Die iranische Revolutionsgarde hat die Insel Kharg im Persischen Golf schon 1988 als Achillesferse des eigenen Landes erkannt. Damals tobte der sogenannte Tankerkrieg zwischen Iran und Irak. Bagdad bombardierte die Insel, weil über sie ein Großteil der iranischen Ölexporte abgewickelt wurde. Die amerikanische Marine eskortierte Öltanker durch den Golf zum Schutz vor iranischen Angriffen.
Teheran fürchtete schon damals, dass Amerika Kharg besetzen könnte, um Irans Öleinnahmen, und damit seine Kriegskasse, auszutrocknen. Nach Darstellung des damals einflussreichen Militärkommandeurs Ali Haschemi trug diese Sorge dazu bei, dass Revolutionsführer Ruhollah Khomeini 1988 nach langem Zögern einem Waffenstillstand mit Irak zustimmte.
Vielleicht schwebt Washington heute Ähnliches vor. Laut amerikanischen Medienberichten könnten die Truppen, die Präsident Donald Trump in den vergangenen Tagen zusätzlich an den Golf beordert hat, für eine Invasion auf Kharg eingesetzt werden, um Iran zur Öffnung der Straße von Hormus zu zwingen. Es ist eines von mehreren Szenarien.
Bis heute nutzt Iran die Insel für rund 90 Prozent seiner Ölexporte. Die Infrastruktur dafür wurde größtenteils zu Zeiten der Monarchie mit Unterstützung der amerikanischen Ölindustrie gebaut. Laut einem Bericht des Portals „Tehran Bureau“ hat die Revolutionsgarde aber aus der damaligen Zwangslage gelernt. Im Fall einer Einnahme der Insel durch amerikanische Soldaten könne Iran zumindest einen Teil des Öl in andere kleinere Anlagen umleiten, schreibt das Portal.
Nichtsdestotrotz bereitet sich Teheran offenbar auf eine mögliche amerikanische Landeoperation vor. Laut einem Bericht des Senders CNN hat das iranische Militär in den vergangenen Wochen zusätzliche Soldaten und schultergestützte Boden-Luft-Lenkwaffen auf die Insel verlegt. Zudem seien Minen am Ufer und vor der Küste der Insel gelegt worden.
Vom Festland aus könnte Teheran die Insel, auf der Tausende Ölarbeiter leben und die für Normalbürger nicht zugänglich ist, unter Beschuss nehmen. Das iranische Regime droht für den Fall einer Landeoperation mit „Überraschungen“. Eine blutige Schlacht würde sich einfügen in den Mythos der Unbeugsamkeit, der in Iran mit der Insel wegen ihrer Rolle im Krieg gegen Irak verbunden wird. Kharg ist in der iranischen Propaganda außerdem ein Symbol des Widerstands. Ein Streik der Ölarbeiter trug zur Revolution von 1979 bei und brachte den Schah um wichtige Einnahmen. Der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, rief die Ölarbeiter im Januar vergeblich auf, sich gegen das Regime zu stellen.
USA haben wohl noch andere Inseln im Blick
Laut dem Nachrichtenportal Axios hat das amerikanische Militär auch noch andere iranische Inseln im Blick, darunter Abu Musa und die beiden Tunb-Inseln. Sie sind von strategischer Bedeutung, weil sie unweit der Straße von Hormus liegen. Darauf spielte auch Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf an, der in Teherans Machtapparat derzeit eine zentrale Rolle spielt. Er schrieb auf X: „Einige Daten lassen darauf schließen, dass Irans Feinde mit Unterstützung eines der regionalen Staaten die Besetzung einer der iranischen Inseln plant.“ Sollte dies geschehen, werde Iran die gesamte kritische Infrastruktur jenes Landes angreifen.
Gemeint sind offenbar die Vereinigten Arabischen Emirate, die Anspruch auf die drei von Iran kontrollierten Inseln Abu Musa, Groß-Tunb und Klein-Tunb erheben. Die militärische Übernahme der Inseln im Jahr 1971 fand noch zu Zeiten des Schahs statt, einen Tag, nachdem britische Truppen die Region verließen und zwei Tage, bevor die Emirate als Föderation gegründet wurden. In Iran wird die militärische Besetzung als „Rücknahme“ mit dem „Drei-Insel-Tag“ gefeiert. Die Verwaltung der Inseln unterliegt der Revolutionsgarde.
Der Gebietsstreit um die strategisch wichtigen Inseln erhitzt in Iran regelmäßig die Gemüter. Der ehemalige Präsident Mahmud Ahmadineschad besuchte sie 2012 demonstrativ als erster Präsident, um sich als Nationalist zu gerieren. Trotz der wichtigen Beziehungen zu China hat Teheran mehrfach den chinesischen Botschafter einbestellt, um dagegen zu protestieren, dass sich Peking Forderungen der Emirate nach einer friedlichen Beilegung des Inselstreits anschloss. Der wichtige Verbündete Russland verärgert Teheran regelmäßig mit ähnlichen Verlautbarungen.
Eine Einnahme durch amerikanische Truppen würde auch iranische Regimegegner erzürnen. Während der Atomverhandlungen zwischen Iran und den USA im vergangenen Jahr schien der Streit um die Inseln auf einmal eine gesichtswahrende Lösung für beide Seiten aufzuzeigen. Es gab Vorschläge, wonach Iran gemeinsam mit anderen Staaten der Region in einem Konsortium Uran auf einer der drei Inseln anreichern könnte. Die ungeklärten Hoheitsrechte hätten Iran die Darstellung ermöglicht, dass es auf seinem Territorium weiter Uran anreichere, während die USA es so hätten darstellen können, dass Iran auf Urananreicherung verzichtet.
Dazu kam es aber nicht. Stattdessen könnte die Insel jetzt zum Symbol für eine Neuordnung der Region werden. Aus Teheran gibt es schon Drohungen, wonach iranische Truppen im Fall der Besetzung von Abu Musa die emiratische Küste angreifen könnten.
Source: faz.net