Ministerpräsident Orban könnte sein Amt verlieren. In den USA besorgt das Trump und seine MAGA-Anhänger: Der „illiberale Demokrat“ aus Ungarn ist ihr Vorbild. Was würde eine Niederlage bedeuten?
Budapest am vergangenen Dienstag: Einige tausend Menschen füllen eine Halle, Anhänger der Regierungspartei Fidesz. Ministerpräsident Viktor Orban und US-Vizepräsident JD Vance sind da. Offiziell ist es eine Veranstaltung zum „Tag der ungarisch-amerikanischen Freundschaft“, in Wirklichkeit geht es um Wahlkampf.
In seiner Rede wettert Vance immer wieder gegen eine angebliche Einmischung der Europäischen Union, damit der Urnengang am Sonntag zugunsten der ungarischen Opposition ausgeht: „Was in diesem Land passiert, ist eines der schlimmsten Beispiele für ausländische Einmischung in eine Wahl, die ich je gesehen habe. Die Bürokraten in Brüssel haben versucht, Ungarns Wirtschaft zu zerstören.“ Und all das nur, so Vance, weil diese Bürokraten Orban hassten.
Dann schaltet der Vizepräsident um und mischt sich selbst ein. Mehrmals ruft er die Anwesenden dazu auf, ihre Stimme Orban zu geben. Zum Schluss seiner Rede holt er weit aus:
Werdet ihr euch gegen die Bürokraten in Brüssel stellen? Werdet ihr euch für Souveränität und Demokratie einsetzen? Werdet ihr euch für die westliche Zivilisation einsetzen? Werdet ihr euch für Freiheit, für Wahrheit und für den Gott unserer Väter einsetzen? Dann, meine Freunde, geht am Wochenende zur Wahl und steht hinter Viktor Orban!
Nervosität in Washington
Unter den Vorgängern Donald Trumps im Amt des Präsidenten, Joe Biden und Barack Obama, hielt sich das Weiße Haus stets zurück und verzichtete darauf, mitzuteilen, wen man sich als Sieger einer Wahl in einem Partnerland wünsche. Unter Trump ist das normal geworden. So kurz vor dem Wahltag Vance nach Ungarn zu schicken, zeigt: Die US-Regierung sorgt sich um Orbans Wiederwahl.
Das Weiße Haus beobachte die Wahl genau, sagt Donatienne Ruy vom Center for Strategic & International Studies, einer Denkfabrik in Washington. Denn die Regierung sehe die gegenwärtige ungarische Regierung als beispielhaft für die nationalistische, konservative Politik, die man überall in Europa umgesetzt haben möchte.
MAGA und Fidesz haben viel gemeinsam
Trumps MAGA-Bewegung und Orbans Partei Fidesz sind ideologisch eng verwandt. Beide lehnen überstaatliche Institutionen wie die EU ab, wollen Einwanderung so weit wie möglich begrenzen und vertreten einen christlichen Nationalismus.
Wie Orban zeigt auch Trump Verachtung für liberale Ideen und tut sie als „woke“ ab. Wie Orban greift auch Trump Medien, Universitäten und Nicht-Regierungsorganisationen an. Wie Orban hält auch Trump wenig von der Unabhängigkeit der Justiz.
Aus Sicht von Steve Bannon, einst Trumps Chefstratege und nun einflussreicher MAGA-Publizist, hat der ungarische Regierungschef eine große Strahlkraft. Dem Magazin Politico sagte Bannon kürzlich: „Orban ist für die nationalistischen Bewegungen im Westen ein Held, weil er das Übel des Globalismus entlarvt und dann handelt, um es zu bekämpfen. Das ist der Grund, warum sein Wahlkampf so entscheidend ist.“
Rechtes Rolemodel Orban
Im Laufe der vergangenen Jahre kamen amerikanische Politiker, Aktivisten und Intellektuelle von rechts und rechtsaußen immer wieder in Ungarn zusammen. Auf Treffen der Conservative Political Action Conference (CPAC) studierten sie Orbans Leitfaden. Sie lernten, wie der Politiker es schaffte, Ungarn zu dem zu machen, was er stolz eine „illiberale Demokratie“ nennt – und nahmen es sich zum Vorbild. Beim letzten CPAC-Treffen in Ungarn im März war auch AfD-Chefin Alice Weidel dabei.
Einige Politikwissenschaftler in den USA meinen, dass Trump beim strukturellen Umbau des Regierungssystems bereits erschreckend viel erreicht habe. In Amerika seien bürgerliche Freiheiten und die Demokratie schon viel schneller abgebaut worden als unter Orban in Ungarn. Bei einer Umfrage der Organisation „Bright Line Watch“ gaben im März mehr als 500 US-Wissenschaftler an, das politische System in den USA liege ihrer Meinung nach jetzt ziemlich genau in der Mitte zwischen einer liberalen Demokratie und einer Diktatur.
USA auf dem Weg in den Autoritarismus
Die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Lucan Way vertreten die Ansicht, dass Trumps zweite Amtszeit die USA in einen „kompetitiven Autoritarismus“ oder „Wettbewerbsautoritarismus“ schiebt. Dabei werde die Justiz als Waffe gegen politische Gegner benutzt und das Beamtentum politisiert. Zwar gebe es noch Wahlen, aber diese fänden unter so unfairen Bedingungen statt, dass es für die Opposition kaum noch möglich sei, zu gewinnen und einen Machtwechsel herbeizuführen.
Zusammen mit ihrem Kollegen Daniel Ziblatt schrieben Levitsky und Way im Dezember 2025 im Magazin Foreign Affairs, in dem System manipulierten die Amtsinhaber die Spielregeln zu Ungunsten der Opposition. In Ungarn ist das unter Orban zweifellos bereits passiert. Sollte die drei Wissenschaftler Recht haben, gleiten nun auch die USA in solch ein System ab.
Aus Sicht der Politologin Ruy fasziniert es die Anhänger der MAGA-Bewegung, wie es Orban gelang, seine Macht über Jahre zu festigen: „Seit 16 Jahren ist er Regierungschef, vorher war er vier Jahre nicht an der Macht – davor war er das erste Mal Ministerpräsident. Dass jemand die Politik so dominiert, ist für MAGA attraktiv.“
Orbans drohende Niederlage wäre auch eine für MAGA
Doch nach 16 Jahren Orban ist der Lebensstandard der Ungarn so niedrig wie in kaum einem anderen EU-Land. Und die Korruption grassiert. Das könnte die Wahl am Sonntag entscheiden.
Eine Niederlage für Orban wäre auch eine Niederlage für MAGA, argumentiert Ruy. Schließlich war er ein wichtiges Vorbild und derjenige, der das umsetzte, wovon MAGA zunächst nur träumen konnte. Sollte der Ministerpräsident nun scheitern, würde dies das Vertrauen in das „Modell Orban“ erheblich erschüttern, so Ruy.
Source: tagesschau.de