Eine gewaltsame Übernahme Grönlands durch die USA scheint vorerst abgewendet. Hört man dem US-Präsidenten genau zu, muss man aber konstatieren: Donald Trump hält an seinem Anspruch auf die Arktisinsel fest. So erteilte er während des Weltwirtschaftsforums in Davos zwar einem militärischen Angriff auf Grönland eine Absage. Er sagte aber auch: „Wir brauchen es aus strategischen nationalen und internationalen Sicherheitsgründen.“ Die „riesige, ungesicherte Insel“ sei „ein Teil Nordamerikas, an der nördlichen Grenze der westlichen Hemisphäre“, sagte Trump und schloss daraus: „Das ist unser Territorium.“ In Trumps Darstellung steht er selbst in einer historischen Reihe von US-Präsidenten, die „seit fast zwei Jahrhunderten“ versuchen würden, Grönland zu erwerben. „Sie hätten es nach dem Zweiten Weltkrieg behalten sollen“, beschied Trump seinen Vorgängern. „Wie dumm waren wir“, fragte er in Davos, Grönland nach dem Krieg „an Dänemark zurückzugeben?“
Doch stimmt es eigentlich, dass Grönland einmal zu den USA gehörte? Die kurze Antwort lautet: Nein. Um Grönland an Dänemark „zurückgeben“ zu können, hätte die Insel zuvor in US-Besitz sein müssen. Das war allerdings zu keinem Zeitpunkt der Fall.
Schutzmacht während des Zweiten Weltkriegs
Seit dem 18. Jahrhundert war Grönland dänische Kolonie. 1933 urteilte der Ständige Internationale Gerichtshof – ein Vorläufer des IGH –, dass Dänemark die Souveränität über die gesamte Insel besitze. Hintergrund war ein Territorialstreit – allerdings nicht zwischen Dänemark und den USA, sondern zwischen Dänemark und Norwegen. Der rechtliche Status Grönlands änderte sich erst mit dem Ende der Kolonialzeit in den 1950er-Jahren, als die Insel zunächst als Provinz in das dänische Königreich eingegliedert wurde und über die folgenden Jahrzehnte schrittweise autonome Rechte erhielt. Völkerrechtlich ist die Zugehörigkeit der Insel zu Dänemark allerdings weiter unstrittig.
Mit seinen Äußerungen in Davos spielte Trump offenbar auf den sogenannten Grönlandvertrag vom 9. April 1941 an. Dänemark befand sich zu diesem Zeitpunkt seit einem Jahr unter deutscher Besatzung und hatte faktisch die Kontrolle über Grönland verloren. Vor diesem Hintergrund unterzeichneten der damalige US-Außenminister Cordell Hull und der dänische Gesandte in den USA, Henrik Kauffmann, ohne direkte Beteiligung der dänischen Regierung die „Vereinbarung über die Verteidigung Grönlands“. Diese sah vor, dass die USA vorläufig die Verteidigung Grönlands übernehmen, um die Insel vor einer deutschen Besetzung zu schützen. Dafür erhielten die USA das Recht, Militärstützpunkte auf Grönland zu errichten und Soldaten zu stationieren. Eine Übertragung der Hoheitsrechte ging damit jedoch nicht einher. Vielmehr hieß es im Grönlandvertrag ausdrücklich: „Das Königreich Dänemark behält die Souveränität über die in den vorstehenden Artikeln genannten Verteidigungsgebiete.“
Schon Harry S. Truman wollte Grönland kaufen
Trumps Erzählung von der „Rückgabe“ Grönlands an Dänemark ist nicht nur faktisch falsch. Sie entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie. Denn nach Kriegsende war der Grönlandvertrag Gegenstand eines diplomatischen Konflikts zwischen Dänemark und den USA. Während man in Kopenhagen davon ausging, dass das – rechtlich ohnehin auf wackeligen Beinen stehende – Abkommen mit der Befreiung 1945 automatisch nichtig geworden sei, interpretierte man den entscheidenden Artikel in Washington, D. C. anders: Die Formulierung, dass das Abkommen so lange in Kraft bleibe, „bis Einigkeit darüber besteht, dass die derzeitigen Bedrohungen beendet“ seien, sah man als Grundlage für eine weitere Stationierung von Truppen auf Grönland – schließlich folgte auf die Bedrohung durch Nazi-Deutschland jene durch die Sowjetunion. Der Streit wurde 1951 beigelegt, mit dem Nachfolgeabkommen des Grönlandvertrags, das Dänemark und die USA nunmehr als Nato-Verbündete schlossen. Diese neuere Vereinbarung über die Verteidigung Grönlands bildet bis heute die rechtliche Basis für die US-Militärpräsenz auf der Insel – und auch sie bestätigt explizit das Souveränitätsrecht Dänemarks über Grönland.
Recht hat Trump, wenn er darauf verweist, nicht der erste US-Präsident mit ausgeprägtem Grönland-Interesse zu sein. Ideen eines Kaufs der Insel kursierten bereits im 19. Jahrhundert, das erste offizielle Angebot machte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Regierung von Harry S. Truman. Dem Politiker der Demokratischen Partei schwebte die Übernahme Grönlands für eine Summe von 100 Millionen US-Dollar vor – was gemessen an der heutigen Kaufkraft ungefähr 1,6 Milliarden US-Dollar (rund 1,35 Milliarden Euro) entspricht. Dänemark lehnte das erst 1991 öffentlich gewordene Angebot ab. Über Jahrzehnte ließ man es dabei bewenden – bis Donald Trump während seiner ersten Amtszeit verkündete, Grönland kaufen zu wollen. Immerhin: Kaufen kann man nur, was einem nicht gehört.