Mit Marie-Louise Eta trainiert erstmals eine Frau ein Männerteam der ersten Bundesliga. Und auch sonst tauchen immer mehr Frauen im Männerfußball auf: Der Gender-Kipppunkt kommt näher
Marie-Louise Eta ist neue Trainerin des 1. FC Union Berlin
Foto: Maja Hitij/Getty Images
Wer derzeit auf die Männer-Bundesliga schaut, muss sich fast ein wenig die Augen reiben. Unter den 18 Cheftrainer:innen finden sich in diesem traditionell weißen, männlichen Business zwei Trainer of Colour, Vincent Kompany und Daniel Thioune, einer davon mit großer Strahlkraft beim Branchenprimus – und neuerdings auch eine Frau: Union Berlins Trainerin Marie-Louise Eta. Zudem hat RB Leipzig seit Januar mit Tatjana Haenni als erster Bundesligaklub eine weibliche CEO.
Noch vor wenigen Jahren wäre all das kaum vorstellbar gewesen. Der Männerfußball diversifiziert sich, selbst in Positionen, die für Außenstehende lange unerreichbar schienen. Das ist eine gute Nachricht. Zugleich belegt der Wirbel um Marie-Louise Eta, die erste Cheftrainerin in einer großen Männer-Spitzenliga, wie weit der Weg besonders für Frauen noch ist.
Im Fußball sind es immer noch Männer, die entscheiden
Zahlreiche positive und wohlwollende Kommentare oder Berichte gab es in den vergangenen Tagen über Eta, ebenso wie den erwartbaren Hass in sozialen Medien. Auffällig aber ist, dass auch die unterstützenden Kommentare meist von Männern stammen. Sportjournalismus, Fanszenen und Fußballklubs bleiben männlich geprägt.
Männer verhandeln, wer dazugehört und wer nicht. Daran ändert sich noch nichts, wenn einzelne Frauen in diese Sphäre vorstoßen. Dennoch ist die Ernennung von Eta – die, anders als der Aufruhr suggeriert, nur für wenige Spiele coachen wird und nicht eine neue sportliche Ära begründet – Ausdruck einer langsamen Revolution.
Denn die gesellschaftliche Lebensrealität ist dem Fußball schrittweise auf den Pelz gerückt. Zunächst waren es einzelne Trainerinnen im mittleren Männerbereich: Imke Wübbenhorst 2018 beim BV Cloppenburg oder Inka Grings 2019 beim SV Straelen. Das Ausland war da teils weiter: Corinne Diacre trainierte ab 2014 den Zweitligisten Clermont Foot in Frankreich, Chan Yuen-ting gewann 2016 in Hongkong die Meisterschaft – als erste Frau bei einem Männer-Erstligisten.
In Deutschland ist mit Sabrina Wittmann beim FC Ingolstadt derzeit eine weitere Frau im Profibereich tätig. Dass irgendwann die nächste Grenze fällt und eine Trainerin in einer großen Spitzenliga übernimmt, war nur eine Frage der Zeit.
Frauen verlassen den Männerfußball meist schnell wieder
Jedoch fällt auf, dass kaum eine Frau es länger im Männerfußball aushält. Der Druck ist enorm, von misogyner wie wohlmeinender Seite. Und Klubs greifen im Zweifel lieber auf Männer zurück.
Trainerinnen wie Eta oder Wittmann mussten sich über klubeigene Nachwuchsteams hocharbeiten, während Männern oft ein großer Name oder gute Kontakte als zentrale Qualifikationen reichen. Frauen bleiben Anomalitäten. Auch auf die Mitarbeiter:innen im Männer-Amateurfußball hatten die Leuchttürme an der Spitze keinen nennenswerten Einfluss.
Ohnehin ist es nur begrenzt sinnvoll, möglichst viele Trainerinnen in den Männerfußball zu wünschen, denn einen Mangel gibt es auch im Fußball der Frauen. In der Frauen-Bundesliga werden Topteams wie Bayern, Wolfsburg und Frankfurt von Männern trainiert. International sah sich die FIFA gezwungen, mit einer Regel zu reagieren: Ab 2026 muss jedes Team bei Frauenwettbewerben mindestens eine Trainerin im Team haben. Zuvor gab es immer wieder Kritik an der männlichen Dominanz auf der Bank.
Gründe für den Mangel sind auch strukturell: Profilizenzen sind teuer, beim DFB etwa 19.000 Euro, und für viele ehemalige Spielerinnen schwer finanzierbar. Dazu kommen Familienarbeit, Care-Arbeit und die Tatsache, dass man auch im Frauenbereich eben lieber auf Männer setzt.
Der Kipppunkt kommt – auch im Fußball
Langsam wächst das Bewusstsein für diese Ausschlüsse. Anfang 2026 hatten sechs Frauen-Bundesligateams eine weibliche Cheftrainerin, so viele wie nie. Je mehr Frauen überall im Fußball Schlüsselpositionen erreichen, desto eher entstehen Kipppunkte, an denen sie andere Frauen fördern können und an vielen Stellen gleichzeitig Diversität wächst.
Männliche Fußballer erfahren neue Horizonte. Und vielleicht lässt sich so irgendwann ein letztes Tabu aufbrechen: Frauen und Männer gemeinsam auf dem Platz. Im Spitzenfußball ist Mixed, anders als in vielen Sportarten, bislang undenkbar. Fiele diese Grenze, hätte das enorme Wirkung.
Trotz dieser guten Nachrichten lohnt beim Jubel über Marie-Louise Eta ein wenig Zurückhaltung. Nicht nur wegen fortbestehender Hürden. Das problematische Business Profifußball wird durch Frauen, ähnlich wie Dax-Vorstände oder die Bundeswehr, nicht besser oder ethischer – nur diverser.
Allermindestens aber macht Marie-Louise Eta den Trainerinnenjob für viele Mädchen leuchtender. Bald dann wird sie dorthin zurückkehren, wo sie derzeit genauso gebraucht wird. Ab nächster Saison trainiert Eta die Frauen von Union Berlin. Auch Bundesliga. Nur werden dann nicht ganz so viele Menschen darauf schauen.