Ein Wandgemälde in Providence sollte an eine Ukrainerin erinnern, die 2025 in einer U-Bahn erstochen wurde. Doch in der US-Stadt entbrennt Streit – nicht über das Kunstwerk, sondern den prominenten Geldgeber. Nach Kritik des demokratischen Bürgermeisters wird es entfernt.
Der Tod von Iryna Zarutska schockte viele Menschen in Amerika. Die Ukrainerin wurde im September 2025 in einer U-Bahn in Charlotte (North Carolina) von einem Afroamerikaner unvermittelt mit einem Messer attackiert. Die 23-Jährige überlebte den Angriff nicht.
Zu ihrem Gedenken wurden in mehreren US-Städten großflächige Wandgemälde angebracht, darunter in Abilene (Texas), im New Yorker Stadtteil Brooklyn und in Los Angeles. Auch in der Hauptstadt von Rhode Island, Providence, sollte an einem großen, roten Backsteingebäude eine verfremdete Version von Zarutskas Konterfei entstehen. Die Malarbeiten an der Rückseite des LGBTQ+-Clubs „The Dark Lady“ sind bereits weit fortgeschritten. Doch nun wurden sie gestoppt.
Dass das Gemälde jemals beendet wird, ist unwahrscheinlich: In der Stadt mit 200.000 Einwohnern entbrannte Kritik an dem Wandgemälde – nicht etwa wegen des Kunstwerks an sich, sondern am Förderer. Der heißt Elon Musk. Der Tech-Milliardär spendete eine Million US-Dollar für die Kunstaktion in US-Städten.
Zu den größten Kritikern zählt dabei der demokratische Bürgermeister Brett Smiley. „Der Mord an der in diesem Wandgemälde dargestellten Person war eine verheerende Tragödie“, schrieb Smiley in einer Erklärung, „doch die fehlgeleitete und isolierende Absicht derjenigen, die solche Wandgemälde im ganzen Land finanzieren, spaltet die Bevölkerung und repräsentiert nicht Providence.“ Er appelliere weiterhin an unsere Gemeinschaft, lokale Künstler zu unterstützen, „deren Werke uns einander näherbringen, anstatt uns weiter zu entzweien“.
Auch sein demokratischer Kollege und Kontrahent David Morales, der bei der Wahl im November ebenfalls für das Amt des Bürgermeisters kandidiert, pflichtete Smiley ausnahmsweise bei. „Wir erleben eine rechtsextreme Bewegung, die den Tod des Flüchtlings instrumentalisiert, um Zwietracht zu säen“, sagte Morales. „Letztendlich wollen wir sicherstellen, dass sich alle Einwohner von Providence sicher fühlen, und wir sind uns wohl einig, dass dieses Wandgemälde hinter uns nicht die Werte von Providence widerspiegelt.“
Republikaner von Rhode Island zeigten sich hingegen bestürzt über die Kontroverse, die das Wandgemälde ausgelöst hat. „Das ist kein vulgäres oder anstößiges Wandgemälde. Es ist ein Porträt – ein Gesicht –, das an ein Opfer erinnert“, schrieb die republikanische Minderheitsführerin im Senat von Florida, Jessica de la Cruz. Der Erste Verfassungszusatz schütze genau solche Meinungsäußerungen, selbst wenn sie unangenehm seien.
„Die Anordnung, es entfernen zu lassen, ist keine Führungsstärke, sondern Zensur“ kritisierte de la Cruz und bezog sich auf die aktuellen „No Kings“-Proteste gegen die Trump-Regierung. „Es ist schwer, die Rhetorik von ‚Keine Könige‘ mit entsprechendem Handeln in Einklang zu bringen. Man kann nicht die kreative Hauptstadt sein, wenn Kreativität eine Genehmigung braucht.“
Der Künstler Ian Gaudreau bestätigte gegenüber dem Nachrichtensender NBC 10 WJAR inzwischen, dass das Wandgemälde von einer gemeinnützigen Organisation finanziert wurde, die größtenteils von Musk gefördert wird. „All diese aufgeheizte politische Hetze hat Irynas Menschlichkeit aus ihrer Geschichte verbannt“, sagte Gaudreau über das Opfer. „Und ich denke, wir täten alle gut daran, uns das vor Augen zu halten.“
Zudem gab Gaudreau bekannt, dass das Kunstwerk nun entfernt wird. „Viele Menschen haben ihren Frust zum Ausdruck gebracht, ihre Stimmen wurden gehört, und die Arbeiten werden als Reaktion daraufhin abgebrochen“, sagte der Künstler. „Ich möchte, dass jeder weiß, dass meine Absicht mit dem Wandbild war, die Lage zu beruhigen.“
Künstler wehrt sich gegen Vorwürfe
Auf seiner Instagram-Seite schrieb er zudem zu dem Beitrag von NBC 10 WJAR: „Als Künstler bin ich sehr traurig zu hören, dass der Bürgermeister fordert, dass das Kunstwerk entfernt wird, bevor ich zu Ende sprechen durfte.“ Jeder solle wissen, dass es nicht die Idee war, es für eine politische Agenda zu verwenden. Das Opfer sollte viel mehr durch das Wandbild menschlich werden. Er hoffe, dass die Menschen diese Botschaft mitnehmen und den politischen Hass beiseitelassen. „Iryna Zarutska war ein Mensch mit Eltern, die noch unter uns weilen und um sie trauern.“
Auch die Betreiber des „Dark Lady“ veröffentlichten eine Erklärung und baten um Entschuldigung für die Kontroverse. „Wir haben euch gehört. Es tut uns zutiefst und aufrichtig leid, was in der vergangenen Woche geschehen ist.“ Nach eingehender Überlegung und aus den Erfahrungen der letzten Woche hätten sie beschlossen, das Projekt einzustellen und das bereits halb fertige Gemälde zu entfernen. „Wir setzen uns weiterhin für Zusammenhalt, Sicherheit und Fürsorge für alle Mitglieder unserer Gemeinschaft ein und werden auch künftig zuhören, lernen und nach diesen Werten handeln.“
saha
Source: welt.de