Ukrainische Kinder unter russischer Besatzung: Umerzogen und militarisiert

Stand: 17.02.2026 11:25 Uhr

Russische Sprache, russische Schule, russisches Militär: So sieht die Realität ukrainischer Kinder unter russischer Besatzung aus. Eltern, die sich dem verweigern, droht der Entzug des Sorgerechts. Ihnen bleibt oft nur die Flucht.

Olena sitzt am wackeligen Wohnzimmertisch ihrer Tante in einem kleinen Dorf im Westen der Ukraine. Mit glänzenden Augen beugt sich die Zehnjährige über ihr russisches Schulheft. Das und einige andere Unterlagen hatte ihre Mutter Iryna bei der Flucht aus dem von Russland besetzten Süden der Ukraine mitgenommen.

„Wir haben Lieder über die Russische Föderation gesungen. Wie gut Russland ist, das beste Land der Welt“, erzählt das Mädchen. „Und, dass Russland alle Städte von der ukrainischen Besatzung befreien wird.“

Olena und Iryna heißen eigentlich anders. Um sie zu schützen, wurden ihre Namen geändert. Drei Jahre lang hat Iryna mit ihren beiden Kindern unter russischer Besatzung gelebt. In dieser Zeit wollte sie weder einen russischen Pass annehmen, noch ihre Kinder in eine russische Schule schicken.

„Die Russen haben sofort gefragt: Warum sind die Kinder nicht in der Schule?“, erinnert sie sich. Darauf habe sie geantwortet, dass sie keinen Pass habe. „Und sofort kam die Frage: Warum habt ihr keinen Pass? Es ist doch kein Problem, einen Pass zu besorgen. Wenn ihr euch keinen russischen Pass besorgt, werden die Kinder im September nicht zur Schule gehen. Sie wollten mir die Kinder wegnehmen und in Russland in ein Internat schicken.“ Das sei keine Warnung mehr gewesen, berichtet die Mutter. „Sie waren schon vier Mal bei uns gewesen. Die Kinder wussten, dass sie sich verstecken müssen.“

Systematisch russifiziert

In Kiew versucht die Organisation „Save Ukraine“ ihren Landsleuten unter russischer Besatzung zu helfen. Mitarbeiterin Anastasia Kartaschewa weiß: Die Erlebnisse von Iryna und ihren Kindern sind kein Einzelfall. In den besetzten Gebieten würden ukrainische Zivilisten systematisch russifiziert. Dabei würden die Besatzungsbehörden unterschiedliche Instrumente einsetzen, berichtet Kartaschewa.

Zum einen Druck auf die Eltern. Und Erpressung. Sie versuchen, die Menschen zu zwingen, russische Pässe anzunehmen. Das ist ein Mittel, um Einfluss auszuüben. Sie drohen damit, andernfalls die Kinder wegzunehmen.

Mutter Iryna versuchte sich dagegen zu wehren. Doch die Angst, das Sorgerecht für ihre eigenen Kinder zu, verlieren war zu groß. Sie beantragte einen russischen Pass, musste den Treueeid auf die russische Föderation schwören, ihre Kinder in eine russische Schule schicken.

Erst Zusammenarbeit, dann Ultimatum

Im westukrainischen Urlaubsort Truskawetz knüpft Lessja in ihrer Freizeit Tarnnetze für die ukrainische Armee. Auch Lessja heißt eigentlich anders. Die Lehrerin unterrichtet ihre Klasse heute nur noch online. Manche ihrer Schülerinnen und Schüler leben bis heute im besetzten Melitopol im Süden der Ukraine – so wie sie früher. Die Kinder lernen heimlich bei Lessja, um mit einem ukrainischen Abschluss nachher bessere Chancen an internationalen Universitäten zu haben.

Zunächst hätten die Russen den Ukrainern die Zusammenarbeit angeboten, erzählt Lessja. „Wir haben gefragt: Was, wenn wir nicht mitmachen? Wenn wir nicht nach euren russischen Lehrplänen arbeiten wollen? Daraufhin meinten sie: Vielleicht verkauft ihr besser eure Wohnungen und zieht weg.“ Als die Russen zum dritten Mal in die Schule kamen, hätten sie ein Ultimatum gestellt: „Ihr habt 24 Stunden, um von hier zu verschwinden.“

Lessja floh. Sie versteht, dass die Schulen für die russischen Besatzer ein zentrales Propagandamittel sind. Die russischen Soldaten seien sogar mit frisch gedruckten Schulbüchern in Melitopol eingerückt, erinnert sich die Lehrerin. Der Krieg gegen die Ukraine wird seither auch in den Schulen geführt.

Was es bedeutet, an einer russischen Schule zu lernen, beschreibt sie folgendermaßen:

Jeden Tag die russische Hymne. Briefe an Soldaten schreiben. Jeden Tag irgendwelche Putin-Stunden. Es ist die Rückkehr dieser ganzen sowjetischen Strukturen: Pionierorganisationen, ‚Der Tag des Sieges‘ und so weiter. 2022 wollten sie in den besetzten Gebieten vor allem die Schulen ganz schnell wieder öffnen.

Rekruten für die russische Armee?

In den besetzten Schulen verschwindet alles Ukrainische: Sprache, Literatur und Geschichte werden ersetzt durch russische Sprache, russische Literatur und russische Geschichtsfälschung. Soldaten besuchen den Unterricht, dutzende Jugendorganisationen werden gegründet und an die Schulen angeschlossen.

Sie alle hätten zum Ziel, eine dem russischen Regime gegenüber treue Jugend zu erziehen, sagt Olesija Bida, Journalistin bei der Online-Zeitung Kyiv Independent. „Es werden enorme Ressourcen aufgewendet, diese Kinder zu brechen. Sie werden in Camps geschickt, wo sie sich in einem völlig anderen Umfeld befinden, in dem alles darauf ausgerichtet ist, sie zu verändern.“

Experten warnen: Umerzogene ukrainische Kinder könnten die zukünftigen Rekruten der russischen Armee werden. Nach Schätzungen des ukrainischen Bildungsministerium leben noch bis zu 1,5 Millionen Minderjährige unter russischer Besatzung. Mutter Iryna entschied sich zur Flucht, als ihr damals 17-jähriger Sohn den Musterungsbefehl der russischen Armee erhielt.

Source: tagesschau.de