Die US-Küstenwache soll die Marinera im Atlantik beschlagnahmt haben, einen Öltanker unter russischer Flagge, der zuvor in Venezuela Öl aufnehmen wollte. Widerstand gab es keinen, doch riskiert die Operation eine Konfrontation mit Russland
Öltanker Marinera voraus
Foto: European Command/NTB/Imago Images
Die USA haben im Atlantik einen unter russischer Flagge fahrenden Öltanker beschlagnahmt. Die risikoreiche Operation könnte zu einer Konfrontation mit dem Kreml führen. Berichten zufolge hatte Moskau ein U-Boot entsandt, um das Schiff zu schützen.
Die Marinera, früher bekannt als Bella 1, „wurde im Nordatlantik aufgrund eines Haftbefehls eines US-Bundesgerichts beschlagnahmt, nachdem sie von der USCGC Munro aufgespürt worden war“, teilte das US-Europakommando in einem Beitrag auf X mit. US-Medien berichteten, dass die Küstenwache des Landes an Bord des Öltankers gegangen sei, ohne auf Widerstand zu stoßen.
Der russische Staatsfernsehsender RT hatte zuvor zwei unscharfe Fotos veröffentlicht, die einen Hubschrauber zeigen, der sich dem Tanker nähert, und erklärte, dass eine Operation im Gange sei. Die Marinera war laut Schiffsverfolgungsdaten von MarineTraffic im Atlantik zwischen Island und Großbritannien unterwegs.
Das Wall Street Journal berichtete, dass mehrere Hubschrauber und mindestens ein Schiff der Küstenwache eingesetzt wurden, um die Kontrolle über den Tanker zu übernehmen.
Die Beschlagnahmung ist der Höhepunkt einer dramatischen, mehr als zwei Wochen andauernden Verfolgungsjagd durch die USA, die begann, nachdem der Tanker auf seiner Reise von Iran nach Venezuela in den Atlantik zurückgekehrt war. Dort wollte er einer US-Blockade entgehen, die gegen sanktionierte Öltanker in venezolanischen Gewässern gerichtet war.
Tanker gehört zur Schattenflotte, die Öl für Russland, den Iran und Venezuela transportiert
Die Operation – die erste bekannte Beschlagnahmung eines unter russischer Flagge fahrenden Schiffes durch das US-Militär in der jüngeren Geschichte – dürfte die Beziehungen zu Wladimir Putin belasten, da sie zu einem heiklen Zeitpunkt erfolgt: Einerseits dauern die Verhandlungen über ein mögliches Friedensabkommen in der Ukraine an, andererseits haben die USA gerade den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, einen langjährigen Verbündeten des Kremls, festgenommen.
Das Schiff gehört zur sogenannten Schattenflotte, die Öl für Russland, den Iran und Venezuela transportiert. Es wurde 2024 von den USA mit Sanktionen belegt, weil es angeblich illegale Fracht für ein Unternehmen im Besitz der Hisbollah transportierte.
Ersten Berichten zufolge ist der alternde Tanker leer, da er auf dem Weg war, venezolanisches Öl aufzunehmen, bevor er seinen Kurs änderte. Dennoch scheint Moskau erhebliche Anstrengungen unternommen zu haben, um das Schiff zu schützen, was Fragen darüber aufwirft, warum es bereit ist, dafür eine Konfrontation mit dem Westen zu riskieren.
Verfolgungsjagd von Venezuela über Golf von Oman, Suezkanal, Gibraltar und Atlantik
In den 24 Stunden vor der Operation wurden mehrere westliche Überwachungsflüge über dem Schiff beobachtet, darunter Flugzeuge von US-Stützpunkten in Island und RAF Rivet Joint- und P-8 Poseidon-Flugzeuge aus Großbritannien, die in der Lage sind, U-Boote zu orten.
Im Dezember wehrte die Besatzung einen Versuch der USA ab, das Schiff in venezolanischen Gewässern zu entern. Das Schiff wurde anschließend von Bella 1 in Marinera umbenannt, eine russische Flagge auf den Rumpf gemalt und in das offizielle Schiffsregister Russlands aufgenommen. Moskau legte später eine formelle diplomatische Protestnote vor und forderte Washington auf, die Verfolgung einzustellen.
Der Tanker verließ den Golf von Oman im November, durchquerte den Suezkanal und die Straße von Gibraltar und überquerte Anfang Dezember den Atlantik. Als der Druck der USA auf Venezuela zunahm – was schließlich zur Festnahme von Maduro führte –, hielt das Schiff am 15. Dezember abrupt in der Nähe der Karibik an und kehrte um, um nach Europa zurückzufahren.
USA fingen auch „Dark Fleet“ in der Karibik ab
Die Rückfahrt der Marinera über den Atlantik war laut Seetransport-Experten ausgesprochen untypisch. Anstatt die übliche Route durch den Ärmelkanal zu nehmen, bog der Tanker scharf nach Norden ab und steuerte auf den Ozeanabschnitt zwischen Island und Irland zu.
Donald Trump verhängte letzten Monat eine „vollständige Blockade“ gegen sanktionierte venezolanische Öltanker, woraufhin US-Streitkräfte mehrere Schiffe beschlagnahmten, die unter intransparenten Rechtsordnungen operierten.
Die US-Küstenwache teilte am Mittwoch mit, dass sie in einer Operation vor Tagesanbruch einen weiteren Tanker der „Dark Fleet“ in der Karibik abgefangen habe, der unter Sanktionen steht, die M Sophia. Der US-Verteidigungsminister Pete Hegseth schrieb auf X: „Die Blockade von sanktioniertem und illegalem venezolanischem Öl bleibt weltweit in VOLLER WIRKUNG.“
Trump frustriert über anhaltende Kämpfe in der Ukraine
Von der New York Times überprüfte Registerdaten zeigten, dass mindestens drei weitere Öltanker, die in den letzten Wochen in venezolanischen Gewässern operiert hatten, seitdem unter russischer Flagge umregistriert worden waren. Dies deutet auf einen wachsenden Trend hin, dass Moskau sein Register auf Schiffe ausweitet, die US-Sanktionen unterliegen.
Dieser Schritt könnte die Beziehungen zwischen Moskau und Washington zu einem Zeitpunkt erschweren, an dem Trump sich gegenüber Putin frustriert über die anhaltenden Kämpfe Russlands in der Ukraine gezeigt hat.