Nachdem der Kassensturz im Volkswagen-Konzern zum Jahresende besser ausgefallen ist als erwartet, wachsen an verschiedenen Stellen die Begehrlichkeiten. Wie der einflussreiche Konzernbetriebsrat am Dienstagabend in einer Extra-Ausgabe seiner internen Publikation „Mitbestimmen“ mitgeteilt hat, verlangen die Arbeitnehmervertreter, dass nicht nur die Manager, sondern auch die Beschäftigten vom unerwartet hohen Barmittelzufluss profitieren.
Vom Unternehmen hieß es am Mittwoch, man habe die Forderung des Betriebsrats erhalten. „Wie gewohnt“ diskutiere das Unternehmen solche Themen erst intern. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns bis dahin nicht weiter dazu äußern.“
Warmer Regen für die VW-Führung
Auslöser für die Diskussionen war eine Pflichtmitteilung, mit der VW Ende Januar den Kapitalmarkt überrascht hatte. Auf Basis vorläufiger Zahlen habe sich für das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 eine „positive Abweichung“ von den bis dahin geltenden Finanzplänen ergeben, teilte der Konzern darin mit. Im Fokus stand unter anderem der Netto-Cashflow, eine zentrale Kennziffer für die Finanzkraft des Unternehmens. Statt – wie zuletzt intern und extern erwartet – nahe Null soll der Mittelzufluss nun rund sechs Milliarden Euro betragen. Den detaillierten Jahresabschluss will VW im März vorstellen.
Der überraschende Geldzufluss sorgt in Wolfsburg für Unruhe. Denn er wirkt sich auf die Vergütung des Topmanagements aus. Nach den bisherigen Planannahmen war eigentlich davon auszugehen, dass für das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 kein Jahresbonus fließt, eine variable Komponente der Managergehälter. Mit dem nun gemeldeten höheren Mittelzufluss können sich die Führungskräfte wohl doch über eine Auszahlung freuen. Das löst Irritationen aus – auch weil VW weiter in der Krise steckt und die Fachabteilungen um Finanzvorstand Arno Antlitz unverändert auf strikte Kostenprogramme pochen.
„Wir teilen die Kritik an der bisherigen Informationspolitik des Konzerns zu den sechs Milliarden Euro Netto-Cashflow“, hatten die Arbeitnehmervertreter um Cavallo Anfang der Woche wissen lassen. Am Dienstagabend legten sie dann mit der eigenen Forderung nach einer Prämie für die Beschäftigten nach.
Die Betriebsratschefin und ihre Gewerkschaft IG Metall stecken mitten im Wahlkampf für die bevorstehenden Betriebsratswahlen. Konkurrierende Gruppen in der Belegschaft setzen die IG Metall unter Druck und fordern von ihr schon länger eine härtere Gangart gegenüber dem VW-Management und einen stärkeren Einsatz für Belegschaftsinteressen. Zu den prominentesten Widersachern Cavallos gehört Frank Patta, einst ranghoher Funktionär der IG Metall, der seit einigen Jahren auf eigene Faust unterwegs ist und jetzt mit einer eigenen Liste gegen seine frühere Gewerkschaft antritt.
Betriebsversammlung im März
Die Belegschaft wiederum ist durch den harten Kampf um Einsparungen der vergangenen Monate und Jahre verunsichert. Sie soll viele Einschnitte hinnehmen. Ein Beispiel dafür ist die Mai-Zahlung, eine variable Ausschüttung an die Beschäftigten, die in diesem und dem kommenden Jahr laut früheren Vereinbarungen ausgesetzt wird. Cavallo will mit dem neuen „Anerkennungsprämie“ nun ganz offensichtlich zumindest ein Stück weit Ersatz schaffen und damit ihren Rückhalt in der Belegschaft wieder stärken.
Ob es gelinge, eine solche Zahlung für den Mai durchzusetzen, und wenn ja, in welcher Höhe, darüber „verhandeln Team Cavallo und Vorstand nun“, heißt es in der internen Publikation des Betriebsrats. Einen „Wasserstand“ könne die Betriebsversammlung in Wolfsburg Anfang März bringen.
Finanzvorstand Antlitz hatte schon vor einigen Tagen in internen Erklärungen versucht, die überraschende Pflichtmitteilung an den Kapitalmarkt einzuordnen. VW habe an den Entwicklungskosten, den Investitionen und an seinen Lagerbeständen gearbeitet, erklärte er dort. Die Dimension der Verbesserung, die VW dadurch erreicht habe, sei in der Tat überraschend gewesen. Sie zeige, welches Potential der Konzern heben könne, wenn er „bereichsübergreifend zielgerichtet an Verbesserungen“ arbeite.
Aus dem Umfeld des Finanzvorstands heißt es, mögliche Managerboni hätten bei den Bemühungen keine Rolle gespielt. Im Blick habe vielmehr die Stabilisierung der Bonität gestanden. Eine Herabstufung durch Rating-Agenturen gilt im Konzern schon länger als Risiko, weil sie die Finanzierung deutlich verteuern würde. Ein höherer Cashflow, so heißt es, verringere die Gefahr.