„Unsere Mannschaft teilte sich drei Duschen und drei Toiletten mit 16 Nordkoreanerinnen“

Kerstin Stegemann war Pionierin des deutschen Frauen-Fußballs und leitet heute eine Sportfördergruppe der Bundeswehr. Im Podcast WELTMeister beschreibt sie die Entwicklung ihres Sports und vermutet, dass noch heute ein Dieb mit ihren David-Beckham-Schuhen durch Indien läuft.

Als sie ihre Karriere 1995 begann, war das, was sie faszinierte, was ihr Spaß machte, in Deutschland noch ein Nischenthema. Nun ist der Frauen-Fußball drei Jahrzehnte später zwar bei weitem noch nicht so populär wie der Männer-Fußball, hat aber deutlich aufgeholt. Länderspiele sind größtenteils ausverkauft – und auch die Strukturen sind dem Amateurstatus entwachsen.

Kerstin Stegemann-Holtherm freut das. Ob sie gern tauschen würde? „Ich bin mir da nicht sicher. Ich glaube nicht“, sagt die 48-Jährige als Gast im WELT-Podcast WELTMeister: „Man sollte die Zeiten nicht miteinander vergleichen. Wir hatten extrem erfolgreiche Jahre mit der Nationalmannschaft, was vielleicht auch daran lag, dass der Frauen-Fußball in anderen Ländern noch nicht so professionell war. … Wir hatten für unsere Verhältnisse ganz gute Bedingungen.“

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Bis 2009 war Stegemann, die sowohl in der Abwehr als auch im Mittelfeld spielte, aktiv. 2003 und 2007 wurde sie Weltmeisterin – und bestritt insgesamt 191 Länderspiele. Damit ist sie nach Birgit Prinz (214) die Nationalspielerin mit den meisten Einsätzen. Seit 1998 ist sie bei der Bundeswehr – und dort mit dem Dienstgrad Oberstabsfeldwebel inzwischen Leiterin der Sportfördergruppe in Warendorf, der rund 850 Sportler angehören.

„Bei den Olympischen Winterspielen haben wir, so glaube ich, etwas mehr als 183 deutsche Athleten am Start – davon sind ungefähr 75 Soldaten, die durch die Bundeswehr gefördert werden“, erzählt die frühere Fußballspielerin im Podcast. Nur eins von vielen Themen.

Kerstin Stegemann-Holtherm über…

…den neu gegründeten Ligaverband

„Ich bin echt gespannt, ob es funktioniert, ob das finanziell tragbar ist. … Für mich gehört irgendwann die zweite Liga dazu, möglicherweise langfristig auch eine dritte Liga, so dass alle Spielerinnen professionell trainieren können. Aktuell brauchen die meisten Spielerinnen einen Plan B – die duale Karriere wird es immer geben müssen. Das heißt, die werden nicht so viel verdienen, dass sie irgendwann nach der aktiven Zeit nicht mehr arbeiten müssen. Ich weiß nicht, ob ich es noch erleben werde, dass wir im Männerbereich angekommen sind – ich würde es mir wünschen für die Mädels, die jetzt spielen und die mittlerweile auch wirklich einen guten athletischen Fußball zeigen.“

… das gestiegene Interesse am Frauen-Fußball

„Natürlich sind das Medieninteresse und die Zuschauerzahlen bei Bundesligaspielen größer geworden, aber im Verhältnis gesehen ist das dann doch schon noch der Amateursport. Leider. Vielleicht ist das in 20 Jahren anders. Wir sind auf einem guten Weg, aber wir sind noch lange nicht an dem Punkt, an dem die Spielerinnen nicht mehr arbeiten müssen oder sich keine Gedanken über eine duale Karriere machen müssen.“

… finanzielle Unterstützung durch die Bundeswehr

„Da kommt es auf den Dienstgrad an – oder das Modell, für das man sich entscheidet. Es gibt ja auch den Soldaten auf Zeit. Wir reden da von ungefähr 2000 bis 3000 Euro netto, wie gesagt, das hängt von einigen Faktoren ab.“

… über die Nachwuchsförderung

„Also ich bin froh, wenn es keine reine Mädchenmannschaften gibt – auch wenn der DFB das jetzt vielleicht nicht hören möchte, denn ich glaube, dass alle Mädchen, die erst mal nur bei den Jungs spielen – möglicherweise bis zur B- oder A-Jugend –, die werden später mal wirklich in der ersten Liga spielen. Die Mädchen, die in der Mädchenmannschaft anfangen, das ist eher Breitensport, den muss es auch geben, das ist auch toll. Jeder kann leistungsmäßig jeden Sport betreiben, das heißt die Breite muss es geben, aber die, die wirklich talentiert sind, sollten niemals in der Mädchenmannschaft spielen. Das ist aber meine persönliche Einstellung.“

… die Olympischen Sommerspiele 2000 in Sydney

„Es war das schönste Turnier, das ich von insgesamt vier Olympischen Turnieren gespielt habe, trotz des bitteren Halbfinals, das wir gegen den späteren Olympiasieger Norwegen verloren haben. (Tina Wunderlich unterlief in der 80. Minute ein Eigentor zum 0:1-Endstand – d. R.). Dennoch habe ich nur gute Erinnerungen an dieses Turnier.“

… über die Military-WM 2007 im indischen Hyderabad

„Eine Geschichte frei nach dem Motto: back to the roots. Wir waren im September in China Weltmeister geworden – das war für mich der zweite Titel. Ich hatte der Bundeswehr im Vorfeld versprochen, dass ich auf jeden Fall mit zur Military-WM fahre. Wir haben eine Woche zu Hause nur den zweiten Titel gefeiert – und dann saß ich in dieser Bundeswehrmaschine. Ein ganz normaler Airbus, ohne Komfort. Ich fragte mich, wo denn die Filme laufen? Es gab keine Filme. Und irgendwann wurde ich dann geweckt. Wir waren in Abu Dhabi gelandet und es hieß, dass wir tanken müssen. Tanken? Echt jetzt, fragte ich. Wir mussten dafür auch noch aussteigen. Wir waren 30 Stunden unterwegs, ehe wir irgendwann in Indien ankamen.

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Wie gesagt, ich kam von der Fifa-WM, da gab es Top-Bedingungen. In Indien aber kamen wir in eine Unterkunft mit 32 Mädels, davon die Hälfte Nordkoreanerinnen und die andere Hälfte wir Deutschen. Wir haben uns zusammen drei Duschen und drei Toiletten geteilt. Die Betten standen knapp einen Meter auseinander, ein Moskitonetz sorgte für ein wenig Privatsphäre. … Und dann war da ein Rasen, auf dem wir spielen mussten, der sah so aus, als seien irgendwelche Reispflanzen grün angemalt worden. Ich weiß noch, dass eine Mitspielerin in Tränen ausgebrochen ist und nach Hause fliegen wollte. Ich meinte zu ihr: ‚Hey, es hilft nichts, Augen zu und durch.‘ … Am Ende haben die Umstände dazu geführt, dass wir eine tolle Gemeinschaft hatten. Das war tolles Miteinander. … Ich weiß noch, dass uns der Teamarzt (Dr. Christoph Holtherm, ihr spätere Ehemann – d. R.) jeden Abend zu sich bestellt hat und wir einen Schnaps trinken mussten, denn das Essen war nicht so gut. Drei Wochen waren wir insgesamt sind dort und sind Vize-Militärweltmeister geworden.“

… über ein verschwundenes Paar Schuhe

„Vor dem Turnier in Indien gab es von Adidas neue Schuhe. Es war das David-Beckham-Modell. Die rochen nicht so gut, wenn man sie benutzt hat. Es war kein Leder, sondern Plastik – und die hatten wirklich so einen ganz schlimmen Eigengeruch. … Die haben wir draußen hingestellt, also vor die Tür. Bis nach dem letzten Spiel standen sie da auch immer da. Ich konnte also immer mit ihnen spielen. Aber dann waren sie weg. Ich glaube, da läuft heute noch in Indien jemand mit den Schuhen herum.“

LaGa

Source: welt.de

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