In Listening Bars nach japanischem Vorbild läuft Jazz über High-End-Anlagen. Auch in Deutschland hat sich das Konzept etabliert. Neben Drinks und tollem Klang bieten manche Lokale sogar eine polyglotte Küche.
Von den Wänden grüßt das Oscar Peterson Trio. Das Julian „Cannonball“ Adderley Quartett. Und Duke Ellington. Aus den Boxen grüßen sie ebenfalls, und sie sind nicht allein: Über 1000 Alben warten darauf, von Bernd Kreis auf den Plattenteller gelegt zu werden.
Kreis ist Weinhändler und Sommelier, erwähnte Jazzgrößen hängen in seinem „High Fidelity“ an der Wand. Das „High Fidelity“ ist eine Weinbar. Ein Restaurant mit peruanischer Küche. Und: ein Listening Room. „Was hier stattfindet, vereint meine Leidenschaften“, erzählt der Inhaber. „Ich mag Musik und hatte schon immer ein Faible für hochwertige Wiedergabe. In einem früheren Weinladen ging es schon viel darum. Das wollte ich gerne in einem größeren Rahmen umsetzen.“ 2021, mitten in der Pandemie, fand Kreis den richtigen Ort in der Stuttgarter Altstadt, gab ihm ein neues Lichtkonzept und eine ordentliche Raumakustik.
Lokale wie das „High Fidelity“ haben ihre Wurzeln in der Geschichte der japanischen Jazz Kissas. Japan wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum zweitwichtigsten Absatzmarkt für Jazz nach den USA. Doch Schallplatten, vor allem importierte, waren teuer, und nicht jeder hatte eine Stereoanlage zu Hause. So dienten die Cafés als Orte der Zusammenkunft all derer, die auf Bebop und Hard Bop, später auch Free Jazz und Fusion standen.
Diese Läden waren nicht nur Cafés, sondern auch Orte, an denen man neue Musik entdeckte und diskutierte. Wobei das mit dem Diskutieren so eine Sache war: Die meisten Leute besuchten die Kissas, um konzentriert zuzuhören, denn die Betreiber legten extrem großen Wert auf die Klangqualität. Mit dem Aufkommen günstiger Stereoanlagen und dem Siegeszug der CD schlossen viele Jazz Kissas.
Mit dem Vinyl-Boom kam das Revival
Erst ab den frühen Nullerjahren begann sich wieder etwas zu regen. Zu großen Teilen lag das an der Vinyl-Renaissance, vielleicht auch an einer allgemeinen Retromanie. Die „Listening Bar“, die neue Inkarnation der Jazz Kissa, machte sich rasch auf den Weg um die Welt: Man findet sie heute nicht nur in Japan, sondern auch in Stuttgart und Berlin, in New York und Los Angeles, in Mailand und Barcelona. In manchen Lokalen herrscht ein hartes Regime, selbst kleine Gruppen von vier Besuchern sind dort nicht gerne gesehen, während andere zumindest am Wochenende zu ganz normalen Bars werden.
In einigen Etablissements herrscht strengstes Fotografierverbot, während andere sich große Mühe geben, möglichst instagramable zu sein. Immer steht der gemeinsame Musikgenuss im Mittelpunkt. Und manchmal gibt es, wie bei Kreis, auch passendes Essen. Das Restaurant sei zunächst nicht geplant gewesen, erinnert er sich. „Wir hatten vor, nur eine ganz einfache Küche anzubieten.“ Doch zu den Sánguches, den berühmten peruanischen Sandwiches, kamen bald ambitioniertere Gerichte hinzu.
Auch die musikalische Bandbreite hat sich verändert: Manche Betreiber hängen der reinen Jazz-Lehre an, andere blicken in Richtung Soul, Funk oder Elektronik. Was alle Listening Bars gemein haben, ist eine Anlage, die mindestens für sehr guten und im Idealfall für ganz hervorragenden Sound sorgt. Im „High Fidelity“, auch das ist nicht selten, war die Erste selbst gebaut. „Ich habe 2015 damit begonnen, mich ernsthaft mit den entsprechenden Geräten auseinanderzusetzen“, sagt Kreis.
Die Technik in seinem Lokal sei ein andauernder Prozess: „Hifi-Freaks sind selten lange zufrieden mit dem, was sie da stehen haben.“ So tauschte er unlängst die selbst konstruierten Boxen aus, denen manche Gäste eine „Sowjet-Ästhetik“ nachsagten. Die neuen stammen von Tonapparate, einer Manufaktur in Wolfsburg. Die seien, so sagt Kreis, optisch „eher dezent“. Seine Platten laufen aktuell auf einem umgebauten Lenco L75.
Wobei: Manchen Besuchern mögen derlei Details gar nicht auffallen. Kreis hat das „High Fidelity“ in zwei Bereiche aufgeteilt. In einem hört man die Musik eher im Hintergrund. Im anderen, dem sogenannten „Listening Room“, spielt sie eine größere Rolle. Die Plattensammlung von Bernd Kreis umfasst vor allem Jazz in den verschiedensten Spielarten. „Wir haben ein ganz gutes Repertoire, denke ich. Nur Swing, Dixieland oder Hot Jazz läuft hier nicht unbedingt. Und Free Jazz passt auch nicht so ganz zu uns.“
Wichtig und ebenfalls einer der Kerngedanken der Jazz Kissas: Die Platten gelten als zusammenhängende Kunstwerke und werden deshalb in voller Länge abgespielt, Seite für Seite. Man darf sich durchaus unterhalten, während sie laufen, mit einer Ausnahme: Jeden zweiten Dienstag lädt Kreis zu einer „Listening Experience“, bei der ein Experte eine Einführung zu einem Album oder einem Musikgenre gibt.
Was man im „High Fidelity“ nicht findet, ist ein Mischpult. Und da ist Bernd Kreis in bester Gesellschaft. Auch im Berliner „Rhinoçéros“ werden maximal die Drinks gemixt. Die tragen Namen wie „Long Story Short (for Peter Brötzmann)“, was darauf hindeutet, dass in dem kleinen Lokal im Prenzlauer Berg durchaus Platz für den bisweilen etwas fordernden Free Jazz ist.
Bénédict Berna eröffnete das Lokal gemeinsam mit seiner Frau vor acht Jahren. Der Franzose kam über die Samplekultur der 1990er-Jahre und DJs wie Gilles Peterson zum Jazz und fand Inspiration in Büchern wie Philip Arneills „Tokyo Jazz Joints“. „Ich dachte sofort: Das ist es. Vintage-Equipment. Hifi. Ein gutes Angebot an Whiskey. Und die Musik.“ Den Begriff der Listening Bar sieht er differenziert. „Wir haben uns nie so definiert. Es ist ein Trend, aber jeder Laden ist anders. Es geht nicht nur um tolle Speaker und ein paar Platten.“ Dass es sein Laden mit jeder tradierten Listening Bar aufnehmen kann, zeigt sein Musikequipment, das Fans aufhorchen lässt: der Micro-Seiki DQX-500-Plattenspieler und die Altec-Boxen wirken massiv, ein bisschen wie Porsche-Motoren in einem VW Käfer. „Das sind Kinolautsprecher, die für Säle mit bis zu 500 Sitzen konzipiert wurden“, erklärt Berna. „Die können richtig laut werden!“
Um Mitternacht wird „’Round Midnight“ aufgelegt
Nicht jeder versteht das Konzept. Beziehungsweise: Nicht jeder akzeptiert, dass im „Rhinoçéros“ die Dinge etwas lockerer gesehen werden. Da kann es schon mal sein, dass jemand bei Google einen Bewertungsstern hinterlässt, weil das Publikum scheinbar nicht diszipliniert genug für eine Listening Bar ist. Andere wiederum nervt, dass die Musik zu laut ist. „Du musst es auch nach acht Jahren immer noch erklären“, sagt Berna. Aber mittlerweile seien viele Besucher voll dabei. Freuen sich, dass Berna um Mitternacht gerne irgendeine Version von Thelonious Monks „’Round Midnight“ auflegt – oder über eines der Alben, die er am selben Tag im Berliner „Recordstore“ gekauft hat. Bestellen sich noch einen der Signature Drinks, weil eine der Jazz-Geheimwaffen sie im Laden hält: Hard Bop sei toll produzierte Pick-me-up-Musik, zu der die Leute gerne blieben, sagt Berna.
Auch das „Rhinoçéros“ lädt regelmäßig zur Listening Session: Einmal im Monat ist „No Room For Squares“. Dann werden die Lichter gedimmt, man bittet um Ruhe. Externe Lärmquellen, wie der Kühlschrank, werden ausgeschaltet. Und es läuft Musik, die die Grenzen dessen, was als Jazz gilt, auch mal ausreizen darf.
Was beide Orte in Stuttgart und Berlin verbindet: Auch Bernd Kreis musste sich sein Publikum ein Stück weit erziehen. „Unser Konzept ist sehr speziell. Und wir ziehen das konsequent durch. Wer im Listening Room sitzt, muss die Musik aushalten, die ich gut finde. Basta.“ Das habe sich aber rasch austariert. „Viele erleben zum ersten Mal so eine Art von Musikwiedergabe. Das fasziniert die dann, und sie lassen sich im Sweet Spot vorm Plattenspieler nieder.“
Ein gutes Glas Wein. Eines seiner peruanischen Gerichte – allein dafür lohnt sich der Besuch in Stuttgart. Dazu das Oscar Peterson Trio. Das Julian „Cannonball“ Adderley Quartett. Duke Ellington, oder was Kreis auch immer in den Sinn kommt.
Source: welt.de