Ukrainekrieg: Wir erleben eine Zäsur in welcher Militärgeschichte

Am Anfang waren die türkischen Bayraktar-Drohnen. Videos von spektakulären Luftschlägen der Ukrainer gegen russische Nachschubkolonnen gingen 2022 viral. Es wurde sogar ein Lied auf sie komponiert. Doch die Bilder täuschten – die Masse der russischen Fahrzeuge wurde im ersten Kriegsjahr noch mit konventionellen Waffen außer Gefecht gesetzt. Unübersehbar ist dennoch, dass sich in diesem Krieg eine rasante technische Entwicklung vollzog: Seit 2024 kommen jeden Tag Tausende und ständig weiterentwickelte Drohnen auf beiden Seiten zum Einsatz. Es gab bald keine Frontlinie mehr, sondern eine Todeszone von 30 bis 50 Kilometer Tiefe, in der kaum Bewegung möglich ist.

Erleben wir eine Revolution der Kriegführung, gar einen Epochenbruch der Militärgeschichte? Viel spricht dafür: Die Defensive scheint erstmals seit mehr als hundert Jahren der Offensive wieder überlegen; wir sehen keinen Bewegungskrieg, keine großen Durchbruchsschlachten, die den Krieg schnell entscheiden. Die russischen Angreifer fanden bislang keine Mittel, die ukrainischen Verteidigungslinien zu durchbrechen. Stattdessen schieben sie die ukrainischen Truppen im Schneckentempo Stück für Stück nach Westen. Ist der schnelle Panzerkrieg als das Nonplusultra konventioneller Kriegführung – von den Vereinigten Staaten perfektioniert im Irakkrieg 1990/91 – also passé?

1914 waren die Militärs nicht vorbereitet

Militärische Technologiesprünge gab es in der Geschichte immer wieder. Die Einführung von Musketen und Artillerie etwa veränderte seit dem sechzehnten Jahrhundert die Kriegführung fundamental. Manche Historiker behaupteten sogar, dass es die neuen Waffen waren, die stehende Heere und ein Rüstungswesen notwendig machten, außerdem den Aufbau staatlicher Verwaltung und die Etablierung eines Bankenwesens. Die neue Waffentechnik führte, so die These, zur Herausbildung des vormodernen Staates. Wenngleich diese Interpretation mittlerweile als zu schlicht gilt, ist unzweifelhaft, dass technologische Innovationen im Militär einen enormen Einfluss auf Staat, Gesellschaft und Streitkräfte hatten. Allerdings vollzog sich dieser Wandel in der Frühen Neuzeit im Zeitlupentempo: Es dauerte mehrere Jahrhunderte, bis sich schnell feuernde Musketen, leistungsfähige Artillerie und in Folge der moderne Festungsbau in Europa durchgesetzt hatten.

Mit der industriellen Revolution im langen 19. Jahrhundert beschleunigte sich das Tempo deutlich. Das Maschinengewehr und die schwere Artillerie erzeugten eine bis dato unvorstellbare Feuerkraft. Lange wollte niemand wahrhaben, dass der Krieg vollkommen neu gedacht werden musste und die Defensive nun der Offensive überlegen war. So gelang es vor 1914 trotz neuer Vorschriften nicht, taktische Flexibilität in die Köpfe des Offizierskorps zu bekommen. Viele hatten immer noch die glorreichen Bilder der siegreichen Attacken aus dem Krieg 1870/71 vor Augen. Als Ende 1914 die Frontlinien im Westen erstarrten, waren bereits 820.000 deutsche Soldaten gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft geraten.

Der übermächtigen Defensive schutzlos ausgeliefert: Französische Soldaten klettern während der Schlacht um Verdun im Jahr 1916 zu einem Angriff aus ihren Schützengräben.Picture Alliance

Die Überlebenden lernten den neuen Krieg zu führen. Erst die Defensive im Stellungskrieg, dann von Herbst 1917 an auch die Offensive. Und sie lösten das größte taktische Problem der Zeit: den Durchbruch durch eine stark verteidigte Stellung. Innerhalb von nur vier Jahren hatte sich die Kriegführung grundlegend verändert. Und dies nicht nur zu Land: Das U-Boot, von dem vor dem Ersten Weltkrieg niemand wusste, ob es überhaupt sinnvoll einzusetzen war, revolutionierte den Seekrieg.

Ähnlich dramatisch war der Wandel im Zweiten Weltkrieg. Die alles dominierende Waffe war das Flugzeug, im Land- wie im Seekrieg: ohne Luftüberlegenheit keine erfolgreiche Offensive. Bomberflotten machten nun auch das Hinterland zum Ziel – mit verheerenden Folgen für Hunderttausende Zivilisten in Europa und Asien. Panzer, Schützenpanzer und Lkw beschleunigten den Landkrieg. Nun konnte man schwer verteidigte Stellungen nicht nur durchbrechen, sondern auch rasch in die Tiefe des Raumes vorstoßen. So vermochte die Wehrmacht Polen und Frankreich innerhalb weniger Wochen zu überrennen. Den Unterschied machten dabei ein gutes Dutzend motorisierte Divisionen.

Im Zweiten Weltkrieg lernten die Alliierten zunächst nur langsam, sodass die Wehrmacht weite Teile Europas überrollen und ihr Schreckensregime ausdehnen konnte. Als die Alliierten sich endlich auf die deutsche Kriegführung eingestellt hatten und in der Folge die Schockwirkung schneller Vorstöße der Wehrmacht ausblieb, erkannte wiederum die deutsche Generalität nicht, dass Masse und Feuerkraft den Krieg entscheiden würden und nicht die kühne Panzeroffensive.

Erst spät fiel in Deutschland der Groschen

Wie schnell lernen die heutigen Armeen aus der neuen Situation? Deutschland jedenfalls wurde von der Drohnenkriegführung kalt erwischt. Im sicherheitspolitischen Dornröschenschlaf hat man über Jahrzehnte alles versäumt, was versäumt werden konnte – politisch, aber auch vonseiten des Militärs. Bereits in Afghanistan machte die Bundeswehr Erfahrungen mit dem Hightech-Krieg der Amerikaner, und manche Offiziere wiesen etwa auf die zentrale Rolle von unbemannten Flugkörpern hin. Aber zu viele Generäle schoben Berichte darüber zur Seite, da sie sich nicht für die Innovation auf dem Gefechtsfeld interessierten. Gleichzeitig wollten große Teile der Politik die neue technologische Realität nicht akzeptieren. In Israel und den Vereinigten Staaten hingegen hatte man die Entwicklung längst antizipiert.

Erst spät fiel in Deutschland der Groschen. Die Start-ups Stark und Helsing stehen inzwischen kurz davor, Hunderte von Millionen Euro schwere Aufträge zur Beschaffung von Kamikazedrohnen für die Bundeswehr zu erhalten. Bei der Marine wurde der Aufbau einer „Drohnenflotte“ angekündigt, die ersten Systeme laufen bereits zu.

Die neuen Waffen der Bundeswehr? Mitarbeiter der Firma Stark Defence demonstrieren den Aufbau ihrer Drohnenwaffe „Virtus“.dpa

Angesichts von mehr als 10.000 Drohnen, die Russland jeden Tag mit der entsprechenden Logistik und Ausbildung im Einsatz hat, sind die Fortschritte in der Bundeswehr jedoch bislang bescheiden. Kulturell sind weite Teile der Streitkräfte noch zu sehr von der Vergangenheit geprägt: durch eine lange Friedenszeit, durch die Auslandseinsätze oder durch die Erinnerung an den Kalten Krieg. Müsste die Bundeswehr jetzt in den Krieg ziehen, ergäbe sich wohl ein ähnliches Bild wie 1914: Einige moderne Ansätze in den Vorschriften und bei der Ausrüstung, manch kluge Idee in den Stäben, aber in der Breite des soldatischen Handwerks ist das Neue noch nicht angekommen.

Gewiss verändern technologische Fortschritte nicht alles auf einmal. Keine Drohne erobert Territorium zurück, dafür werden weiter Panzer, Artillerie und vor allem „boots on the ground“ benötigt. Deshalb wird – nicht nur hierzulande – wieder über die Wehrpflicht diskutiert. Das ändert aber nichts am enormen Anpassungsdruck, unter dem die europäischen Streitkräfte stehen.

Abwehrglocke gesucht

Die Drohnenabwehr ist dabei das dringendste Problem. In den meisten NATO-Staaten wird fieberhaft daran gearbeitet, um so die Voraussetzung zu schaffen, im Ernstfall mit den Landstreitkräften wieder in Bewegung zu kommen und einen langwierigen Stellungskrieg zu vermeiden. Dabei zielt die NATO auf eine Schwachstelle der russischen Streitkräfte: ihr Führungsproblem. Zwischen dem Generalstab und den Brigaden an der Front fehlt die operative Ebene, was die Truppe in Krisensituationen unbeweglich macht. Um diese Schwächen auszunutzen, müsste die NATO im Grunde lernen, den Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts mit der Technologie von heute zu führen. Das heißt: bewegliche Verbände einsetzen, die den Kampf rasch entscheiden können.

Doch auch dies wird nur gelingen, wenn eine mobile Abwehr der Tausenden russischen Drohnen gefunden werden kann. Noch gibt es keine wirklich zufriedenstellende Lösung, um die eigenen Verbände mit einer Abwehrglocke zu schützen. Zwar wird bislang viel ausprobiert – Anti-Drohnen-Drohnen, Störsender, Flakpanzer, Laser bis hin zu Schrotgewehren –, aber noch ist die Größe des Problems technisch nicht beherrschbar.

Von einer effektiven Lösung hängt ab, ob Europa Russland konventionell abschrecken kann. Gelingt dies nicht, führt die Evolution der Waffentechnologie in der Ukraine womöglich zu einer Revolution auf Schlachtfeldern des Westens – zu unseren Ungunsten. Im Ernstfall müssten dann alle diese Defizite – das lehrt die Militärgeschichte – mit vielen Toten erkauft werden. Daher gilt heute mehr als je zuvor: Politik und Militär müssen Reden und Handeln in Einklang bringen. Der Bundeskanzler ist im Wort: Auf der Münchner Sicherheitskonferenz kündigte er erneut an, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Damit hat er dieses Projekt zum Prüfstein seiner Amtszeit gemacht.

Sönke Neitzel ist Professor für Militär- und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam.

Source: faz.net