US-Gericht urteilt gegen Trump: Die amerikanische Regierung ist keine Erfindung jener Literatur

Jemand hat ein Schild aufgestellt und darauf per Hand „Slavery was real“ notiert. Die offiziellen Erklärtafeln am „President’s House Site“ in Philadelphia, in dem George Washington einst lebte und Sklaven hielt, sind hingegen verschwunden. Nur die in eine Mauer eingravierten Namen der Sklaven sind noch da. In der ehemaligen Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika, in der die bevorstehenden Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag der Nation besonders ausgiebig begangen werden, wollte man schnell noch geschichtspolitisch reinen Tisch machen. Und weil der aktuelle Präsident verfügte, in Museen und an Erinnerungsorten seien die unschönen Aspekte amerikanischer Geschichte zu tilgen, entfernte der National Park Service die Dauerausstellung in der Präsidentenresidenz im Independence National Historical Park.

Dass sich eine Bundesrichterin in Philadelphia der Anordnung aus dem Weißen Haus widersetzte und verfügte, die Ausstellung zur Sklaverei müsse augenblicklich wieder angebracht werden, zeugt von zweierlei. Zum einen vom offenbar neu gefassten Mut amerikanischer Institutionen wie eben diesem Bundesgericht, dem geschichtsrevisionistischen Treiben Donald Trumps nicht länger tatenlos zuzusehen. Andererseits zeigt es die höchstrichterlich festgestellte Tatsache, dass Literatur die Urteilskraft schärft. Denn die ehrenwerte Cynthia Rufe bezog sich in ihrem Urteil nicht etwa auf die Verfassung, juristische Schriftsätze oder Präzedenzfälle, sondern auf die Literatur: genauer, auf George Orwells Roman „1984“, den der britische Schriftsteller unter dem Eindruck von Nazismus und Stalinis­mus geschrieben hatte und 1949 veröffentlichte.

Die fiktive Redewendung im Roman „Big Brother is watching you“ wurde weltweit zum Synonym für den Überwachungsstaat. Die Richterin in Philadelphia begründete ihr Trump widersprechendes Urteil mit Verweis auf die Orwell’sche Dys­topie, in der mittels Umschreiben von Zeitungen, Büchern, Plakaten, Flugblättern, Filmen und Cartoons ebenfalls die unangenehmen Fakten aus der Geschichte entfernt werden. Sie verglich die Welt des Romans mit der der amerikanischen Regierung und führte Folgendes aus: Wenn das Gericht aufgefordert sei, über die Frage zu entscheiden, ob die Regierung das Recht habe, historische Wahrheiten zu verschleiern, dann sei das so, als würde das „Ministerium für Wahrheit“ aus Orwells Roman mit seinem Leitspruch „Unwissenheit ist Stärke“ tatsächlich existieren.

Die amerikanische Regierung sei jedoch keine Erfindung der Literatur und habe daher nicht das Recht dazu, die Geschichte umzudeuten, wie die Richterin befand, weshalb die Dauerausstellung wieder einzurichten sei. Wir aber begreifen, warum der Roman „1984“ heutzutage nicht nur in Belarus und China verboten ist, sondern auch ganz weit oben auf der Liste der in Amerika zensierten Titel steht.

Source: faz.net