US-Staatsanleihen wie geopolitisches Druckmittel?

Stand: 22.01.2026 17:00 Uhr

Staatsanleihen gelten als eine der wenigen Achillesfersen der USA. Mit „Sell America“ steht ein Druckmittel der EU im Raum. Was dahinter steckt, wie realistisch es ist und ob es das überhaupt braucht.

Im Konflikt um die Übernahmepläne Grönlands durch die USA wurde in den vergangenen Tagen über eine neue Strategie Europas diskutiert: Europäische Investoren könnten US-Staatsanleihen verkaufen und die hochverschuldeten Vereinigten Staaten dadurch unter Druck setzen. Zwar ist der Streit mittlerweile durch die Kehrtwende Trumps mit Blick auf weitere Zölle entschärft worden – doch die Option steht weiter im Raum.

So drohte der US-Präsident den Europäern heute mit vehementen Vergeltungsmaßnahmen für den Fall, dass sie in großem Stil US-Staatsanleihen abstoßen. Sollte dies geschehen, würden die USA mit einem „großen Gegenschlag“ antworten, so Trump gegenüber dem US-Sender Fox Business. „Und wir haben alle Karten in der Hand.“

Staatsanleihen als zusätzliche Einnahmequelle

Anleihen oder Bonds sind Wertpapiere, über die sich Unternehmen langfristig Geld bei Investoren leihen können. Diese bekommen dafür jedes Jahr einen festgelegte Zins und am Ende der Laufzeit den vollen Kapitalbetrag zurück. Auch Staaten können Anleihen ausgeben oder aufstocken, in dem Fall werden sie Staatsanleihen genannt. Auf diese Art nehmen Länder Schulden auf, um über Steuereinnahmen hinaus ihren Haushalt zu finanzieren.

Die Rendite von Anleihen

Die effektive Verzinsung einer Staatsanleihe nennt man Rendite. Eine Rolle spielt dabei die Laufzeit. Für längere Bonds gibt es mehr Zinsen, da die Investoren ihr Geld länger los sind – mit allen Risiken. Entscheidend für die Rendite sind aber vor allem der Zins und der Kurs. Wenn eine Anleihe bei der Ausgabe 100 Euro wert ist und pro Jahr mit drei Prozent verzinst wird, ist der Zins auch gleichzeitig die jährliche Rendite – in diesem Beispiel wären es drei Euro.

Das setzt aber voraus, dass die Anleihe bis zur Fälligkeit gehalten wird. Die Papiere werden jedoch dauernd am Markt gehandelt, sodass sich der Kurs stetig verändert. Wenn viele Investoren sie aus dem Depot werfen, sinkt der Kurs. Für Anleger, die neu zugreifen, steigt daraufhin die Rendite. Fällt der Kurs von 100 auf 90 Euro, bezieht sich der Zins auf den neuen Kurs, und die laufende Rendite steigt auf 3,33 Prozent. Rendite und Kurs entwickelt sich am Anleihemarkt also gegenläufig.

Darauf bauen auch die USA – und zwar massiv. Die US-Staatsverschuldung beläuft sich inzwischen auf einen Rekordstand von über 38 Billionen Dollar. „Sie sind darauf angewiesen, dass andere ihre Rechnungen über große Außenhandelsdefizite bezahlen“, schrieb George Saravelos von der Deutschen Bank in einer Einschätzung am Sonntag – und löste damit die aktuelle Debatte aus. Der Markt für Staatsanleihen sei die „entscheidende Schwäche“ der USA, lautete sein Fazit.

Nach Daten des US-Finanzministerium, die das Handelsblatt ausgewertet hat, halten Finanzakteure innerhalb der EU knapp 23 Prozent aller US-Staatsanleihen – das sind Bonds im Wert von mehr als 2,1 Billionen Dollar. „Wir sind der größte Besitzer US-amerikanischer Staatsanleihen außerhalb der USA und damit ihr größter Gläubiger“, sagt Chris-Oliver Schickentanz von der Capitell AG. Ein Verkauf könne ein Mittel sein, „um tatsächlich auch einem Donald Trump mal Einhalt zu gebieten“.

Kommt es zum Ausverkauf?

Wenn viele Investoren ihre Staatsanleihen verkaufen, fällt der Kurs. Damit steigt die Rendite für Anleger, die neu zugreifen – und tendenziell auch der Zins bei der Ausgabe künftiger Anleihen. Das würde die ohnehin schon hohe Zinslast der US-Regierung weiter steigern und die Finanzierung von Staat und Wirtschaft teurer machen. Anders gesagt: Es kostet mehr für die Trump-Regierung, sich Geld zu leihen, um beispielsweise die gigantische Steuerreform „Big Beautiful Bill“ zu finanzieren.

Am Finanzmarkt machen bereits Rufe von „Sell America“ die Runde. So kündigte ein dänischer Pensionsfonds an, seine US-Staatsanleihen im Wert von 100 Millionen Dollar zu verkaufen. Finanzminister Scott Bessent hält die Sorgen allerdings für unbegründet: „Die Investitionen Dänemarks in US-Staatsanleihen sind, wie Dänemark selbst, irrelevant.“ Die Investitionen seien gering. „Ich bin überhaupt nicht besorgt“, so Bessent. „Als Finanzminister sehe ich ja unsere Auktionen von Staatsanleihen. Wir verzeichnen ausländische Investitionen in Rekordhöhe.“

Die Ratingagentur Scope rechnet ebenfalls nicht mit einem großangelegten Verkauf. „Wir halten es für unwahrscheinlich, dass europäische Investoren als Reaktion auf die derzeitigen politischen Spannungen US-Anlagen in großem Stil und auf koordinierte Weise abstoßen würden“, so Scope-Analyst Eiko Sievert. Dies liege am hohen Anteil, der sich im Besitz privater Investoren befinde. Diese fluchtartig zum Verkauf von Staatsanleihen zu bewegen, dürfte nicht ganz so einfach sein. Zu hoch wären die Verluste und die Folgen für das globale Finanzsystem.

Sorge über finanzielle Lage der USA

Ähnlich sieht es Arthur Brunner, der vorerst keinen Ausverkauf von US-Staatsanleihen erwartet – zumal sie eine vergleichsweise hohe Rendite bringen. „Interessant ist beim dänischen Fonds eher die Begründung des Verkaufs“, so der Händler der ICF Bank. „Es besteht kein direkter Zusammenhang mit dem anhaltenden Zerwürfnis zwischen den USA und Europa – aber das hat die Entscheidung natürlich nicht schwieriger gemacht“, erklärte dessen verantwortlicher Manager Anders Schelde. Hauptgrund sei die schlechte Verwaltung der öffentlichen Finanzen.

Sorgen die USA also schon selbst für einen „Sell America“-Effekt? US-Staatsanleihen dienen seit Jahrzehnten als Sicherheitsanker für Finanzunternehmen und Notenbanken weltweit. Diese Ordnung gerät aktuell ins Wanken – ganz ohne den Eingriff Europas. „Investoren haben ihre Bedenken: Vor Beginn der Finanzkrise war die USA mit circa 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) verschuldet, jetzt sind sie bei 120 Prozent“, sagt Brunner. „Dadurch geht natürlich die Sorge um, dass die USA irgendwann nicht in der Lage sein wird, ihre Schulden zu begleichen.“

Das sei momentan noch unwahrscheinlich, weil die USA als stärkste Wirtschaftskraft weiterhin ihre Möglichkeiten hätten. Dennoch stehe die spezielle Position der Vereinigten Staaten am Finanzmarkt als sicherer Hafen auf dem Spiel. Scope geht davon aus, dass die gesamtstaatliche Schuldenquote der USA bis 2030 gar auf 140 Prozent des BIP steigen wird. Unter den Industrieländern wären die USA demnach nach Japan der am zweithöchsten verschuldete Staat. Im Oktober hatte die Ratingagentur die Kreditwürdigkeit der USA gesenkt – und das nicht nur wegen des hohen Haushaltsdefizits.

Unvorhersehbare Politik Trumps schreckt ab

„Die Schwächung von Standards bei der Regierungsführung, insbesondere das Aushöhlen der etablierten Gewaltenteilung, verringert die Vorhersehbarkeit und Stabilität der US-Politik“, hieß es im damaligen Gutachten der Agentur. Aus dem gleichen Grund kündigte zur Wochenmitte auch ein schwedischer Vermögensverwalter den Verkauf von US-Staatsanleihen an. „Wir haben seit Anfang 2025 unsere Bestände an US-Staatsanleihen in mehreren Runden reduziert, und diese Reduzierungen machen den größten Teil unserer Bestände aus“, sagte Investmentchef Pablo Bernengo gegenüber Reuters.

Und nicht nur ausländische Investoren reagieren. „Es findet derzeit eine Art ‚Sell America‘ statt. Ich habe mich mit einigen Vermögensverwaltern getroffen: Globale Fonds schichten ein wenig um – und ziehen Kapital aus den Vereinigten Staaten ab“, berichtet der Investmentbanker Gary Cohn in einem Interview mit Bloomberg. Bereits zu Wochenbeginn wurde bekannt, dass mit Pimco eine der größten Investmentgesellschaften der Welt Geld aus den USA abzieht. Grund sei Trumps „unvorhersehbare“ Politik, die zu einer erhöhten Marktvolatilität geführt habe.

Skepsis zeigt sich bereits am Anleihemarkt

Und wie geht es nun weiter? „Interessant wird sein, wie sich die Akteure bei den Auktionen von neuen Staatsanleihen verhalten werden“, meint Brunner. „Die USA müssen in diesem Jahr 1,7 Billionen neue Schulden aufnehmen.“ Nicht nur wegen der wachsenden Staatsverschuldung, sondern auch aufgrund der politischen Unsicherheit in den USA dürften Investoren ihre US-Bestände weiter schrittweise diversifizieren, heißt es von Scope. Es könne „zu einem Aufwärtsdruck auf die Risikoprämien für künftige Anleiheemissionen“ kommen.

„Es gibt eine unglaublich große Skepsis, was die USA als Land, als Regierungsapparat angeht. Das zeigt sich beim US-amerikanischen Dollar, aber auch bei US-amerikanischen Staatsanleihen, die bei ausländischen Investoren nicht mehr so hoch im Kurs stehen“, sagt auch Anlagestratege Schickenstanz. So gerieten die Staatsanleihen in dieser Woche unter Druck. Die Rendite für 30-jährige Papiere lag am Dienstag mit 4,92 Prozent nur knapp unter der Fünf-Prozent-Marke.

Wie es weitergeht, hänge wiederum auch am Fortgang des Grönland-Konflikts, so Schickentanz. „Wenn Donald Trump hier Hardliner spielt und nicht kompromissbereit ist, wird sich dieser Trend fortsetzen. Dann werden wir einen schwächeren Dollar, einen stärkeren Euro sehen und dann werden wir wahrscheinlich auch höhere Langfristzinsen in den USA sehen.“ Zu einem Ausverkauf von US-Staatsanleihen kommt es also wohl vorerst nicht – trotzdem ist die Achillesferse der USA angeschlagen.

Source: tagesschau.de