UNRWA: „Wir koordinieren die Hilfe nicht mit Hamas“

Philippe Lazzarini ist der Chef des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA), dem wichtigsten Akteur für Hilfe in Gaza. Lazzarini war oft in Gaza – zuletzt allerdings vor über einem Jahr. Die israelischen Behörden verweigern ihm seither die Einreise. Seit Ende Januar 2025 gilt in Israel auch ein Betätigungsverbot für das Hilfswerk. Israel begründet das Verbot damit, dass die UNRWA mit der Terrororganisation Hamas kollaboriere. UNRWA weist das zurück. Im Laufe des Kriegs wurden durch israelische Angriffe 273 UNRWA-Mitarbeiter getötet.

ZEIT ONLINE: Seit Beginn der Waffenruhe erreicht deutlich mehr Hilfe die Menschen in Gaza. Doch es gibt Streit darüber, was und wie viel ankommt. Was berichten Ihre Mitarbeiter vor Ort über die Lage?

Philippe Lazzarini: Zuerst berichten sie von einer guten Nachricht: Der Hunger in Gaza ist gelindert, und die Hungersnot, vor der wir immer wieder warnen mussten, ist für den Moment abgewendet. Die Menschen erleben zum ersten Mal seit 16 Monaten Nächte ohne Bombardements. Gleichzeitig erleben sie einen Schock. Die Leute aus dem Norden konnten zum ersten Mal zu ihren Häusern zurückkehren, und nach allem, was unsere Mitarbeiter erzählen, sind sie über das Ausmaß der Zerstörung doch erschüttert. Es werden noch immer Tote aus den Trümmern geborgen. Der Knackpunkt im Streit um die Hilfen war Obdach. Die israelische Armee ließ anfangs Plastikplanen nach Gaza, aber keine Zelte und Bauteile. Diese Differenzen wurden inzwischen geklärt.

ZEIT ONLINE: In Israel gilt ein Betätigungsverbot für UNRWA. Weil Israel auch die Grenzen nach Gaza und ins Westjordanland kontrolliert, hat das Auswirkungen auf Hilfe dort. Wieso arbeiten Sie trotzdem?

Lazzarini: Die neuen Gesetze verbieten UNRWA die Arbeit in Israel und den israelischen Behörden den Kontakt mit UNRWA. Gaza und das Westjordanland aber zählen nach internationalem Recht nicht zu Israel. Die Gesetze unterbinden unsere Arbeit dort also nicht, sie erschweren sie nur. Internationale Mitarbeiter können nicht mehr im Feld tätig sein, in Gaza gibt es nur sehr wenige davon. Unsere lokalen Mitarbeiter arbeiten weiter, das sind über 13.000 in Gaza und 4.000 im Westjordanland.

ZEIT ONLINE: Wie gelangt die Hilfe über die Grenze?

Lazzarini: Die Hilfsgüter werden jetzt von anderen UN-Organisationen nach Gaza gebracht, zum Beispiel vom Welternährungsprogramm. Wenn sie angekommen sind, helfen unsere Mitarbeiter mit der Logistik und Verteilung. Aber der Kern unserer Arbeit in Gaza war immer ein anderer, der ist struktureller. Vor dem Krieg hat UNRWA die meisten Schulen und Gesundheitszentren in Gaza betrieben. Viele davon sind heute Notunterkünfte oder zerstört, aber die Belegschaft ist dort und hilft. Wir versuchen auch, den Schulbetrieb aufzunehmen.

Philippe Lazzarini

ZEIT ONLINE: Die Bilder von den Geiselübergaben in Gaza zeigen eine starke Präsenz der Hamas. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Lazzarini: Erst einmal sind das PR-Auftritte der Hamas. Die sollen nach Stärke aussehen und für Hamas werben, vor allem bei Palästinensern im Westjordanland. Von unseren Mitarbeitern wissen wir, dass im Alltag in Gaza solche Kämpfer sehr selten zu sehen sind. Neu ist, dass die Polizei wieder präsent ist. Es handelt sich dabei um die örtliche Polizei, nicht um Hamas. Viele davon werden weiterhin von der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah bezahlt. Unsere Arbeit hat das erleichtert. Es kommt seltener zu Plünderungen.

ZEIT ONLINE: Und doch sind Kämpfer präsent. Wie koordinieren Sie die Hilfe mit der Hamas?

Lazzarini: Wir koordinieren die Hilfe nicht mit der Hamas. Anspruch auf Hilfe, also auch auf den Besuch unserer Schulen, haben alle von UNRWA registrierten Flüchtlinge. Die Hamas hat da keinen Einfluss drauf und wir handeln nicht auf ihr Geheiß. Die Hamas hatte immer ein Problem mit UNRWA, zum Beispiel, weil an unseren Schulen Mädchen und Jungen zusammen unterrichtet werden. Die Vorwürfe, wir kooperierten mit der Hamas, gibt es seit Jahren. Dies ist eine politische Kampagne mit dem Ziel, UNRWA zu delegitimieren.

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