Umgang mit China: Europa im Spiegel Pekings

In Brüssel ist „strategische Autonomie“ zur Leitformel europäischer Selbstbehauptung geworden. Russlands Krieg gegen die Ukraine hat Europas Abhängigkeit von der amerikanischen Sicherheitsgarantie neu offengelegt. Der Blick in die andere Richtung zeigt zugleich die Verwundbarkeit gegenüber chinesischen Lieferketten, Technologien und industriellen Überkapazitäten. Europa ringt um Selbstbestimmung – und damit um die Frage, was „Autonomie“ politisch tatsächlich bedeutet.

Bemerkenswert daran: Prägnante Deutungen dieser europäischen Zukunftsfrage werden längst auch außerhalb Europas verhandelt – und nicht selten ohne europäische Stimme. In der chinesischen Online-Zeitung „The Paper“ diskutieren führende chinesische Europa-Fachleute – ausdrücklich als Replik auf ein Symposium der Brookings Institution in Washington – Europas Rolle im Kontext der sino-amerikanischen Rivalität. Zwei Gespräche, geführt ohne europäische Beteiligung, halten Europa zwei Spiegel vor. Der chinesische ist dabei besonders aufschlussreich, weil er Autonomie nicht als europäische Tugend behandelt, sondern als strategische Variable.

Im Pekinger Spiegel zeigt Europa zwei Gesichter. Einerseits erscheint es als unverzichtbarer Markt, technologischer Akteur und Partner in der globalen Ordnungspolitik – als potenzieller Pol einer multipolaren Ordnung, der sich nicht in amerikanische Blocklogik einspannen lassen solle. Andererseits gilt Europa als ängstlicher, innerlich gespaltener Akteur, der viel von Autonomie spreche, sie aber nicht praktiziere. Diese Ambivalenz ist keine bloße Beobachtung, sondern eine Erzählung mit Zweck: Europas Spielräume werden anerkannt – jedoch nur, um sie in eine chinesische Ordnungsvorstellung einzupassen.

De-Risking und „verdeckte Entkopplung“

Die Erwartungen folgen dem vertrauten Vokabular chinesischer Diplomatie: „pragmatische Kooperation und rationale Koexistenz“, „strategische Autonomie“, „neuer Typ von Großmachtbeziehungen“. Übersetzt heißt das: Europa solle wirtschaftliche Verflechtung „entpolitisieren“. Investitionskontrollen, Exportauflagen und De-Risking erscheinen dann als überzogene Sicherheitslogik – vorzugsweise als Echo amerikanischen Drucks. Zugleich wird Europa als Partner in globaler Ordnungspolitik umworben, sofern es De-Risking nicht zur „verdeckten Entkopplung“ macht. Europa möge zudem seine Autonomie gegenüber Washington stärken: Sicherheitsabhängigkeiten abbauen, bei Sanktionen, Technologiefragen und Taiwan ein eigenes Urteil bewahren – und Chinas „Kerninteressen“ nicht nur rhetorisch, sondern politisch respektieren.

Entscheidender als diese Wunschliste ist die Diagnose, die sie begleitet. Europas härtere China-Linie erscheint aus Pekinger Sicht weniger als Reaktion auf chinesisches Verhalten denn als Symptom europäischer Schwäche. Immer wieder ist von „tiefer Angst“ und „strategischer Verwirrung“ die Rede: Sicherheitsabhängigkeit, ökonomische Stagnation, gesellschaftliche Polarisierung, Identitätskrisen – ein Europa im Abstieg. Wettbewerb werde zur Existenzfrage überhöht. Werte- und Systemdebatten wirken in dieser Lesart nicht wie Selbstklärung, sondern wie eine kognitive Falle. Was Europa als kritische Reflexion versteht, liest man in Peking als Zeichen politischer Formbarkeit – und als Argument, warum der Kontinent sich aus der „Umarmung“ Washingtons lösen sollte.

Hier liegt die strategische Pointe. Europa wird zur Schlüsselvariable erklärt: Es müsse mitentscheiden, ob die Weltordnung in Blöcke fragmentiert oder multipolar gestaltet werde. Das klingt nach Interesse an einem stärkeren Europa. Gemeint ist jedoch häufig etwas anderes: die Hoffnung auf ein Europa, das die transatlantische Bindung lockert, sich der Logik der Blockbildung verweigert – und wirtschaftliche Abhängigkeiten von China als Stabilitätsressource akzeptiert.

Ein gleichberechtigter „dritter Pol“?

Der amerikanische Blick fällt nüchterner aus. In Washington gilt Europa als begrenzter, aber (noch) unverzichtbarer Bündnispartner. Strategische Autonomie bedeutet dort Bündnisfähigkeit: mehr europäische Fähigkeit, das eigene Umfeld zu sichern, Russland abzuschrecken, die Ukraine zu stützen – und mehr wirtschaftliche Resilienz, damit gemeinsames Handeln gegenüber China im Krisenfall überhaupt möglich bleibt. Gemeint ist eine Autonomie, die das Bündnis stärkt. Und nicht eine, die sich ihm entzieht.

Dass Washington und Peking gleichermaßen nach einem „autonomeren“ Europa rufen, ist deshalb kein Widerspruch, sondern ein Hinweis auf die umkämpfte Deutung des Begriffs. Für die USA erhöht Autonomie die Tragfähigkeit westlicher Koordination; für China verspricht sie, diese Front aufzuweichen. Damit verschiebt sich die Debatte: weniger die Frage, ob Europa autonom sein will – sondern wessen Autonomie es in der Praxis mitträgt. Strategische Autonomie droht zum Projekt über Europa zu werden, nicht zum europäischen Projekt.

Was sollten wir – als Europäerinnen und Europäer, die sich weder in moralische Pose noch in strategische Bequemlichkeit flüchten können – aus diesen Spiegelbildern mitnehmen? Zunächst begriffliche Nüchternheit: Von einem gleichabständigen „dritten Pol“ kann auf absehbare Zeit kaum die Rede sein. Sicherheitspolitisch bleibt Europa auf die USA angewiesen; ökonomisch ist es tief mit China verflochten und zugleich verwundbar; politisch und gesellschaftlich liegt es – trotz aller Spannungen – strukturell näher an Washington als an Peking. Gerade deshalb entscheidet sich Autonomie nicht an Etiketten, sondern an Praxis.

Diese Praxis beginnt bei Fähigkeiten. Europa muss seine Verteidigungsfähigkeit im NATO-Rahmen so stärken, dass ein partiell abgelenkter oder innenpolitisch wechselhafter Partner in Washington nicht automatisch zur europäischen Sicherheitskrise wird. Sie setzt sich fort in einem europäischen De-Risking, das Abhängigkeiten kartiert und reduziert, kritische Technologien schützt und Diversifizierung organisiert – nach eigener Risikoanalyse, nicht als reflexhafte Übersetzung fremder Vorgaben und nicht als Chiffre für Abschottung. Und sie verlangt Kohärenz: eine China-Politik, die Interessen und Werte zugleich vertreten kann – ohne moralische Selbstüberhebung, aber auch ohne jenen Pragmatismus, in dem am Ende die Normen anderer gelten.

Chinesische Strategen betonen gern, Europas Schicksal liege in Europas Händen. Man kann das als Schmeichelei lesen. Für uns ist es vor allem ein Prüfstein: Autonomie entsteht nicht im Spiegel fremder Erwartungen, sondern dort, wo Europa bereit ist, sie in konkrete, auch unpopuläre Entscheidungen zu übersetzen – in Fähigkeiten, Resilienz und eine politisch tragfähige Erzählung von Handlungsfähigkeit.

Alles andere wäre strategische Autonomie bloß im Futur: ein Konzept für Podien, kein Maßstab für Entscheidungen.

Stefan Messingschlager forscht als Historiker und Politikwissenschaftler an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg zur Geschichte und Gegenwart des sino-westlichen Verhältnisses.

Arthur Tarnowski leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Peking. Zuvor verantwortete er das China-Programm der Stiftung Mercator und leitete dort das Senior Fellowship Programm.

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