen. Wenn ich dagegen als Industriekunde Strom zum Beispiel direkt von einem Offshore-Windpark beziehe und einen PPA-Abnahmevertrag über zehn oder fünfzehn Jahre abschließe, dann kopple ich mich quasi vom Grenzkostenprinzip des Marktes ab und profitiere von den niedrigeren Erzeugungskosten des Windstroms.
Und woher bekommt der Industriekunde mit einem solchen Direktliefervertrag seinen Strom, wenn der Wind mal nicht weht?
Dafür gibt es ganz unterschiedliche Absicherungsmodelle. Aber das ändert nichts daran, dass Industrieunternehmen den Strom über ein PPA in der Regel unterm Strich günstiger als am Markt beziehen können.
Wie gesagt: Für den Strompreis sind nicht Wind- und Solarparks preissetzend, sondern die Gaskraftwerke. Der Anstieg der Gaspreise war in den vergangenen Jahren der größte Preistreiber am Strommarkt. Das hat nichts mit der Energiewende zu tun.
Aber die Energiewende führt zu höheren Netzentgelten, die ja auch den Strompreis nach oben treiben.
Das stimmt, das Stromnetz muss für die Energiewende ausgebaut werden. Wir müssen über einen Berg an Investitionen rüber. Aber danach wird die Energiewende den Strom günstiger machen, weil wir dann nicht mehr vom Import teurer fossiler Brennstoffe abhängig sein werden.
Nur ist die Frage, ob wir bis dahin überhaupt noch eine Industrie in Deutschland haben oder ob diese in der Zwischenzeit abgewandert ist.
Es greift zu kurz, die Krise der Industrie allein auf die Strompreise zurückzuführen. Da gibt es noch andere gravierende Faktoren. Nehmen Sie nur die Nachfrageverschiebungen in der Autoindustrie und die US-Zölle als Beispiele.
Die Bundesregierung hat einen Neustart der Energiewende angekündigt, um sie kostengünstiger zu machen. Hat sie dafür den richtigen Plan?
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat dazu ja ein Gutachten in Auftrag gegeben und daraus einen Zehn-Punkte-Plan abgeleitet. Da stehen aus meiner Sicht viele richtige Dinge drin, einige wenige Punkte sehe ich allerdings kritisch.
Welche sind das?
Dass wir jetzt Klarheit bei der Kraftwerksstrategie haben, ist gut. Der geplante Kapazitätsmarkt wird aus unserer Sicht aber kurzfristig nicht für niedrigere Strompreise sorgen, im Gegenteil. Die Details sind noch ungeklärt, aber simpel ausgedrückt sollen Unternehmen dafür bezahlt werden, dass sie Kraftwerke bereithalten, die in Phasen mit wenig Wind- und Sonnenstrom vorübergehend einspringen können. Für dieses Bereithalten von Kraftwerkskapazitäten sollen die Betreiber eine Vergütung erhalten, nicht für den tatsächlich erzeugten Strom. Das schafft eine zusätzliche Kostenkomponente.
Was wäre die bessere Lösung?
Wir brauchen eine Flexibilitätsoffensive im Strommarkt, sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Einerseits müssen wir vermehrt Batterien, aber auch Pumpspeicherkraftwerke sinnvoll einsetzen. Andererseits ist auch auf der Nachfrageseite bei den Stromverbrauchern viel mehr Flexibilität möglich. Die skandinavischen Länder machen uns vor, wie das geht. Dort haben schon deutlich mehr Kunden einen digitalen Stromzähler, was eine Grundvoraussetzung für mehr Flexibilität ist. In Skandinavien laden die Menschen dann ihr E-Auto auf, nutzen dann die Wärmepumpe und deren Pufferspeicher, wenn die Strompreise niedrig sind, weil gerade viel Strom im Netz verfügbar ist. Das spart Geld und hilft dem Stromsystem insgesamt.
Größter Stromverbraucher in Deutschland ist die Industrie. Sollen die Fabriken nur noch dann produzieren, wenn der Wind weht?
Man kann auch in der Industrie mit Batteriespeichern einiges erreichen. Große Stahlhersteller gehen das bereits an. Und zumindest teilweise kann auch die Produktion angepasst werden. Wir sehen, dass auch heute schon der Stromverbrauch von einigen Industriebetrieben Schwankungen aufweist. Daran sieht man, dass ein flexibler Verbrauch grundsätzlich möglich ist.
Fürchten Sie, dass die Regierung zu stark kürzt bei der Energiewende?
Wir dürfen die Energiewende nicht ausbremsen, denn dadurch würden die Kosten nicht sinken, sondern steigen. Es gibt kein Zurück in die alte Energiewelt: Wir haben ja bereits ein Stromsystem gebaut, das zu etwa 60 Prozent aus erneuerbarer Stromerzeugung besteht. Jetzt eine Kehrtwende zu machen, würde gewaltige neue Investitionen und Kosten verursachen. Die Bundesregierung will das zum Glück auch nicht, sie hält an den Klimaschutzzielen fest. Andererseits brauchen wir in Deutschland einen klaren Masterplan für die Weiterentwicklung unseres Energiesystems – und der lautet aus unserer Sicht: Vorfahrt für Erneuerbare, Netzausbau und flexible Speicher. Sonst bekommen wir Unsicherheit, und die verhindert dringend benötigte Investitionen.
Ja, wir investieren weiter in Offshore, wenn die Projekte finanziell attraktiv sind. Nordlicht ist für Vattenfall ein attraktives Investment mit kalkulierbarem Risiko. Für Nordlicht bekommen wir keine direkte Förderung und vermarkten den Strom über die bereits erwähnten PPAs sowie direkt am Strommarkt. Langfristig können wir uns auch vorstellen, hier einen Partner an Bord zu nehmen. Bei künftigen Projekten in deutschen Gewässern führen gestiegene Investitionskosten und Verschattungseffekte zu geringerer Wirtschaftlichkeit – zumindest so wie diese Flächen derzeit geplant sind. Und diese geringere Wirtschaftlichkeit passt dann eben nicht zu dem Erlösrisiko, das wir für über 30 Jahre tragen. Und es gibt noch eine sehr viel weitergehende Unwägbarkeit: 2027 läuft das bisherige EEG aus.
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz setzt seit Langem den Rahmen für die Energiewende in Deutschland.
Ja, aber für nächstes Jahr verlangt die Europäische Union eine Neuregelung des EEG, und bislang ist völlig offen, wie diese aussehen soll. Für die Energiebranche, die langfristig investieren und planen muss, ist 2027 quasi schon morgen. Die Bundesregierung muss deshalb schnellstmöglich einen Gesetzesentwurf vorlegen, wie es in einem Jahr weitergehen soll. Das ist wirklich dringend.