USA/Iran | Trumps Iran-Krieg: Warum Teheran am längeren Hebel sitzt

Die flexible und robuste Kriegsführung des iranischen Widerstandes ist so ohne weiteres nicht zu überwinden. Die Angreifer USA und Israel brauchen einen Durchbruch, militärisch oder politisch


Man hat das Vermögen Teherans zur dezentralen und asymmetrischen Kriegsführung ebenso unterschätz

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Zweimal hat Donald Trump im Konflikt mit dem Iran einen Angriffsbefehl erteilt, obwohl Verhandlungen noch liefen. Daher wird man in Teheran auf das ständige Verlängern jüngster Ultimaten wenig geben. Es ist ein Dilemma, in das sich der US-Präsident mit seinem Krieg manövriert hat.

Nach allem, was bisher bekannt ist, ließ er sich von falschen Bedrohungsszenarien und der trügerischen Hoffnung auf ein schnelles Ende des iranischen Regimes in diesen bewaffneten Konflikt hineinberaten. Gegen die Warnungen seines Generalstabs, der weder konkrete Kriegsziele noch eine realistische Exit-Strategie erkennen konnte.

An die anfangs vom Iran verlangte Kapitulation hat Trump vermutlich selbst nicht geglaubt. Wohl aber an die von Benjamin Netanjahu immer wieder vorgetragene These, die Bevölkerung des Irans werde sich des Regimes entledigen, wenn Bomber und Raketen die Führung eliminiert hätten.

Die USA haben Teherans Vermögen zur Kriegsführung unterschätzt

Wie naiv eine solche Annahme war, hätte aus dem Zwölf-Tage-Krieg im Sommer 2025 gelernt werden können. Da blieben die Straßen leer. Wenn es eine Chance auf Regime Change gegeben hat, dann während der Massenproteste zum Jahreswechsel. Da hätte Trump sein Versprechen „Hilfe ist unterwegs“ wahrmachen und aus der Luft eingreifen können.

Nur so wären die Protestierenden souveräne Akteure ihres Aufstandes geblieben und hätten mit dieser Art von Unterstützung vielleicht einen selbstbestimmten Machtwechsel herbeiführen können. Darauf war man jedoch weder in Washington noch in Tel Aviv vorbereitet. Stattdessen sah man zu. Danach zu erwarten, dass die so Getäuschten Wochen später dem Regime quasi als unbewaffnete Bodentruppen einer israelisch-amerikanischen Aggression entgegentreten würden, zeugt von Zynismus und Arroganz, die sich gerade rächen.

Man hat das Vermögen Teherans zur dezentralen und asymmetrischen Kriegsführung ebenso unterschätzt wie dessen militärische Kapazitäten. Zudem kann das Regime der angedrohten Eskalation (US-Bodentruppen) innenpolitisch relativ gelassen entgegensehen. Die gestern Verratenen werden sich morgen nicht erneut erheben, wenn die, von denen sie im Stich gelassen wurden, ihnen nun die Versorgung mit Strom, Gas und Wasser wegbomben.

Das Mullah-Regime muss diesen Krieg nur überstehen, nicht unbedingt gewinnen

Die erkennbare Verunsicherung, mit der Trump einen Deal herbeiredet, hat also gute Gründe. In Abwandlung eines berühmten Zitates von Henry Kissinger zum Vietnam-Krieg, wonach die Guerilla gewinnt, wenn sie nicht verliert, muss das Mullah-Regime diesen Krieg lediglich überstehen. Und dazu genügt es, wenn Teheran seine Gegenmacht wie gehabt zielbewusst demonstriert. Etwa im Raketenkrieg, wenn iranische Missiles die mehrfach gesicherte Luftabwehr des israelischen Nuklearzentrums in der Negev-Wüste völlig überraschend durchbrechen.

Oder wenn Raketen der Revolutionsgarden statt der erwarteten 2.000 Kilometer doppelt so weit kommen und ihre Ziele erreichen. Oder im Drohnenkrieg, wenn relativ billiges iranisches Gerät mit ungleich kostspieligerer Munition vom Himmel geholt werden muss und sich die israelischen und US-Reserven schneller leeren, als Nachschub produziert werden kann.

Oder im Ölkrieg, wenn verbale Drohungen und ein paar Minen-Schnellboote ausreichen, die Straße von Hormus zu blockieren, um eine globale Energiekrise zu provozieren. Im Wasserkrieg, wenn iranische Raketen schlecht geschützte Entsalzungsanlagen in den Golfstaaten oder in Israel erreichen und so eine Trinkwasserkrise auslösen können. Im Umweltkrieg, wenn Ölförderanlagen, LNG-Terminals und Tanker leichte Ziele sind. Oder im Wirtschaftskrieg, der durch knappes und teures Öl eine globale Rezession auslöst.

Auf dem Weg vom Gottesstaat zur Militärdikdatur

Teheran ist zu solcherart Eskalation offenbar weiter willens und fähig. Schließlich hat man sich auf diesen Krieg seit Jahrzehnten vorbereitet. Der Iran hat in einer Welt der globalisierten Wirtschaft, von der er seit Dekaden isoliert ist, deutlich weniger zu verlieren als alle anderen Kombattanten.

Das erfahren die Golfmonarchien, seit iranische Drohnen ihr Geschäftsmodell eines mit Petrodollar finanzierten, sicheren Hafens für Finanzdienstleister und Touristen infrage stellen. In Washington dürfte man längst begriffen haben, dass dieser Krieg mit einer faktischen Niederlage endet, wenn das Mullah-Regime jede weitere Eskalation übersteht.

Die Trump-Administration braucht daher dringend eine wie auch immer geartete politische Übereinkunft oder einen militärischen Durchbruch, um sich aus einer selbst gestellten Falle zu befreien. Was wird sich davon ermöglichen lassen, um von Donald Trump als „großartiger Sieg“ verkauft zu werden? Mit oder ohne militärisches Nachlegen?

Der Preis eines arrangierten Kriegsendes könnte darin bestehen, dass die Revolutionsgarden in Teheran fester im Sattel sitzen als vor Kriegsbeginn und die politische Führung des Landes übernehmen. Der Iran wäre als Islamische Republik auf dem Weg vom Gottesstaat zur Militärdiktatur.

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