Die Unsicherheit um den Irankrieg setzt dem Höhenflug der koreanischen Börse ein jähes Ende. Erst vor wenigen Wochen hatte der Aktienmarkt nach monatelangen Zugewinnen von Werten wie Samsung Electronics und SK Hynix, die stark vom Aufschwung der Künstlichen Intelligenz profitieren, erstmals den Gesamtwert der deutschen Börse überflügelt. Doch seit dem Beginn der Kampfhandlungen im Nahen Osten trennen sich die Anleger reihenweise von koreanischen Titeln. Am Mittwoch setzte die Börse in Seoul für 20 Minuten den Handel aus, nachdem der wichtigste Leitindex des Landes, der Kospi, schon am Morgen mehr als acht Prozent an Wert verloren hatte.
Im Tagesverlauf sackte der Leitindex um bis zu 12,6 Prozent gegenüber dem Schlusskurs des Vortages ab, was einen Rekord in dieser Hinsicht aufstellte. Der bislang größte Kursrutsch war laut der koreanischen Zeitung Chosun jener um zwölf Prozent am Tag nach den Terroranschlägen des 11. September 2001.
„Es gab viele Käufe auf Kredit“
In dem stark von Energielieferungen aus dem Nahen Osten abhängigen Südkorea wächst die Sorge vor einer neuen Finanzkrise, weil offenbar viele Anleger ihre Aktienkäufe über Kredite finanziert haben und nun angesichts der fallenden Kurse rasch verkaufen müssen. Vor allem bei den großen koreanischen Werten wie Samsung und Hyundai war das offenbar der Fall, wie Kim Dojoon, Chief Executive und Investmentchef bei dem in Seoul ansässigen Unternehmen Zian Investment Management, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg erläuterte: „Es gab viele Käufe auf Kredit, insbesondere bei diesen Schwergewichten, wobei Anleger nur 30 bis 40 Prozent als Eigenkapital hinterlegt haben.“ Diese Bestände würden nun zwangsliquidiert, die Anleger hätten aber Schwierigkeiten, Käufer zu finden. „Wenn es morgen einen weiteren Rückgang gibt, wird niemand ein fallendes Messer auffangen“, sagte Dojoon weiter.
Die Behörden in Seoul werden bereits nervös. Der Vorsitzende der koreanischen Finanzaufsichtsbehörde, Lee Eog-weon, rief die zuständigen Institutionen schon dazu auf, bei Bedarf aktiv Notfallpläne zu nutzen. Diese Pläne umfassen zum Beispiel einen Marktstabilisierungsfonds, der mit mehr als 100 Billionen Won (58,3 Milliarden Euro) gefüllt ist.
Südkorea erhält den Großteil seiner Energieimporte aus dem Nahen Osten. 70 Prozent der Lieferungen sind zuletzt per Schiff durch die Straße von Hormus gekommen, die im Zuge der Kämpfe zwischen den Vereinigten Staaten und Israel auf der einen Seite und Iran auf der anderen Seite bis auf Weiteres blockiert ist.
Die Regierung in Seoul hat daher auch schon beschlossen, einen Fonds für die Sicherung von Lieferketten zu aktivieren, um die koreanischen Konzern beim Einkauf von Öl und Gas auf anderen Märkten zu unterstützen. Der Fonds war im Zuge der Corona-Pandemie aufgebaut worden und soll mit 10 Billionen Won (5,8 Milliarden Euro) gefüllt sein. Unternehmen sollen dort Kredite zu niedrigen Zinsen für Energieeinkäufe erhalten.
Die Unsicherheit an der Börse in Seoul führte bei vielen Titeln zu heftigen Kursschwankungen. Papiere von Samsung stürzten um sieben Prozent ab, der Chip-Hersteller SK Hynix verlor mehr als fünf Prozent. Der drittgrößte Autohersteller der Welt, Hyundai Motor, gab um elf Prozent nach und dessen Tochtergesellschaft Kia sank um mehr als zehn Prozent. Selbst von Unternehmen, die eigentlich von der gewachsenen geopolitischen Unsicherheit profitieren könnten, nahmen die Anleger Abstand: Der Rüstungskonzern Hanwha Aerospace fiel um elf Prozent, und der führende Raffineriebetreiber SK Innovation verlor 13 Prozent.
Vor allem Ausländer verkaufen
Vor allem ausländische Fonds zählten zu den großen Verkäufern. Sie trennten sich laut Marktdaten allein am Mittwoch von Aktien im Wert von 1,2 Billionen Won (700 Millionen Euro).
Die Börse in Südkorea zählte in den vergangenen Monaten zu den Lieblingen internationaler Investoren, weil die dortigen Konzerne an mehreren Megatrends mitverdienen. So war der Chiphersteller SK Hynix lange Zeit der exklusive Lieferant besonders leistungsstarker Speicherchips für den KI-Pionier Nvidia. Samsung hat mit seiner Chip-Sparte gerade erst den Anschluss in dieser Technologie gefunden und seitdem deutliche Kursgewinne verzeichnet.
Auch andere asiatische Börsen standen am Mittwoch im Minus. Der japanische Leitindex Nikkei 225 gab bis zum Handelsschluss 3,8 Prozent ab und hat damit seit Beginn der Angriffe im Nahen Osten gut acht Prozent an Wert verloren. Der Hang Seng in Hongkong gab 2,5 Prozent ab. Die großen chinesischen Energiekonzerne China Petroleum & Chemical, PetroChina und Cnooc büßten allesamt um die zehn Prozent ihres Börsenwerts ein.
Source: faz.net