Ulrich Greiner 80: Leidenschaftlich nüchtern

Als die neu gegründete Hofmannsthal-Gesellschaft im September 1968 in Frankfurt zu ihrer ersten Tagung zusammentraf, war Ulrich Greiner zugegen: im zarten Alter von 23 Jahren und als Berichterstatter der F.A.Z., deren Literaturteil damals von Karl Heinz Bohrer geleitet wurde. Greiner monierte die plüschgeladene Klubatmosphäre der Ver­anstaltung, vermisste nüchterne Wissenschaftlichkeit und warnte vor allzu großer Adorationsbereitschaft unter den etwa 140 Teilnehmern, die er aufrief, den Anschein eines esoterischen Freundeskreises zu vermeiden, der, anstatt „kritische Auseinandersetzung zu üben, in Verehrung und Kult verfällt“. Dass im Eröffnungsbeitrag etwa vom „Geheimnis dichterischer Botschaft“ die Rede war, wollte ihm nicht behagen. Literatur und die Auseinandersetzung mit ihr hat Greiner schon damals nicht als Arkanwissenschaft verstanden wissen wollen. Nüchternheit hieß sein Gebot.

Ein knappes halbes Jahrhundert später eröffnet er einen seiner zahlreichen Beiträge zur Frankfurter Anthologie mit der Frage, weshalb überhaupt Gedichte gelesen würden, und gibt selbst die Antwort: „Weil die Begegnung mit einem Gedicht zu einem Augenblick des Glücks werden kann. Und das Gedicht ist ebenso unendlich wie die Chance des Glücks.“ Das klingt fast schon schwärmerisch. Leidenschaft heißt nun sein Gebot.

Späte Heimatlosigkeit

Ein Widerspruch? Nein, denn Ulrich Greiner gehört zu jenen glücklichen Literaturkritikern, denen auch nach vielen Berufsjahren über der Liebe zur Kritik die Liebe zur Literatur nie abhandengekommen ist. Begeisterungsfähig zu bleiben, ist ein Geschenk, das sich der Kritiker verdient, indem er die Ursachen der eigenen Begeisterung erforscht und offenlegt. Mit anderen, mit Ulrich Greiners Worten: „Dem Leser fällt das Glück nicht in den Schoß“.

Zwei Jahre nach seinem Artikel über die Hofmannsthal-Gesellschaft tritt Greiner der Feuilletonredaktion der F.A.Z. bei. Ein Jahr bevor er sie wieder verlässt, um zur „Zeit“ nach Hamburg zu wechseln, wo er zunächst das Feuilleton und danach das Literaturressort leiten sollte, schlägt der Kritiker sich für eine Reportage in der Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ eine Nacht im „Dorian Gray“ um die Ohren, damals eine der größten Diskotheken des Landes. Was ihn interessiert, ist nicht die Musik, sondern eine Soziologie des Publikums, eine Milieustudie. Die Diskothek erscheint ihm als Maschine zur kollektiven Rauscherzeugung, obwohl ein Kollektiv hier nicht existiert: „Narziß im Disco-Donner“ lautete die Überschrift des 1979 erschienenen Artikels, der die Diskothek als dröhnende Spielwiese definiert, auf der die Angestelltenkultur den kontrollierten Exzess einübt: „demokratisch wie ein Supermarkt, jene Freiheit ohne Folgen, wie sie Anpassung bestenfalls erreicht“.

An der Suche nach Phänomenen, an denen sich der Zustand der Gesellschaft ablesen und ihr Wandel illustrieren lässt, hat Greiner stets festgehalten. Noch vor seinen Büchern zur Literatur, darunter ein „Leseverführer“ (2005) und ein „Lyrikverführer“ (2009), publiziert er kulturkritische Glossen und Essays unter dem Titel „Der Stand der Dinge“ (1987). Im Jahr 2014 folgt „Schamverlust – Vom Wandel der Gefühlskultur“ und 2022 der Band „Dienstboten – Von den Butlern bis zu den Engeln“. Doch zwischen diesen Büchern liegt eine Zäsur: Mit „Heimatlos – Bekenntnisse eines Konservativen“ vollzieht Greiner 2017 öffentlich den Bruch mit den Positionen des linken oder sozialliberalen Intellektuellen, die er sein Leben lang vertreten hatte.

Die Anlässe sind vielfältig und reichen vom „Anpassungsmoralismus“, den er in vielen Leitmedien am Werk sieht, über eine vermeintlich verfehlte Migrationspolitik seit dem Jahr 2015 bis zu einer Marginalisierung und Ausgrenzung konservativer Positionen im öffentlichen Diskurs. Streitbar war Ulrich Greiner immer schon, zu Widersprüchen bereit und dazu, sie auszuhalten. Am heutigen Freitag wird er achtzig Jahre alt.

Source: faz.net