US-HafenBlockade: Schuss in den Maschinenraum welcher iranischen Wirtschaft

Von der jüngsten Eskalation im Streit um die Straße von Hormus gibt es ein paar grobkörnige, durch Nachtsichtkameras grünlich gefärbte Videoaufnahmen des amerikanischen Militärs. Sie zeigen, wie ein Hubschrauber vom Deck des amphibischen Angriffsschiffs USS Tripoli abhebt. In späteren Sequenzen seilen sich US-Soldaten von dem Hubschrauber auf den Frachter Touska ab, um ihn unter amerikanische Kontrolle zu stellen. Das unter iranischer Flagge fahrende Containerschiff soll von Malaysia aus Kurs auf den iranischen Hafen Bandar Abbas genommen haben. Zuvor soll es regelmäßig zwischen China und Iran verkehrt sein.

Nach Angaben des US-Militärs widersetzte sich der Kapitän sechs Stunden lang den Aufforderungen, beizudrehen. Nachdem das Schiff die von der Marine deklarierte Blockadelinie passiert habe, habe der Lenkwaffenzerstörer USS Spruance den Maschinenraum des Frachters unter Beschuss genommen und das Schiff gestoppt. Zuvor sei die Crew über Funk aufgefordert worden, den Maschinenraum zu verlassen. In diesem Fall waren die US-Soldaten nicht mit Gegenwehr konfrontiert. Riskanter würde eine Durchsetzung der Blockade, wenn zum Beispiel China sich entscheiden würde, seine Handelsschiffe militärisch abzusichern.

Islamabad: US-Blockade unterläuft Verhandlungen mit Iran

Sieben Tage lang hatten die Vereinigten Staaten es bei drohenden Funksprüchen belassen, nachdem Präsident Donald Trump die Blockade verkündet hatte. Mit dem Aufbringen der Touska gehen sie nun einen weiteren Eskalationsschritt – just in jenem Moment, in dem Trump eine neue Verhandlungsrunde in Islamabad in Aussicht gestellt hat. Offenbar erhofft er sich davon, den Verhandlungsdruck auf Iran zu erhöhen. Den Vermittler Pakistan scheint diese Taktik nervös zu machen. Armeechef Asim Munir soll Trump laut Agenturmeldungen in einem Telefonat gesagt haben, dass die US-Blockade ein Hindernis für die Gespräche sei.

Doch auch Iran setzt die Straße von Hormus weiter als Druckmittel in den Verhandlungen ein. Der Sprecher des Außenministeriums in Teheran sagte am Montag, das amerikanische Vorgehen ziehe die „Ernsthaftigkeit“ des diplomatischen Prozesses in Zweifel. Eine Fortsetzung der Verhandlungen schloss er aber nicht aus. Die Revolutionsgarde drohte mit Vergeltung, schien aber bemüht, die Lage nicht weiter zu eskalieren. Ein Sprecher der iranischen Streitkräfte deutete an, dass es zunächst Pläne gegeben habe, den Frachter Touska gewaltsam zu befreien. „Aufgrund der Präsenz von Familienangehörigen der Crew und zum Schutz ihres Lebens und ihrer Sicherheit“ habe man davon Abstand genommen.

Die Touska gehört der Staatsreederei Islamic Republic of Iran Shipping Lines, die wegen Unterstützung des iranischen Atom- und Raketenprogramms von den USA, der EU und den Vereinten Nationen sanktioniert ist. Der Sender CNN berichtete unter Berufung auf „Marineexperten“, dass das Schiff zur Inspektion seiner Ladung an einen Ankerplatz oder Hafen gebracht werde. Die Ladung könne von der US-Regierung in Besitz genommen werden. Die nächstgelegenen Länder Oman und Pakistan dürften kaum erpicht sein, dass ihre Häfen dafür ausgewählt werden, weil sie das zum Ziel von Vergeltungsmaßnahmen machen könnte.

Viel Erfahrung im Umgehen von Sanktionen

Seit Verkündung der Blockade hat das US-Militär nach eigenen Angaben 25 Handelsschiffe dazu gezwungen, beizudrehen oder in iranische Häfen zurückzukehren. Undurchlässig ist die Blockade aber nicht. So berichtet das Analyseunternehmen Tanker Trackers von mindestens einem leeren Riesentanker unter iranischer Flagge, der am Sonntag die Blockadelinie ungehindert passiert habe. Zuvor hatten Medien über mehrere Schiffe berichtet, die von iranischen Häfen aus in den Golf von Oman gelangt seien, ohne gestoppt zu werden.

Ein Grund dafür könnte sein, dass Iran seit Jahrzehnten unter Sanktionen steht und versiert darin ist, die Bewegungen seiner Schattenflotte durch manipulierte Ortungssysteme, gefälschte Lieferdokumente, Anlaufen mehrerer Häfen oder Schiff-zu-Schiff-Transfers auf hoher See zu unterlaufen. Aber auch eine nicht komplett dichte Blockade kann Wirkung entfalten: Iran brechen Öleinnahmen weg, Transport- und Warenkosten steigen, die Versorgung mit zentralen Gütern wird eingeschränkt. Aktuell berichten Iraner über massiv gestiegene Preise.

Bericht: Iraner befürchten Überraschungsangriff

Die fortgesetzte US-Blockade hat auch die iranische Revolutionsgarde dazu bewegt, die zwischenzeitliche Öffnung der Straße von Hormus rückgängig zu machen und die Schifffahrt wieder unter ihre Kontrolle zu bringen – mit entsprechenden Folgen für die Weltwirtschaft. Die Garde beschoss und bedrohte am Wochenende mehrere Schiffe, um die eigenen Bedingungen für eine Durchfahrt durchzusetzen. Demnach sollen Schiffe nur mit Genehmigung der Revolutionswächter entlang einer von ihnen vorgegebenen Route und nach Zahlung einer „Sicherheitsgebühr“ passieren dürfen.

Im iranischen Machtapparat scheint es verschiedene Vorstellungen über den künftigen Umgang mit der Meerenge zu geben. Während manche darin einen Hebel sehen, um Irans Bedingungen in den Verhandlungen mit den USA durchzusetzen, sprechen andere von einem dauerhaften Kontrollregime, für welches das iranische Parlament bereits einen Gesetzentwurf ausgearbeitet hat.

Zur Vorbereitung künftiger Durchfahrten führt die US-Marine laut dem „Wall Street Journal“ derzeit Minenräumoperationen mit unbemannten Wasserfahrzeugen und Unterwasserdrohnen durch. Das soll offenbar das Vertrauen von Reedereien stärken, dass eine Durchfahrt künftig wieder sicher sein werde – aber wohl erst nach einer Verhandlungslösung mit Iran.

Source: faz.net