Donald Trump hat den Streit der US-Regierung mit dem auf Künstliche Intelligenz spezialisierten Unternehmen Anthropic weiter eskalieren lassen. Am Freitag schrieb er auf seiner Plattform Truth Social, er weise alle Bundesbehörden an, die Arbeit mit Anthropics KI-Technologien mit sofortiger Wirkung einzustellen. „Wir brauchen sie nicht, wir wollen sie nicht, und wir werden keine Geschäfte mehr mit ihnen machen,“ schrieb er weiter. Er beschimpfte Anthropic als „linke Spinner“ und „woke“.
Trump sagte, in Behörden wie dem Verteidigungsministerium werde es eine sechsmonatige Übergangsphase geben, in der die Technologie schrittweise ausrangiert werde. Er drohte dem Unternehmen mit „zivilen und kriminellen Konsequenzen“, sollte es in dieser Phase nicht „hilfreich“ sein.
Kurz nach Trumps Attacke ging Verteidigungsminister Pete Hegseth sogar noch einen Schritt weiter und erklärte Anthropic zu einem „Lieferkettenrisiko für die nationale Sicherheit“. Das Unternehmen steht somit auf einer Art schwarzen Liste, so wie dies sonst eher Organisationen mit Verbindungen nach China und Russland widerfährt.
Für Anthropic könnte dies gravierende Konsequenzen haben. Nach Deutung von Hegseth bedeutet es, Vertragspartner des Pentagon dürften künftig keinerlei Geschäfte irgendeiner Art mehr mit dem Unternehmen machen. Anthropic arbeitet mit nahezu allen großen amerikanischen Techunternehmen zusammen, darunter Nvidia, Google, Amazon und Microsoft. Einige dieser Konzerne halten auch Beteiligungen an Anthropic.
Der auf KI-Politik spezialisierte Analyst Dean Ball, der im vergangenen Jahr auch einige Monate lang Berater für Technologiefragen im Weißen Haus war, nannte das Manöver der US-Regierung „versuchten unternehmerischen Mord“ und sprach von einem „dunklen Tag in der Geschichte unseres Landes“. Es handele sich um einen „psychotischen Griff nach Macht“, der „fast sicher illegal“ sei. Die Regierung vermittle damit die Botschaft, ein unzuverlässiger Partner für Unternehmen zu sein.
Ultimatum lief am Freitag ab
Hegseth hatte Anthropic in dieser Woche ein Ultimatum gestellt, das am späten Freitagnachmittag ablaufen sollte. Er drohte dem Unternehmen mit Sanktionen falls es bis dahin nicht bereit ist, bisherige Restriktionen für den Einsatz seiner KI-Modelle zu lockern. Neben dem Entzug eines auf 200 Millionen Dollar dotierten Auftrags und der Einstufung als Lieferkettenrisiko stellte er auch in Aussicht, Anthropic durch Aktivierung des „Defense Production Act“ zu einer Änderung der Konditionen zu zwingen. Dieses Gesetz kam zuletzt bei nationalen Notständen wie der Corona-Pandemie zum Einsatz. Am Ende entschied sich Hegseth dafür, die Geschäftsbeziehungen zu Anthropic zu beenden und das Unternehmen zum Risiko für die nationale Sicherheit zu erklären.
Hegseth schrieb auf der Plattform X: „Anthropics Haltung ist fundamental inkompatibel mit amerikanischen Prinzipien.“ Das Verhältnis zwischen dem Unternehmen und der Regierung habe sich dadurch „permament“ geändert. „Diese Entscheidung ist endgültig“, sagte er weiter.
Der Streit dreht sich um zwei Einschränkungen, die Anthropic für die Nutzung seiner KI-Modelle vorgibt. Sie dürfen nicht zur Massenüberwachung von Amerikanern oder zur Entwicklung vollständig autonomer Waffensysteme verwendet werden. Das Pentagon pocht dagegen darauf, die Technologien für „alle rechtmäßigen Zwecke“ nutzen zu dürfen.
Amodei: „Inkompatibel mit demokratischen Werten“
Anthropic-Vorstandschef Dario Amodei hat sich noch am Donnerstag unnachgiebig gezeigt und in einem längeren Blogeintrag geschrieben, das Unternehmen könne den Forderungen des Pentagon nicht „guten Gewissens“ nachkommen. Er sagte zur Begründung der Restriktionen, der Einsatz für inländische Massenüberwachung sei „inkompatibel mit demokratischen Werten“, und für autonome Waffensysteme seien KI-Modelle heute „nicht zuverlässig genug“.
Die Drohungen des Pentagons, Anthropic zu einem Lieferkettenrisiko zu erklären und den „Defense Production Act“ zum Einsatz kommen zu lassen, nannte Amodei „in sich widersprüchlich“. Einerseits würde Anthropic als Sicherheitsrisiko eingestuft, andererseits aber auch als „essenziell“ für die nationale Sicherheit. Amodei sagte, angesichts des „erheblichen Wertes“, den Anthropics Technologie für die Streitkräfte habe, hoffe er, dass die Regierung in der Auseinandersetzung einlenke. Wenn nicht, werde Anthropic dabei helfen, „einen reibungslosen Übergang zu einem anderen Anbieter zu ermöglichen“. Amodei betonte, grundsätzlich glaube er an die „existenzielle Bedeutung“, KI zur Verteidigung der USA und anderer Demokratien einzusetzen.
Trump schrieb jetzt, es sei ein „desaströser Fehler“ für Anthropic gewesen, sich mit dem Pentagon anzulegen und ihm seine Nutzerbedingungen aufzwingen zu wollen. „Die USA werden es einem radikal linken, woken Unternehmen niemals erlauben, zu diktieren, wie unser großartiges Militär in Kriegen kämpft und sie gewinnt.“ Trump sagte weiter, Anthropic werde „von Leuten geführt, die keine Ahnung haben, worum es in der realen Welt geht“.
Anthropic bekam derweil in dem Streit ausgerechnet von seinem schärfsten Rivalen Open AI Schützenhilfe. Sam Altman, der Vorstandschef von Open AI, nannte in einer Nachricht an die Belegschaft, über die das „Wall Street Journal“ berichtete, ähnliche Konditionen wie Anthropic. Er sagte, er würde darauf drängen, dass Einsatzgebiete wie inländische Überwachung oder autonome Waffen von Verträgen mit der Regierung ausgenommen würden. „Dies sind unsere hauptsächlichen roten Linien,“ schrieb er.
Altman und Amodei haben ein sehr angespanntes Verhältnis zueinander. Bei einem KI-Gipfel in Indien in der vergangenen Woche wollten sie sich nicht zu einer symbolischen Geste die Hand reichen, so wie das alle anderen Teilnehmer auf der Bühne taten.
Solidarität mit Anthropic im Silicon Valley
Mitarbeiter von Open AI und Google verbündeten sich derweil für eine Solidaritätsbekundung gegenüber Anthropic. Sie appellierten in einem offenen Brief an die Führung ihrer Unternehmen, ebenso wie Anthropic standhaft zu bleiben und den Konditionen des Pentagon nicht zuzustimmen. Bis zum Freitag wurde der Brief von mehr als 500 Google-Mitarbeitern und mehr als 80 Beschäftigten von Open AI unterzeichnet.
Separat davon schrieben mehr als 100 Google-Mitarbeiter einen Brief an die Unternehmensführung und fordern sie auf, gegenüber der Regierung auf den gleichen Restriktionen zu bestehen wie Anthropic. In einem weiteren gemeinsamen offenen Brief appellierten Mitarbeitergruppen von Google, Amazon und Microsoft an ihre Unternehmen, die Forderungen des Pentagon zurückzuweisen.
Anthropics KI-Modell Claude gilt als eines der besten in der Branche und wird offenbar auch von der Regierung rege genutzt. Innerhalb des Pentagons soll es Medienberichten zufolge auch warnende Stimmen geben, wonach eine Abkehr von Anthropic einen herben Verlust darstellen würde.
Neben Anthropic haben im vergangenen Jahr auch Open AI, Google, und das von Elon Musk geführte Unternehmen X.AI Aufträge vom Pentagon im Wert von 200 Millionen Dollar erhalten. Bis vor Kurzem war Anthropic aber der einzige Partner, dessen KI-Modelle für geheimhaltungsbedürftige Zwecke eingesetzt werden konnten.
Kürzlich wurde bekannt, dass fortan auch X.AI auf dieser Geheimhaltungsebene mit dem Pentagon arbeiten darf. Es ist allerdings unklar, ob das KI-Modell Grok von X.AI in der Lage wäre, Claude zu ersetzen. Das „Wall Street Journal“ schrieb vor wenigen Tagen, Vertreter mehrerer Regierungsbehörden hätten in den vergangenen Monaten Bedenken zur Sicherheit und Zuverlässigkeit von Grok geäußert.
X.AI wäre aber ohne Zweifel ein möglicher Gewinner im gegenwärtigen Streit zwischen Anthropic und der US-Regierung. Musk hat Anthropic in jüngster Zeit wiederholt attackiert. Erst am Freitag schrieb er auf der ihm gehörenden Plattform X: „Anthropic hasst die westliche Zivilisation.“