Die Menschen in der kleinen Fußgängerpassage trauten ihren Augen nicht. Zwei schwarz vermummte Männer bauten sich am Samstagmorgen um 10.34 Uhr vor dem Juwelier Gregory & Co. in Richmond auf. Einer zog plötzlich einen Vorschlaghammer hervor und drosch auf die Schaufensterscheibe ein. Nach etwa einer Minute war das Panzerglas zerbrochen.
Die Männer rissen es ab und griffen in die Auslage nach dem Schmuck. Von innen versuchte der Juwelier noch, Gold und Diamanten zu retten, dann rannten die Männer los und verschwanden. Ein Video des Vorfalls vom vergangenen Wochenende im wohlhabenden Stadtteil Richmond im Südwesten Londons kursierte in sozialen Medien und ist inzwischen acht Millionen Mal gesehen worden.
Es ist der dritte spektakuläre Raubüberfall auf Juweliere und Uhrengeschäfte in London innerhalb von zwei Wochen. Und er hat die Debatte über die Sicherheitslage in der britischen Hauptstadt neu belebt. Zwei Tage zuvor attackierten mehrere Männer das Geschäft Sultan Jewellery im Stadtteil Shepherd’s Bush, einer wurde nachher gefasst.
Schnelle Taten auf Videos dokumentiert
Mitte Januar gab es einen Überfall auf einen Rolex-Uhren-Laden in Knightsbridge im Luxuskomplex One Hyde Park, nur etwa hundert Meter vom Kaufhaus Harrods entfernt. Dort drangen sechs Männer mit Motorradhelmen in ein Geschäft des Schweizer Juwelier- und Uhrenhandelskonzerns Bucherer ein.
Sie bedrohten die Ladenmitarbeiter und Passanten mit Macheten, raubten dann Uhren im Wert von mehreren Zehntausend Pfund und flohen auf kleinen Motorrädern. Auch von diesem Überfall existieren Videos. Die Polizei hat bislang keine Täter gefasst.
Die Tat im One Hyde Park, einem der teuersten Wohngebäude Londons, hat ein großes Echo in der Bevölkerung ausgelöst. Offenbar war sie auch ein Auslöser dafür, dass der Schauspieler Tom Cruise sein Apartment dort Ende Januar aufgab, das er vor fünf Jahren für 35 Millionen Pfund (40 Millionen Euro) gekauft hatte. Der Amerikaner soll sich nicht mehr sicher gefühlt haben, sagte eine Quelle aus seinem Umfeld der Zeitung „Daily Mail“.
Geht das Verbrechen „durch die Decke“?
Besonders aus rechten Kreisen in Amerika tönt es schon länger, dass London eine furchtbar gefährliche Stadt geworden sei. US-Präsident Donald Trump sagte – kurz nach seinem Staatsbesuch – im September gegenüber Journalisten, in London ginge das Verbrechen „durch die Decke“. Im November behauptete er, wegen der Messerkriminalität wolle niemand mehr durch bestimmte Viertel in London gehen.
Man werde dort „in den Arsch gestochen oder schlimmer“. Unter dem muslimischen Bürgermeister Sadiq Khan werde die Stadt von islamischen Fundamentalisten überrannt. Es gebe eine „No-Go“-Area, in die sich selbst die Polizei nicht mehr traue, so Trump. Auch der Chef der erfolgreichen Rechtspartei Reform UK, Nigel Farage, wettert gerne gegen das „gesetzlose London“.
Das wollte die Metropolitan Police nicht auf sich sitzen lassen. Polizeichef Mark Rowley betont, dass die Gewaltkriminalität zurückgehe. Vergangenes Jahr gab es 97 Mordopfer, das waren 1,1 je 100.000 Einwohner. Im Jahr zuvor waren es noch 109 Morde. Die Zahl der Menschen, die mit Messerstichwunden ins Krankenhaus kamen, sei innerhalb von fünf Jahren um 29 Prozent von 1350 auf 955 gesunken.
Polizei spricht von niedriger Mordrate
„London ist sicherer denn je – mit der niedrigsten Mordrate seit über einem Jahrzehnt und der niedrigsten Pro-Kopf-Rate aller Zeiten“, so Rowley. Es gebe weit weniger Mordopfer als in großen nordamerikanischen Städten wie New York und Houston. Auch verglichen mit EU-Hauptstädten wie Paris, Berlin und Brüssel sähen die Zahlen günstig aus, betonte Rowley in einem „Times“-Gastbeitrag – wobei die Londoner Polizei für Berlin eine zu hohe Zahl angab.
Abseits der Gewaltkriminalität sieht das Bild indes nicht so rosig aus, wie es Polizeichef Rowley zeichnet. In Wirtschaftskreisen wird zugegeben, dass die Wahrnehmung der Stadt als kriminell dem Standort schade. Der Chef des Wirtschaftsressorts der Zeitung „London Standard“ (früher „Evening Standard“) warnte, dass es deshalb ein echtes Problem geworden sei, Investoren aus Fernost zu begeistern. Reiche Asiaten und Araber fragten kritisch.
Man spricht über die zunehmende Zahl von Überfällen auf Besitzer teurer Uhren. Jedes Jahr werden etwa 1500 Luxusuhren im Wert von mehr als 3000 Pfund geraubt. Nur jeden 88. Fall konnte die Polizei aufklären. Im vergangenen Sommer wurde ein junger Mann von Uhrenräubern vor einem Fünfsternehotel in Knightsbridge erstochen.
Zahl der Ladendiebstähle verdoppelt
Stark zugenommen haben die Ladendiebstähle, über die Einzelhandelsunternehmen stöhnen. Sie stiegen 2025 um zwölf Prozent zum Vorjahr. Die Diebe stehlen monatlich Waren im Wert von rund 17 Millionen Pfund, ergab eine neue Auswertung, über die der „Standard“ berichtete. Händler zeigten innerhalb von zwölf Monaten 99.363 Diebstähle an – allerdings wird bei weitem nicht jeder Fall der Polizei gemeldet, sagen Fachleute.
Seit 2021 hat sich die Zahl der gemeldeten Delikte mehr als verdoppelt. Polizeichef Rowley gab zu, dass die Polizei eine Zeit lang zu wenig unternommen habe. Das ändere sich nun. Auch Innenministerin Shabana Mahmood hat dem Ladendiebstahl den Kampf angesagt, nachdem Reform-Chef Farage es landesweit zum Kampagnenthema gemacht hat.
Eine regelrechte Epidemie sind in London zudem die Handy-Räuber. 2025 wurden etwa 80.000, vor allem iPhones des Herstellers Apple, gestohlen. Innerhalb von fünf Jahren stieg die Zahl der Fälle um mehr als ein Viertel. Die Themse-Metropole gilt inzwischen als „Diebstahl-Hauptstadt Europas“ für Mobiltelefone.
Junge Männer auf E-Bikes fahren durch die Innenstadt und entreißen Passanten ihre Geräte. Im Oktober konnte die Metropolitan Police eine internationale Bande zerschlagen, die für 40.000 Handy-Diebstähle verantwortlich sein soll. Die Beute wurde nach China verschifft. Ebenfalls viele Geräte landen in Nordafrika.