Viele Unternehmen brauchen in Übergangszeiten erfahrene Führungskräfte, die ihren Posten nur für eine begrenzte Zeit – oft nur für wenige Monate – begleiten. Der Markt für die Vermittlung solcher Interim-Manager ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Jetzt möchte auch die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) mitmischen.
Noch in dieser Woche starte man in Deutschland mit dem neuen Angebot namens „Rapid Value and Cash“, sagte BCG-Deutschlandchef Michael Brigl am Dienstagabend auf einem Treffen mit Journalisten in Frankfurt. Mit dem Angebot starte BCG zwar in Deutschland, es solle aber auch bald in anderen europäischen Ländern „ausgerollt“ werden.
BGC will mit Interimsmanagern Private-Equity-Unternehmen erreichen
„Das Interesse an Interimsmanagern ist unheimlich groß“, sagte Brigl, das habe man in vielen Beratungsprojekten festgestellt. Ziel sei es, dafür einen Pool von rund 100 erfahrenen Führungskräften aufzubauen, die in angespannten Situationen kurzfristig Vorstands- und Geschäftsführungsrollen übernehmen können. Die Manager sollen bei den Unternehmen dann stets mit einem kleinen Team mitsamt KI-Expertise aufschlagen.
BCG will das neue Segment selbst organisch aufbauen, nicht durch den Zukauf eines Spezialvermittlers. Die Zielgruppe des neuen Angebots seien vor allem Private-Equity-Unternehmen, die für ihre Portfoliounternehmen Interimsmanager suchen, und Mittelständler.
In der Vermittlung von Interimsmanagern dominieren bislang spezialisierte Vermittlungshäuser wie Atreus oder Personalberatungen wie Boyden, Korn Ferry und Odgers, aber auch auf Krisenberatung spezialisierte Häuser wie Alix Partners, Alvarez & Marsal, FTI Consulting und Roland Berger.
Knapp 1000 neue Mitarbeiter
BCG ist im vergangenen Jahr abermals gewachsen, das zweiundzwanzigste Jahr in Folge. Der globale Umsatz stieg um sieben Prozent auf 14,4 Milliarden US-Dollar, die Zahl der Mitarbeiter stieg auf 33.500 rund um die Welt, sie hat sich damit innerhalb weniger Jahre verdoppelt. Zahlen zu einzelnen Ländern veröffentlicht das Unternehmen seit Jahren nicht mehr. Brigl sagte lediglich, das Geschäft in Deutschland habe „um einen hohen einstelligen Prozentsatz“ zugelegt.
Damit wuchs BCG hierzulande zwar nicht mehr ganz so stark wie in den Jahren zuvor, liegt aber noch immer deutlich über dem Branchendurchschnitt. Laut dem Bundesverband Deutscher Unternehmensberatungen (BDU) wuchs die hierzulande stark mittelständisch geprägte Branche im vergangenen Jahr in Deutschland nur noch minimal um 0,5 Prozent, also deutlich weniger als in der vorangegangenen Erfolgsjahren. BCG will auch in diesem Jahr wieder – wie im Vorjahr – knapp 1000 Mitarbeiter im deutschsprachigen Raum neu einstellen.
Wachstumsfelder: KI und Verteidigung
Ein wesentlicher Treiber des BCG-Wachstums sei das Geschäft mit KI-Transformationen, das im vergangenen Jahr um 25 Prozent zugelegt hat. Weltweit stammten mittlerweile zwei Fünftel des Umsatzes aus Geschäft mit Tech- und KI-Projekten. „Jedes Unternehmen wird durch KI verändert“, sagte Brigl, ob sie wollten oder nicht. Viele Manager holen sich für die Transformation Hilfe von Unternehmensberatern.
Die KI-Revolution schüttele aber auch BCG selbst durch. Um Kunden die KI-Expertise auch liefern zu können, hat BCG nach Aussage von Brigl für die eigenen Mitarbeiter „das größte Ausbildungsprogramm unserer Geschichte“ gestartet. Allein im Jahr 2025 habe BCG fünf Milliarden Dollar in KI investiert. Jeder Mitarbeiter muss Kurse besuchen: „Wir werden alle Mitarbeiter zertifizieren“, sagte Brigl: „Wir sind eine Software-Firma geworden“. In wenigen Wochen veranstaltet BCG sein jährliches globales Partnertreffen daher auch im Silicon Valley in Amerika.
BCG setzt verstärkt auf Rüstungsprojekte
BCG setzt zudem verstärkt auf Rüstungsprojekte. Die Nachfrage nach Beratungsleistungen im Verteidigungssektor habe infolge der geopolitischen Spannungen und gestiegenen Rüstungsbudgets deutlich zugelegt. Die Berater von BCG helfen dabei auch Mittelständlern, die Dual-Use-Güter produzieren, vom Rüstungsboom zu profitieren. Das Geschäft gilt als komplex, weil viele Produktionsschritte hoch reguliert sind und dabei oft spezifische Zertifizierungen erforderlich sind.
BCG entwerfe für Unternehmen Markteintrittsstrategien und orchestriere Partnerschaften, sagte Brigl. Eng verbunden ist das wachsende Rüstungsgeschäft mit der Beratung des öffentlichen Sektors, das viele Beratungshäuser nach der Berateraffäre bei der Bundeswehr vor einigen Jahren – die damals sogar für einen Bundestags-Untersuchungsausschuss gesorgt hatte – eher auf Sparflamme betrieben haben. Anders als Accenture war BCG damals nicht in die Affäre involviert. Mittlerweile hat sich der Wind ohnehin gedreht. Bei BCG leitet das Geschäft mit dem öffentlichen Sektor in Deutschland mit Daniel Zepter ein ehemaliger Bundeswehr-Offizier.