Zwar wird Ministerpräsident Viktor Orbán vor Ungarns Parlamentswahl am Sonntag vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump unterstützt, der dazu gerade seinen Stellvertreter J. D. Vance in Budapest auftreten ließ. Doch veröffentlichen amerikanische Medien derzeit fast täglich Details über die engen Bindungen Orbáns und seiner Fidesz-Regierung an Russland und nun auch an Iran, oft unter Berufung auf „westliche Geheimdienste“.
So die „Washington Post“, die am Mittwoch aus einem Gesprächsprotokoll zitierte, dem zufolge der ungarische Außenminister Péter Szijjártó Iran nach den israelischen Pagerangriffen auf die Hizbullah in Libanon im September 2024 seine Hilfe anbot.
Der israelische Geheimdienst Mossad hatte damals Tausende manipulierte Mobilfunkgeräte zur Explosion gebracht, welche die iranhörige Miliz verwendete. Zahlreiche ihrer Kader wurden getötet oder verletzt. Unmittelbar darauf startete das israelische Militär eine mehrwöchige Militäroperation, mit der es die Hizbullah empfindlich schwächte.
Ungarn sichert Iran Unterstützung zu
Der taiwanische Hersteller der Pager teilte damals mit, dass die Geräte von einer Firma in Ungarn in Lizenz gebaut worden seien, die offenbar mit dem Mossad in Zusammenhang stand. „Unser Geheimdienst hat bereits Kontakt zu Ihren Diensten aufgenommen, und wir werden Ihnen alle im Zuge der Ermittlungen gesammelten Informationen zukommen lassen“, sicherte Szijjártó der „Washington Post“ zufolge dem iranischen Außenminister Abbas Araghchi am 30. September 2024 telefonisch zu.
Besonders heikel ist diese Tangente nicht allein wegen der aktuellen Konfrontation Trumps mit Teheran, sondern auch, weil Orbán enge Beziehungen zu Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu pflegt, der ihm erst kürzlich seine Unterstützung im Wahlkampf zugesichert hat.
Doch besonders Russland, dessen Herrscher Wladimir Putin ein weiterer mächtiger Unterstützer Orbáns ist, steht im Fokus der Enthüllungen. Das Portal Politico berichtete am Mittwoch unter Berufung auf ein Moskauer Regierungsdokument über einen Zwölfpunkteplan für eine weitere russisch-ungarische Annäherung in Bereichen wie Energie, Bildung und Sport.
Regelmäßige Telefonate mit Moskau
Ein Zusammenschluss aus ungarischen und anderen europäischen Investigativjournalisten hat unter Berufung auf abgehörte Telefonate Szijjártós dessen informelle Kanäle nach Moskau aufgezeigt, insbesondere zu Außenminister Sergej Lawrow.
Diesem gegenüber zeigte sich Szijjártó demnach diensteifrig bis unterwürfig, so, als es darum ging, im Verein mit der Slowakei eine Schwester des russisch-usbekischen Geschäftsmanns Alischer Usmanow von der EU-Sanktionsliste zu bekommen, was gelang. Vor einigen Wochen berichtete auch die „Washington Post“ – auch schon unter Berufung auf westliche Geheimdienstquellen –, dass Szijjártó während EU-Ratsverhandlungen in Brüssel regelmäßig mit Lawrow telefoniert habe, um sich mit diesem über Ungarns Positionen innerhalb der EU abzustimmen.
Nachdem die Regierung in Budapest die Berichte zunächst als „Fake News“ abgetan hatte, bestätigte Szijjártó, der schon früher für seine guten Kontakte zum Kreml bekannt gewesen war, grundsätzlich, aus Brüssel mit Lawrow telefoniert zu haben. Gespräche gehörten zum Kern der Diplomatie, sagte er. Orbáns Regierung warf westlichen Geheimdiensten vor, sich durch gezielte Veröffentlichungen gemeinsam mit ungarischen Journalisten in den Wahlkampf einmischen zu wollen.
Hauptfeind sind die Europäer
In einem neuerlichen Paarlauf zwischen Budapest und Moskau äußerte sich so auch Putins Sprecher. „Viele Kräfte in Europa, viele Kräfte in Brüssel möchten nicht, dass Orbán aufs Neue die Wahlen gewinnt“, sagte Dmitrij Peskow am Mittwoch. Mit einem Willen, „Orbán zu schaden“, erklärte der Sprecher dann aber keine europäische, sondern eine amerikanische Veröffentlichung:
Die New Yorker Nachrichtenagentur Bloomberg hatte das Transkript eines Telefonats publiziert, das Putin am 17. Oktober 2025 mit Orbán geführt hatte. Doch im Zuge der Annäherung zwischen Putin und Trump haben die europäischen Unterstützer der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg den Platz der USA als Kreml-Hauptfeindbild eingenommen, daran hält sich Peskow.
Laut Bloomberg handelt es sich um ein ungarisches Regierungstranskript; eine Quelle wurde nicht genannt, wie schon bei den Veröffentlichungen, die im Herbst den russischen Einfluss auf Trumps 28-Punkte-Plan zum Ukrainekrieg zeigten. Orbán rief Putin an, um über Trumps – später fallen gelassenen – Vorstoß zu sprechen, den russischen Herrscher in Budapest zu treffen. „Auf jedem Gebiet, auf dem ich eine Hilfe sein kann, bin ich dir zu Diensten“, sagt Orbán dem Transkript zufolge zu „Wladimir“ und verweist auf eine „Geschichte in unseren ungarischen Bilderbüchern, wo eine Maus einem Löwen hilft“.
Putin lobt Orbán
Gemeint ist wohl Aesops Fabel, in der eine Maus über einen Löwen läuft, der sie packt, aber verschont, und in der die Maus später dem Löwen hilft, indem sie die Seile eines Jägernetzes zerbeißt, in dem sich der Löwe verfangen hat. Putin bedankt sich und sagt, er schätze die Beziehung zu Orbán sehr. Dieser erwidert, je mehr Freunde man habe, desto mehr Möglichkeiten habe man, „unseren Gegnern Widerstand zu leisten“.
Putin lobt Orbáns „unabhängige und flexible Haltung zur ukrainischen Krise“ sowie Trumps „überraschende Fähigkeit“, mit Krisen umzugehen, „und ich hoffe, dass auch für den Ukraine-Russland-Konflikt eine befriedigende Lösung gefunden wird“.
Auch Orbán preist Trump, dessen „Geschäftsstil, fast wie ein Wirbelsturm, Ergebnisse bringt“. Orbán sagt, er stehe zu Putins Verfügung, „wann immer du mich brauchst“, bedankt sich auf Russisch dafür, dass Putin den Kontakt halten will.
Dessen Sprecher sagte, man gehe nicht davon aus, dass solche Veröffentlichungen Orbán schaden könnten. Darin sei „nichts enthalten, was Russland und Ungarn entzweien könnte“. Vielmehr erscheine Orbán in „einer sehr pragmatischen und effektiven Perspektive“.
Denn der Kreml wirbt nicht allein informell über Social-Media-Kanäle, sondern ganz offen für Orbán, der den meisten Umfragen zufolge deutlich hinter seinem Herausforderer Péter Magyar liegt. Orbán sei, so Peskow, ein „sehr effektiver Staatschef“, der allein Ungarns Interessen verteidige. „Der veröffentlichte Artikel zeigt dies. Ich würde ihn sogar als Material zur Unterstützung Orbáns auffassen.“
Source: faz.net