Unterwegs mit dem Pflegedienst: Mit Humor gegen die Einsamkeit


mittendrin

Stand: 10.11.2025 16:38 Uhr

Reiner Weiss ist Rentner. Doch wegen der Personalnot in der Pflege fährt er trotzdem fast jeden Tag raus zu seinen Patienten. Mit Herzblut kämpft er gegen den grauen Alltag vieler Seniorinnen und Senioren an.

Wenn Reiner Weiss seine Spätschicht am Nachmittag beginnt, führt sein erster Weg zu einem großen Schlüsselkasten. Dort hängen die Haus- und Wohnungsschlüssel aller Patienten des Pflegedienstes, für den er arbeitet. Weiss holt Nummer für Nummer die Schlüssel der 15 Menschen heraus, die er heute versorgt. 

Für Weiss geht es um mehr als nur die pflegerischen Aufgaben. Am Ende des Tages will er allen Patienten ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben – das ist sein Anspruch. „Wenn ich komme, bin ich für viele der erste Mensch, den sie an dem Tag sehen“, erzählt Weiss. Einsamkeit sei ein großes Thema bei den älteren Menschen. „Ich versuche, sie zum Lachen zu bringen, ihnen zuzuhören und für sie da zu sein.“

Seit vielen Jahren fährt er mit seinem kleinen Auto durch den Hamburger Stadtteil Barmbek. Die meisten Patienten des Pflegedienstes wohnen hier im Viertel. „Da muss man auch die Sprache der Menschen sprechen. Hier in Barmbek nennt man das ‚Basch'“, erzählt Weiss. Ein historischer Begriff, der die raue, manchmal etwa ruppige Sprache der Barmbeker beschreibt.

Ein Scherz hier, ein Augenzwinkern da

Weiss parkt vor einem großen Gebäude – einem Wohnstift. Ältere Menschen können hier für etwa 500 Euro leben. Gleich drei Patienten versorgt Weiss in dem Haus. Er nennt sie liebevoll seine „drei Musketiere“.

Magdalena Wilsdorf begrüßt Weiss schon an der Wohnungstür mit einem Lachen. Ihr hilft er beim An- und Ausziehen der Stützstrümpfe. Fast täglich kommt er in ihrer kleinen Wohnung vorbei und sieht nach dem Rechten. „Heute verscheißern Sie mich aber nicht. Er verscheißert mich immer“, sagt Wilsdorf und grinst.

Weiss entgegnet, das würde er sich nie erlauben – und man merkt, dass das nicht so ganz stimmt. Ein Scherz hier, ein Augenzwinkern da, das gehört für den passionierten Pfleger dazu. Magdalena Wilsdorf scheint das sehr zu gefallen, sie lacht herzlich.

„Ein wenig die Einsamkeit nehmen“

Eigentlich hatte Reiner Weiss mit Pflege lange Teile seines Lebens nichts am Hut. Er war Kaufmann, vertrieb kugelsichere Fensterscheiben nach Saudi-Arabien. Dann exportierte er Medizinprodukte von Hamburg ins Ausland und kam so mit der Pflege in Kontakt. Schließlich gründete er 1996 seinen eigenen Pflegedienst, den er viele Jahre führte.

Nun aber ist Weiss Rentner und hat seine Firma längst abgegeben. Dennoch fährt der 68-Jährige fast jeden Tag noch raus zu seinen Patienten. Er verdient sich etwas zur Rente dazu. Aber das sei nicht der einzige Grund, wieso er den Job noch mache. „Das lässt einen nicht los, wenn man Menschen ein wenig die Einsamkeit nehmen kann“, sagt Weiss. Außerdem spare er sich so das Fitnessstudio.

Zu wenig Fachkräfte

Während Weiss zu seinem nächsten Patienten eilt, steht in der Zentrale des Pflegedienstes Susanne Martens am Kopierer und kämpft mit einem Stapel Papier. Sie leitet das Unternehmen und beschäftigt 15 Menschen. Doch sie steht derzeit vor großen Herausforderungen.

Zum einen ist da der Fachkräftemangel. Es habe sich zwar viel getan, so Martens, etwa seien die Löhne deutlich erhöht worden. Aber es reiche dennoch nicht aus. Die Stelle einer stellvertretenden Pflegedienstleitung bei ihr sei ein halbes Jahr unbesetzt gewesen. „Man annonciert an allen Ecken, und es passiert einfach lange Zeit nichts“, erzählt sie. So komme es auch, dass sie noch mehrere Rentner beschäftige.

Und dann sei da der Kampf ums Geld. Viele Patienten bekämen aus der Sicht von Martens zu niedrige Pflegegrade zuerkannt. Immer wieder gehe sie mit Anwälten dagegen vor. „Die Anträge werden außerdem oft sehr lange nicht bearbeitet“, sagt sie. Sie müsse oft in Vorleistung gehen und teils zehntausende Euro vorstrecken. Das mache ihr große Sorgen. Sie wolle schließlich weiter ihre Mitarbeitenden pünktlich bezahlen.

Nur wenige Minuten pro Patient

Reiner Weiss ist derweil bei seinem nächsten Patienten angelangt: Günther Sandgardt, genannt Günni. Der Gewerkschafter im Ruhestand hat eine Seemannsmütze auf, raucht Zigarillo und sitzt zufrieden am Küchentisch, während Weiss seinen Tablettenvorrat überprüft.

Und dann bleibt noch ein wenig Zeit zum Klönen – etwa über Sandgardts Lieblingsfilm: Spiel mir das Lied vom Tod. „Ich hab den Film 189-mal gesehen. Ich bin so gut wie verheiratet mit dem Film“, erzählt er. Deswegen kann Sandgardt ihn auch zu großen Teilen nachspielen – und tut das auch.

Reiner Weiss hat sich ebenfalls eine Zigarette angesteckt und erfreut sich an der Aufführung. An den Wänden hängen gleich mehrere Fotos von Elvis und auch von Johnny Cash. „Das sind meine Helden“, sagt Sandgardt.

Weiss hilft ihm im Alltag, geht mit ihm zum Arzt, zum Friseur, erledigt Einkäufe. Heute aber bleibt es bei einer kurzen Stippvisite. Zur Verabschiedung drückt Sandgardt den Pfleger an sich und sagt: „Tschüss, mein Süßen.“ Weiss muss weiter. Er hat pro Patient nur wenige Minuten.

Nach jedem Besuch tippt der Pfleger zudem auf seinem Handy das Pflegeprotokoll ein. Er muss vermerken, was er beim Patienten gemacht hat: Messwerte, Medikamentendosierungen, Gemütszustand – all das wird notiert. Erst dann geht es weiter.

Zu niedrige Pflegegrade?

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Weiss fährt mit seinem Auto in die Einfahrt eines Mehrparteienhauses. In einer der Wohnungen wartet eine Palliativpatientin auf ihn: Karin Poblocki. Sie hat schweren Nieren- und Leberkrebs. „Ich weiß jetzt nicht, ob die Patientin bereits verstorben ist oder noch lebt. Leider hat sie keine Angehörigen mehr“, sagt Weiss, bevor er das Haus betritt.

Poblocki ist ansprechbar und sitzt in ihrem Bett. Sie hat starke Schmerzen. Weiss tröstet sie, nimmt einen Löffel zur Hand und tröpfelt Morphiumtropfen darauf. Danach gibt er ihr etwas zu trinken.

Dann legt sie ihre dünnen Arme um seinen Hals und umarmt ihn. „Du bist ein ganz Toller“, sagt Poblocki leise. Und Weiss sagt: „Hab keine Angst.“

Poblocki hat nur Pflegegrad 1 bewilligt bekommen. Für den Pflegedienst sind das nur wenige bezahlte Minuten. Susanne Martens schickt dennoch mindestens zweimal am Tag jemanden vorbei. Schon vor Wochen habe sie Einspruch eingelegt, sagt sie – mit dem Anwalt. Aber solange nichts entschieden sei, müsse sie auch hier in Vorleistung gehen. Das gebiete die Menschlichkeit.

Als Poblocki Weiss umarmt, sagt er noch: „Du riechst aber gut, was hast du denn für ein Parfüm drauf?“ Da lacht sie leise und ihre Augen strahlen. Nach Feierabend wird Weiss noch einmal bei ihr vorbeischauen. In seiner Freizeit. Sie solle nicht alleine sterben, sagt er.

An diesem Abend fährt Weisss noch zu vielen weiteren Menschen. Er wechselt Einlagen, zieht Stützstrümpfe aus, bereitet Abendessen zu. Und immer wieder schafft er es mit einem flotten Spruch, dass sein Gegenüber lächeln muss.

Was sein Antrieb ist? Bei der Frage wird Weiss kurz still. Er sei selbst alleinstehend, sagt er. Und er wisse nicht, ob ihn nicht auch ein ähnliches Schicksal erwarte. Da würde er sich dann jemanden wie ihn wünschen – einen komischen, schrägen Typen, der ihn zum Lachen bringe und ihm den Alltag etwas versüße.

Das hat er bei seinen Patienten heute geschafft, so viel ist sicher. Reiner Weiss will damit weitermachen, solange er es körperlich noch schafft.

Source: tagesschau.de