Übernehmen von Schlachter: Deutsches Putenfleisch, britischer Art

Der Name Heidemark alleine kann wenigen Menschen etwas sagen, aber wer schon einmal Putenfleisch im Supermarkt gekauft hat, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Produkt des Familienunternehmens aus dem niedersächsischen Ahlhorn im Einkaufswagen gehabt haben. Gut 50 Prozent Marktanteil hat Heidemark, was sich in eine Jahreskapazität von rund 200 Millionen Kilogramm Putenfleisch im Jahr übersetzt. 2300 Mitarbeiter arbeiten für das Unternehmen an fünf Standorten, sie erwirtschaften rund 760 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Die seit drei Generationen dahinter stehende Familie Kalvelage verabschiedet sich jetzt aber aus dem Geschäft. Damit kommt es in der Lebensmittelbranche zu einer weiteren Konsolidierung. Wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte, wird das Boparan Private Office neuer Eigentümer von Heidemark. Das Unternehmen, hinter dem der britische Milliardär Ranjit Boparan steht, will den deutschen Putenproduzenten in eine Tochtergesellschaft eingliedern, die Storteboom Food Group. Die wiederum sitzt in den Niederlanden und ist bislang vor allem auf Hähnchen spezialisiert.

4,3 Millionen Hähnchen pro Woche werden von rund 3500 Mitarbeitern an neun Standorten in Europa verarbeitet – aber bislang eben nicht in Deutschland. Die Storeboom Food Group setzt etwas mehr als 1,2 Milliarden Euro um, die gesamte Boparan Gruppe, zu der noch weitere britische Lebensmittelhersteller gehören, kommt auf Erlöse von mehr als fünf Milliarden Euro.

Konsolidierungstrend auf dem Lebensmittelmarkt

Der Konsolidierungstrend ist auf dem Lebensmittelmarkt seit einiger Zeit sichtbar, ob bei Milch oder Fleisch. Während aber der Verzehr von Schwein sinkt, stagnierte das Geschäft mit Putenfleisch, Hähnchenfleisch wird jedoch jedes Jahr mehr gegessen. Auch Heidemark ist in das Geschäft eingestiegen und hat sich vom reinen Putenproduzenten zu einem breiter aufgestellten Geflügelspezialisten entwickelt.

Allerdings soll das Interesse der Familie daran, das Geschäft selbst zu internationalisieren und zu vergrößern, überschaubar gewesen sein. Deshalb war auch bei Heidemark im Markt schon seit längerer Zeit über einen Verkauf spekuliert worden, vor allem seitdem im Februar 2025 mit Andres Ruff ein familienfremder Manager die Geschäftsleitung übernahm. Ruff kam vom Schweinefleischriesen Tönnies, er wurde auch geholt, um die Umsätze über die Milliardenmarke zu heben. „Wenn es uns gelingt, vom Puten-Spezialisten zum schlagkräftigen Geflügel-Vermarkter zu werden, dann war der Einstieg für mich ein Erfolg“, sagte der Manager im vergangenen Jahr der Lebensmittelzeitung zu seiner eigenen Motivation. Er hat jedenfalls noch nicht genug: Ruff soll auch nach der Übernahme im Amt bleiben, hieß es in der Mitteilung.

„Großer Respekt“ vor Heidemark-Geschäft

Auch an der Aufstellung des Unternehmens soll sich vorerst nichts ändern: „Die aktuellen Standorte von Heidemark werden beibehalten, während wir gleichzeitig weitere Investitionen planen“, ließ sich Ruff in der Unternehmensmitteilung zitieren. Das war offenbar für die Eigentümerfamilie auch ein wichtiger Grund im Verkauf. Zumindest vertraut Christopher Kalvelage auf den „familienunternehmerischen Geist“ des Käufers: „Die Zusage, dass alle Mitarbeitenden ihre Arbeitsplätze behalten und das Management an Bord bleibt, war uns sehr wichtig. Auch die Perspektiven des neuen Besitzers haben uns, die Familie Kalvelage, sehr überzeugt.“ Der Käufer Boparan drückte in der Mitteilung seinen „großen Respekt“ vor dem Heidemarkt-Geschäft aus. Man könne in den kommenden Jahren viel voneinander lernen.

Der 59 Jahre alte Boparan, der in britischen Medien oft als „Chicken King“ bezeichnet wird, stammt aus den West Midlands in der Region Birmingham. Er hat sein Geschäft, das vor allem für die 2 Sisters Food Group bekannt ist, Anfang der Neunzigerjahre aufgebaut. Nach der aktuellen Reichenliste der „Sunday Times“ soll das Vermögen der Familie im letzten Jahr von 750 Millionen Pfund auf mehr als eine Milliarde Pfund angewachsen sein. Zum Kaufpreis von Heidemark machten die Unternehmen am Donnerstag keine Angaben. Aber Geldsorgen dürften auch die deutsche Gründerfamilie nicht plagen: Was 1965 mit einer Futtermühle begann, ist heute Europas größter Putenproduzent. Genehmigt werden muss die Transaktion noch von der Europäischen Kommission.

ArtBirminghamChristopherDeutschlandDreiEuroEuropaEuropäischen KommissionFleischFoodGenerationenGroßbritannienInvestitionenKingLernenMANManagerMedienMilchMotivationNeuerSelbstUmsätzeUnternehmenVermögenWestWillZeit