„Vanished“ im Ersten: Diese Serie muss die Das Erste verstecken

Gebildet, gut aussehend, und obendrein ein Gutmensch! Verübeln kann man es der Archäologin Alice nicht, dass sie von ihrem Freund Tom komplett hingerissen ist. Die beiden führen eine Fernbeziehung und sehen sich alle paar Monate in den schönsten Städten der Welt. Dass sich unter Toms weißen Hemden peinliche Tattoos (ein Schmetterling, ein Hai und ein Totenkopf mit Herz) verbergen, könnte darauf hindeuten, dass er nicht der ist, für den er sich ausgibt. Bei einer Zugfahrt verschwindet er von einer Sekunde auf die andere spurlos, Alice macht sich auf die Suche.

Womöglich liegt das in diesem Fall aber auch daran, dass sich Alice allzu bereitwillig vom makellosen Äußeren und seinen gefühligen Phrasen („Zeig mir deine Welt“) beeindrucken lässt. Kaley Cuoco spielt die Akademikerin mit einer Naivität, die an ihre Rolle als Penny in „The Big Bang Theory“ erinnert. Sam Claflin spielt den unsympathischen Tom.

Als Detektivin muss Alice noch üben

Für die Suche nach dem Vermissten tut sich Alice mit der Investigativjournalistin Hélène zusammen, die – zumindest, wenn sie nüchtern ist –, den klareren Kopf bewahrt. Es ist ein bisschen niedlich, den beiden Frauen bei ihren Ermittlungen zuzuschauen: die tollpatschige Alice in ihrem Trenchcoat, die aufgeweckte Hélène mit einer riesigen Zange in der Handtasche. Zusammen wollen sie ihre männlichen Gegenspieler austricksen und bedienen sich dafür ganz alter Maschen: neuer Haarschnitt zur Tarnung, Hustenanfälle als Ablenkungsmanöver. Vor allem Alice muss als Detektivin noch üben. Das Blut neben einer Leiche anzufassen ist schon ein Anfängerfehler.

Will man manche Fehltritte noch dem Charme der Figuren zurechnen, sind andere Aktionen derart ungeschickt, dass die Handlung immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert, etwa wenn die zur Fahndung ausgeschriebene Alice unbehelligt durch die Stadt stolpert oder ein Verletzter innerhalb kürzester Zeit wieder auf den Beinen steht. Als Agententhriller kann man die Serie nicht ernstnehmen, weder Drehbuch noch Regie legen es auf Spannung an. Geheimnisse werden zu schnell aufgelöst, Bösewichte zu leicht entlarvt.

Welche Rolle spielt Alex (Matthias Schweighöfer)? gute Frage, nächste Frage.  Bild: ARD/Degeto

Der Kameramann Ed Rutherford hätte wohl lieber einen James-Bond-Film gedreht. Der actionreiche Einstieg lockt uns auf die falsche Fährte, ein wenig Bond-Flair gibt es trotzdem: die Kulisse von Marseille, mittelschnelle Autos, Verfolgungsjagden en masse. Der Regisseur Barnaby Thompson holte sogar einen echten James-Bond-Mitspieler ans Set, nämlich Simon Abkarian, der in „Casino Royale“ mitwirkte und den wahren Konflikt der Serie offenbart: Warum sollte eine Frau mit einer aufstrebenden Karriere ihr Leben für einen Mann aufs Spiel setzen, mit dem sie wohl nur ein paar Sommererinnerungen teilt und der trotz seines Literaturstudiums mit wenig Eloquenz gesegnet ist? Selbst Alice hat darauf keine Antwort. Leider bekommt Abkarian wenig Szenen, Matthias Schweighöfer umso mehr, dem man seine Rolle als Ganove am wenigsten abkauft.

Womöglich dachte sich der Drehbuchautor mit Alice und Hélène zwei starke Frauenfiguren geschrieben zu haben, die auch mal zur Waffe greifen oder sich auf dunkle Containerschiffe trauen. Doch der Schein trügt: Wenig überraschend verlieren sie immer mehr von ihrer scheinbaren Unabhängigkeit und müssen von den Männern gerettet werden. Ohne mit der Wimper zu zucken, wirft sich Alice zurück in die Arme eines Typen, der sie über vier Jahre belogen und höchstwahrscheinlich betrogen hat. Man kann nur mit dem Kopf schütteln.

Vanished – Vertraust du ihm startet heute, am Samstag, um 22.05 Uhr im Ersten und läuft in der ARD-Mediathek.

Source: faz.net